Worthülsen

Zwei Federn auf dem Weg, Christine, Sept. 2021

Du sagst, Ich liebe dich, Ich dich, sag ich. Welten von Deutungen, öffnen sich. Galaxien von Bildern, Meere von Gefühlen.

Du sagst Worte, wie ich, mehr nicht. Vehikel nur ins Licht, des Augenblicks. Von Angesicht zu Angesicht.

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Spätblüher

Aquarell, Christine 2021

Jetzt nehme ich mir, was ich kann, ich finde, ich bin jetzt mal dran und lasse meine Knospen sprießen, vom Füllhorn Freude mich begießen.

Du sagst, ich sei die Anemone, blüht spät, im Herbst, ob sich das lohne? So kurz bevor der Winter naht?

Und ich frag dich, hast du gewusst, dass eine Blume gar nichts muss? Sie blüht stets wenn sie kann, wie schon gesagt, ich bin jetzt dran.

Drum nehme ich mir diesen Kuss, mag sein, den letzten, vor dem Schluss, tauch ein im Kreislauf der Natur, richte mich nicht nach deiner Uhr.

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An meine Muse

Foto: Christine, September 2021

Es ist Freitag gegen zehn, ich will gerade duschen gehen, Handy klingelt, ich geh ran, ruft mich meine Muse an.

Fein, denk ich, bin inspiriert, weil ich weiß, was gleich passiert. Funkenflug in Hochfrequenz, ohne eine Konkurrenz.

Muses Themen ohne Gleichen, niemand kann ihr ‘s Wasser reichen. Ich hör zu und speicher ab, lache mich dabei fast schlapp.

Leben ist nicht nur ein Reim, auch die Muse sieht das ein, grüsst und ist auch schon verschwunden. Ich gestehe unumwunden, dass ich meine Muse brauch.

Und ich weiß, sie braucht mich auch.

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Der kleine Mut

Foto: Martina Brüne, Kunstraum 300

Er lernte gerade selber laufen, allein ein Erdbeereis zu kaufen, mit Sahne, drunter und viel drauf und träumte von dem großen Lauf, den er aus eigner Kraft mal schafft.

Er lernte gerade, Ich zu sagen, sich mal zu zeigen, was zu wagen und spürte, das tut richtig gut, hey, Ich bin Knut, der kleine Mut. Und wenn ich erstmal größer bin, krieg ich ganz andre Dinge hin.

Die Zeit verging und Knut begann, Fuß zu fassen und fing an, manches zu tun, andres zu lassen, erkannte, es gibt kein Zurück und großer Mut führt oft ins Glück. So wuchs er Stück für Stück.

Jetzt kauft sich Knut ganz ohne Scham, denn darauf kommt es gar nicht an, ein riesengroßes Sahneeis und denkt sich still, Jawoll, vom Glück weiche ich keinen Zoll. Ich weiß ab jetzt, was mir gut tut, lächelt, grüßt freundlich und wünscht Mut,

Danke liebe Martina, für die Inspiration am Morgen. Sahneeis für meine mutige Seele! 🍦

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Durchhalten

Foto: Christine, Sept. 2021

Halte durch, hast du gesagt, Wie denn?, ich mich still gefragt, und dann keinen Plan gehabt, weder A, geschweige B, ratlos nur, von Kopf bis Zeh.

Mach‘s dir schön, hast du gesagt, Wie denn?, mich flüsternd gefragt, Buch gelesen, Zigaretten, Waldspaziergang, Welt noch retten?

Sorg dich nicht um mich geschrieben, mich dann stoisch angetrieben, mal geduscht nach drei, vier Tagen, sogar etwas Neues wagen, Nagellack und Lippenstift, weißt du wie es wirklich ist?

Ungeschminkte Wirklichkeiten, sind es, die zu allen Zeiten uns zum Durchhalten streng zwingen, sind wie Messers scharfe Klingen, stechend Schmerzen uns abringen.

Dann, ein feines, helles Scheinen, Licht im Tunnel, Schluss mit Weinen und mit Jammern auch, Garaus dem nur halb sich fühlen und Geschirr mit Hand mal spülen, dazu Musik für den Bauch, Herzgebrauch.

Durchhalten.

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Love & Peace

Um meine Liebe ranken sich Gerüchte und Gedanken, sie sei umwuchert, liderlich, gar irgendwie am Schwanken.

Um all mein Denken wickelt sich derweil ein pinkes Band, es schnürt nicht, ist der Freiheit Freund, als Liebe mir bekannt.

Um all mein Sein da strahlen stets des Regenbogens Farben. Come on my friend, feel love and peace, Du darfst dich daran laben.

(c) ideenlese

Emilie

Emilie my Enemy, wie Efeu wucherst du.

Emilie my Enemy, was sagst denn du dazu?

Emilie my Enemy, wir beide sind Rivalen. Nur hab ich keine Lust dazu, allein dafür zu zahlen.

Emilie my Enemy, nimm dir von meiner Liebe.

Emilie my Enemy, im Tausch, dass ich noch bliebe.

Emilie my Enemy, komm, trinken wir ein Bier. Vielleicht wirst du mir Freundin sein und ich bleibe noch hier.

(c) ideenlese

Ich brauche dich nicht

Ich brauche dich nicht, damit du mein Ego mit Champagner abfüllst, duselig machst von sich selbst, ihm schmeichelst, es anbetest wie ein Götzenbild.

Ich brauche dich nicht, als Ideal, geschniegelt und geleckt, wie aus dem Ei gepellt, glatt wie Mamor, eine immer gleiche Statue, glänzend und stark.

Ich brauche dich in deinem Schmerz, deiner Erschöpfung, deiner Müdigkeit. Mit all deinen Wunden und Narben, in deinen schwächsten Momenten, in deinen dunkelsten Stunden, deiner Angst, deinem Zweifel.

Ich brauche dich wie einen Spiegel meiner Seele, brauche dich auf den Schlachtfeldern der Kämpfe, die meine und deine sind, wie sie schon immer unsere waren.

Ich brauche dich in allen Facetten der Liebe. So brauche ich dich. So brauche ich mich. So brauchen wir uns.

(c) ideenlese

Inner Picture

Christine, 21/09/12

Turned into space, in me, I see true colors of soul. My inner image shines out of space into space.

Entering the universe, in you, I see your soul, your colors. Mix with my belief that we are from space, in space.

Forever and ever. One.

(c) ideenlese

Ziehen

Es zieht mich zu mir hin, hinein, tief ins Sein, das mir allein gehört, mich nichts und niemand stört.

Es zieht mich an, das was ich sehe, spüre, was mich trägt, mit stillem Lächeln mich bewegt, dahin wo es mich zieht.

(c) ideenlese

Ohne Dich

Wie wär es wohl, so frag ich mich, gewesen, so ganz ohne dich, wie wär es wohl, die nächste Frage, wärest du nicht an diesem Tage, hereingeflogen in mein Leben?

Wie wär es wohl, wenn ich nicht weiß, wo du heut wohnst und wie du heißt, was dir gefällt und auch was nicht, wie wäre es wohl ohne dich?

Wie wär es wohl, wenn du verschwindest, und das auch gar nicht erst begründest, ganz einfach weg bist ohne Grüße? Ich glaub, ich kriegte kalte Füße und Schüttelfrost dazu.

Wer wäre ich denn ohne dich? Ich wäre ich. Zwar jämmerlich für Ewigkeiten, zu schwach um Essen zu bereiten, zu traurig um zu lächeln gar. Und trotzdem wäre ich noch da.

(c) ideenlese

Die Rückkehr

Nostalgie ist ein Gaukler. In bunte Gewänder gehüllt, ein Wesen wie entsprungen aus einer anderen Welt, lacht er, tanzt und wirft bunte Bälle in die Luft. Er gaukelt dir vor, wie einfach und leicht und sorglos es war. Damals. Früher.

Süß ist erinnert nicht nur süß, sondern zuckersüß. Das Gras ist nicht nur grün, sondern grüner. Der verführerische Gaukler ist sexy. Mit Leichtigkeit lockt er dich, mit vertrauter Innigkeit, nimmt er deine Hand, sieht dir tief in die Augen und singt dir ein Lied, das deine Seele dahinschmelzen lässt und du willst nur noch eins: Dahin zurück, wo es sich so anfühlte. Dein Leben. So wie es war. Vorher. Früher. Damals, bevor… was auch immer. Nur, war es so?

Es ist lange her, dass ich auf dieser Route unterwegs war. Bilder, Gefühle, Erinnerungen ploppen auf. Ungefragt und unkontrolliert, verspielt wie Hundewelpen, drehen sie sich um sich selbst, toben und verbeißen sich spielerisch ineinander.

Heimweh und Sehnsucht keinem auf dem feuchten Beet der uralten Erinnerungen.

Ich fahre durch die Stadt, durch die Straßen, vorbei an den Häusern, in denen ich gelebt, geliebt, gespielt habe. Vorbei an Orten, durch Dörfer, schließlich, im Zwielicht der Abenddämmerung durch den Wald. Ich liebe es. Das Licht und diesen Wald am Ende der Welt.

Was, wenn ich zurückkehre? Hierher, in die alte Heimat?  Es ist so schön hier. Warum habe ich das damals nicht gesehen? Ich biege ab, fahre durch ein Dorf, es ist still, morbide und leblos.

Könnte ich hier wieder leben?
Ich könnte hier wieder leben.

Ach ja? Damals wolltest du raus, einfach nur weg von hier. Erinnerst du dich? An die Enge, auch die in den Köpfen, die dich wie ein Korsett eingeschnürt hat?

Cut.

Es gibt keine Rückkehr.
Schon gar keine Rückkehr zu etwas, das nur in einer weichgezeichneten Erinnerung Bestand hat und das ausblendet, was schon damals nicht gut war. Vor der Zäsur. Es gibt Gründe, warum etwas passiert, reinknallt, aus der Bahn wirft und zerstört. Wenn es zu arg ist, hilft Verdrängung, macht, dass man weiterleben kann, im Sparmodus, weil die Speicher voll sind.

Wie lange geht so etwas? Wann ist es Zeit, hinzuschauen, auszumisten, zu erkennen, dass es anders werden muss, wenn es gut werden soll?

Es ist ein Virus und seine Mutationen, eine Pandemie, die weit über das eigene Leben hinauswirkt, die keiner noch so wohlwollenden Erinnerung standhält, uns aber dennoch glauben und hoffen lässt, dass wir eine Rückkehr antreten können in das Leben, die Bedingungen, die Umstände, die vor Ausbruch geherrscht haben.

Es gibt keine Rückkehr in ein Leben, das in der Vergangenheit liegt. Wir können nicht so tun, als sei nichts geschehen. Es ist viel passiert. Konstruktives wie Destruktives. Wir tragen Masken, die uns lehren, dass Masken fallen müssen. Im Privaten und in der Welt. Es hört nicht auf. Es fängt gerade erst an interessant zu werden.

Der Gaukler der Nostalgie sitzt allein auf einem Stuhl, den Kopf auf die Hände gestützt, die Augen geschlossen. Er spürt, dass es schwerer wird, Menschen etwas vorzugaukeln. Er spürt, dass sein Talent und seine Qualitäten auf eine neue Ebene gehoben werden müssen, damit sie wirken und bewegen können.

Ach?
Cut.
Mut und Lust, Offenheit und die Bereitschaft, das, was früher in unserem Leben war, neu kennenzulernen, einkalkulieren, dass es auch Dinge, Verhaltensweisen, Denkweisen und Menschen gibt, die wir loslassen müssen, auch wenn es wehtut, weil wir sonst nicht in unserem Leben sind, sondern irgendwo anders, halte ich für eine gute Idee.

Der unvoreingenommene, neue Blick auf das, was jetzt und hier ist, die Erkenntnis, dass man einiges so wie es war in Zukunft nicht mehr will und kann, die Sehnsucht, zu gestalten, zu handeln, vielleicht ehrlicher und mutiger, vielleicht kritikfähiger, stiller oder lauter zu werden, wachsen lassen.

Nach einer Zäsur folgt zwangsläufig ein Neuanfang. Muss ein Neuanfang folgen.

Es gibt keine Rückkehr. Sie ist ein Gaukler. Und wenn wir genau hinsehen, dann wirft sie ihre Bälle niemals in der immer selben Reihenfolge in die Luft, singt ihr Lied niemals auf die immer selbe Art und Weise, tanzt ihren Tanz niemals mit den immer selben Schrittfolgen.

Sondern immer ein bisschen neu.


Das Tagebuch


Für dich und deine kleinen Geheimnisse steht auf der ersten Seite. Ich kenne die Handschrift gut. Die runden, fast lieblichen Auf- und Abschwünge, ihre ängstliche Korrektheit und die kleinen Lücken zwischen dem ersten und dem zweiten Buchstaben eines Wortes; wie ein Einatmen, das sich auf den ersten Ton eines Liedes vorbereitet, innehält und dann doch tonlos in einem Pfff vergeht.

Ich kenne dieses Schriftbild, das niemals die Linien überschreibt, sie nur an der Grenze zur Freiheit berührt, wie eine Provokation und sich dann wieder der Enge fügt.

Später imitiere ich die Schrift perfekt, wenn ich Entschuldigungen für Fehlstunden in der Schule oder eine Unterschrift unter der Fünf in Mathe oder der Sechs in Französisch brauche. Mon Dieu.

Ich mag das Buch auf den ersten Blick. Es duftet nach Puder und Holz und fühlt sich wie ein kleines Kissen an. Ich streichle den Stoff, drückte auf das blaugrün karierte Leinen und fühle unter der soliden Hülle die weiche Wattierung. Wenn ich stärker drücke, spüre ich den Widerstand der dicken Pappe unter dem Polster, das die zarten Seiten schützt.

Unbeschriebene Blätter ohne einengende Linien und normierte Kästchen. Geschützt und von einem Band aus rotem Leder gehalten, verschlossen und nur mit einem winzigen Schlüssel zu öffnen.

Ich bin dieses Buch. Und nur ich habe den Schlüssel.

Durchscheinende Blätter, deren Ränder in zartem Gold schimmern. Fast wie ein Gebetbuch. Seiten, die bereit sind, sich mit Wahrheit, Ideen und Gedanken zu füllen. Bereit, alles aufzunehmen und im Stillen zu verarbeiten, was für niemand anderen Zugang haben darf.
Ein Tagebuch.
Ein Schatz, der erst geborgen werden darf, wenn die Zeit dafür reif ist. Meine kleinen Geheimnisse sind wie ein Hauch. Die Worte dafür haben mich noch nicht gefunden.

Aber ich ahne, dass dieses Tagebuch mir nicht allein gehört. Ich weiß, dass es vor seiner Reife gelesen wird. Immer wieder. Vom ersten Tage an ist mein Tagebuch ein offenes Buch. Ein Buch, das ich nicht für mich schreiben kann. Ein Buch, das gelesen werden muss. Aus Angst, aus Sorge, dass ich von Wegen abkomme. Kann von Wegen abkommen, die nicht die eigenen sind? Erwirbt man Vertrauen dadurch, dass man es bricht wie ein Siegel?

So lerne ich, Geschichten zu schreiben und Fährten zu legen. Später, mit zwölf flechte ich kleine Botschaften ein, schreibe Listen mit Dingen, die ich auf meine Flucht mitnehmen werde, sende Friedensangebote und Hilfeschreie, die erschöpft zusammenbrechen bevor sie ihr Ziel erreichen. Und ich lerne, wie es sich anfühlt, wenn man Vertrauen verliert.

Ich bin schüchtern, verschlossen und still.
Ich bin eine junge, sehr gute Beobachterin, ein Kind mit sieben Siegeln, das die Spiele der Erwachsenen intuitiv durchschaut, wie es nur Kinder können.
Ein Kind, das sich mit den Dingen des Lebens und dem Tod beschäftigt, ein Kind, dem die Vorstellung der Unendlichkeit des Universums große Angst macht und gleichzeitig in seinen Bann zieht. Ein Kind, das sich in eine andere Umgebung beamen kann, wenn es zu laut wird und zu grell und zu bedrohlich.

Ein kleines Mädchen mit dünnen Lauchhaaren, das so gerne lange und lockige Haare hätte und sich eine Strumpfhose auf den Kopf zieht und die Wollbeine mit einer Taftschleife zu einem dicken Zopf knotet.


Je länger man ohne Pause schreibt, umso mehr tauchen Erinnerungen auf, die einen beschäftigen, nicht mehr loslassen.
Unweigerlich wird man beim Schreiben zum Medium. Mit manchen Erinnerungen will man nichts zu tun haben. Manchmal ist Vergessen die bessere Möglichkeit. Oder doch nicht?

Es gibt eine Art von Kummer, die nicht geheilt werden kann, aber die mich antreibt und gleichzeitig verwirrt. Zu vergessen würde bedeuten, die Geschichte verebben zu lassen und damit unseren Hintergrund auszutrocknen. Manchmal sind die Geschichten zu traumatisch, dann ist es besser, sie verhungern zu lassen. Das muss jeder selbst entscheiden. Schreiben ist wie mit der Vergangenheit zu telefonieren und sie in die Gegenwart zu holen. Alles wird gegenwärtig. Ist wieder da. Jetzt.

Dieser Text könnte von mir sein. Ist er aber nicht. Die große Doris Dörrie hat ihn geschrieben und mich damit im Mark erschüttert. Im positiven, im kreativen im schönsten Sinne und mich ermutigt, Erinnerungen wie Perlen auf eine Schnur innerer Wahrheit zu ziehen und daraus mein Schmuckstück zu machen.

Zu schreiben bedeutet, nicht vor der Wahrheit zu fliehen, sondern in sie zurückzufinden, schreibt Frau Dörrie.

Offenheit kann zu Verletzungen führen; aber auch zu großer Freiheit und Freude. Und last but not least zu heilsamer Unterhaltung mit Wiedererkennungswert.

Das ist die Richtung, aus der der Wind in die Segel des Ideenlese Schiffes bläst. Ein neues Projekt! Vielleicht das Buch, das zu schreiben jetzt reif ist. Schreib dir die Seele aus dem Leib, tauchte vor Monaten während einer Meditation in mir auf. So soll es sein. Schreib, Mädchen, schreib.

Die zarten, goldumrandeten Blätter beschrieben mit Geschichten, die verbinden, in dem Augenblick, in dem sie geteilt werde.

Danke an alle, die mich inspirieren. Die meisten tun es, ohne es zu ahnen.








Die Windspiele

Es war einmal vor langer Zeit, da hingen in der Pagode eines japanischen Gartens zwei Windspiele. Das eine wusste vom anderen nicht. Doch in den Nächten, wenn die Dunkelheit die Seele wachküsst, spürten beide, dass sie verbunden sind und dass die Zeit der Begegnung noch kommen würde.

Sie waren schön, die beiden Windspiele. Das eine glänzte und strahlte in allen erdenklichen Blautönen, das andere glitzerte in allen Grüntönen, die der große Farbenmeister erschaffen hatte.

Ihre eleganten Klangkörper brachten die wunderschönsten Töne hervor. Die Menschen, die den Garten zu ihrer Zerstreuung aufsuchten, freuten sich über die beiden Windspiele und klatschten vor Vergnügen in die Hände. Die Kinder lachten fröhlich auf, wenn die Windspiele spielerisch im Luftzug tanzten.

Eines Tages entschied sich der Wind, seine sanfte Brise auffrischen zu lassen. Und da geschah es, dass sich die beiden Mobiles zum ersten Mal zart berührten.

Später erinnerten sich die alten Menschen, dass in dieser Nacht ein Funkenregen aus blauen und grünen Sternen vom japanischen Garten in den Himmel gestiegen war.

Von dem Tage an, an dem sich das blaue und das grüne Windspiel berührt hatten, erstrahlten ihre Farben noch intensiver und ihre Klänge wurden noch reiner. Es begann eine schöne und unbeschwerte Zeit mit Spiel und Tanz.

Doch dann geschah es.

Über dem japanischen Garten zogen dunkle Wolken auf. Schwarz bäumten sie sich zu bedrohlichen Himmelsungeheuern auf. Der Sturm kam, wurde zum Orkan und fegte viele Stunden über das Land. Er war so stark, dass er Bäume entwurzelte, Dächer von Häusern riss und die Wellen des Meeres zu fürchterlichen Wassermonstern wachsen ließ, die alles verschlangen, was sich ihnen in den Weg stellte.

Drei Tage und zwei Nächte tobte das Unwetter über das Land, in dem einst der japanische Garten geblüht hatte.

Auch die beiden Windspiele blieben nicht verschont. Die seidenen Fäden, die ihre Figuren und Klangkörper gehalten hatten, waren vollkommen ineinander verstickt. Einige waren sogar gerissen.
Das Wasser hatte ihre Farben ausgewaschen. Sie strahlten nicht mehr und waren nur noch ein Bild des Jammers.

Da hingen sie nun. Jedes für sich in seinem Elend. Sie konnten nicht miteinander spielen und sich nicht berühren. Der Sturm hatte sie viel zu weit voneinander entfernt.

Es herrschte Flaute, absolute Windstille und eine große Hitze setzte ein. Es wehte kein Lüftchen und kein Mensch besuchte den verwüsteten japanischen Garten. So ging das viele Wochen.

Doch dann, eines Tages, die Sonne stieg gerade über den Horizont, kam ein Gärtner des Weges, blieb an der Pagode stehen und betrachtete die beiden Mobiles mit traurigen und müden Augen.  Er erinnerte sich daran, wie schön sie einst gewesen waren und wie viel Freude sie aneinander gefunden hatten. Und wie sehr sich die Menschen an ihnen erfreut hatten, die im japanischen Garten spazieren gegangen waren.

Der Gärtner war müde und seine Hände taten ihm weh, denn er hatte viele Wochen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in dem japanischen Garten gearbeitet. Jetzt wollte er nach Hause gehen und sich ausruhen. Doch die verzweifelten Windspiele rührten sein Herz. Also nahm er erst das eine, dann das andere von seinem Haken und betrachtete sie in aller Ruhe. Wie schön und heiter sie einmal gewesen waren, damals, vor dem großen Sturm.

Ganz vorsichtig, nur mit den Fingerspitzen berührte er die Figuren und versuchte die Fäden zu entwirren. Doch seine Finger waren von der harten Arbeit geschwollen und voller Blasen und er war es nicht gewohnt, mit so zarten Gegenständen umzugehen. Und er war so müde, dass ihm fast die Augen zufielen. Ungeduldig griff er zu seiner Schere.

Als er gerade den ersten Knoten aufschneiden wollte, stand plötzlich ein kleines Mädchen vor ihm. Sie sah ihn aus großen, dunkelgrünen Augen und mit ernstem Gesicht an. Der Gärtner hielt inne.

Ohne ein Wort zu sagen, nahm ihm das Mädchen sicher und vorsichtig das Mobile aus der Hand, das einst blau gewesen war. Sie legte es anmutig auf den Boden und begann, ganz langsam und achtsam, einen Faden nach dem anderen zu entwirren. Jede befreite Figur legte sie zur Seite, strich mit ihren zarten Kinderhänden darüber, gerade so, als wolle sie die Figur von Staub befreien und sie zu neuem Leben erwecken.

Und siehe da, wie durch ein Wunder kehrte die Farbe zurück.

Am nächsten Morgen ging der Gärtner schon sehr früh in den japanischen Garten. Nebel verhüllte die Morgenröte noch, wie der Schleier einer Braut das Gesicht verhüllt. Doch als er an der Pagode ankam, was das kleine Mädchen schon da. Sie war nicht allein. Ein Junge mit blonden Haaren und blauen Augen war bei ihr und reparierte ruhig und geduldig die Klangkörper des grünen Windspiels.

Es vergingen von nun an dreimal sieben Tage. Am Abend des einundzwanzigsten Tages, der Mond zeigte sich voll und prall, hatten die beiden Kinder ihr Werk vollbracht. Stolz und mit strahlenden Augen hielten sie dem Gärtner die Windspiele entgegen. Alle Fäden waren entwirrt, alle Knoten waren gelöst und eines strahle in den wunderschönsten Grüntönen und das andere in allen Nuancen von Blau.

Der Gärtner faltete seine Hände vor der Brust, verbeugte sich vor den beiden Kindern und nahm die beiden Windspiele entgegen. Er hängte sie an den schönsten Platz in der Pagode. Als er sich umdrehte, um sich von den Kindern zu verabschieden, waren sie verschwunden.

Jeden Tag besuchte der Gärtner die Windspiele in der Pagode. Es entging ihm nicht, dass ihr Klang jetzt demütiger und tiefer war als einst, und dass ihre Farben einen silbernen Glanz bekommen hatten.

Der Gärtner lächelte, faltete die Hände vor der Brust und verbeugte sich vor den beiden Windspielen. Jeden Tag.
Sein Herz öffnete sich weit und seine Seele schmunzelte bis an sein Lebensende.




Seelenmieder oder Free the shadow child

Das Telefon klingelt. Ich lasse es klingeln. Was glaubt denn dieses Smartphone, was es ist? Außerdem telefoniere ich nicht gerne. Ich weiß nie so richtig, was ich sagen soll.

Papa lese ich verschwommen, taste nach meiner Lesebrille und wische auf dem Display von links nach rechts, von unten nach oben, bis ich schließlich schnalle, dass ich einfach nur kurz die Fingerkuppe auflegen muss.

Papa? brülle ich hysterisch in mein Handy
Hallo Lotte, ich…

weiter kommt er nicht.

Ist was Schlimmes passiert, frage ich und spule in meiner Fantasie eine Katastrophe nach der anderen ab.

Es ist kurz vor der Tagesschau. Aber mein Film läuft schon.
Niemand ruft um diese Zeit noch irgendwo an. Da wo ich herkomme, telefoniert man nur im alleräußersten Notfall und überhaupt nicht, niemals nach 18 Uhr, dann ist Feierabend und die Leute wollen ihre Ruhe haben.

Und wer vor 18 Uhr den Fernseher laufen lässt, zetert es in mir weiter, der ist inakzeptabel und auf dem besten Wege zu verblöden. Gute Menschen lesen, schlechte schauen RTL2.

Oh Mann! In mir ist wieder richtig was los in der Kindergartengruppe. Mein erwachsenes Ich hat Mühe, das verängstigte Schattenkind, das gerade komplett durchdreht, im Zaum zu halten. Ritalin bitte, und zwar sofort.

Papa! hake ich gefasst nach, was ist passiert?

Na nichts, antwortet Papa. Ich wollte mich nur mal so melden, hören wie es dir geht, ob du gesund bist.

Häh? Mein Vater ruft nie an. Also selten. Meine Eltern melden sich nur, wenn es wirklich wichtig ist. Alles was nicht in die Kategorie Lebensbedrohliche Notaufnahme auf der Intensivstation, Tsunami oder Buschbrand fällt, ist es nicht wert, mitgeteilt zu werden.

Deshalb erschrecke ich meistens, wenn sie sich melden. Das kann schließlich nichts Gutes bedeuten.
Und in Corona Zeiten sowieso nicht. Papa erzählt mir unterdessen in bester Plauderlaune, dass er ein Laufband gekauft hat. Bei Amazon. Er hat es sich schicken lassen. Ging ruckzuck, zwei Tage nach der Onlinebestellung war es da. Nicht so wie früher, als man vier Wochen warten musste.

Meine Oma lässt sich auch oft etwas schicken. Tischdecken, geblümte Kittelschürzen, Bettwäsche und Handtücher für meine Aussteuer und Mieder, die hautfarben sind und vom Knie bis fast unter die Brust reichen. Oma lässt von Quelle, Klingel und Ottoversand Hamburg schicken.

Ich blättere den dicken Quellekatalog von der ersten bis zur letzten Seite durch. Das dauert ungefähr so lange, wie Oma und ihre Freundinnen zwei bis sieben Gläschen Eierlikör genossen und jede ihre Bestellkarte ausgefüllt hat.

Sammelbestellungen sind günstiger. Für eine Sammelbestellung gibt es ein großes Blatt statt einer Postkarte. Oma sammelt alle Karten ein und überträgt fein säuberlich alle Positionen auf das große Blatt.
Einmal Porto bezahlen, fünf Mieder, fünf Kittelschürzen für alle. Mädchenabend im Instagram Format anno 1970.

Nach vier Wochen bringt der Postbote ein riesiges Paket aus hellblauer Kartonage. Die Postboten bringen selten Pakete. Meistens bringen sie Briefe. Und den neuen Quellekatalog.
Was man zum Anziehen braucht, wird selbst genäht oder bei der Schneiderin in Auftrag gegeben.

Der Riesenkarton ist jetzt leer. Ich darf ihn behalten und mir daraus eine Bude aus Pappe bauen. Ich schneide Fenster und eine Tür in den Karton und male Fensterläden und eine Türklinke mit Wachsmalstiften auf die Pappe. Dann krabbele ich ausgerüstet mit Kuscheldecke und Kissen in meine neue Behausung, sehe aus dem Fenster und komme wenig später wieder rausgekrochen, um Oma zu fragen, ob sie mir ein Knäckebrot mit Butter machen kann.

Papa hat das Laufband im Schlafzimmer aufgebaut, plätschert er direkt aus der Smalltalk Quelle,  es steht neben dem Fitnessrad. Prima Sache, sagt Papa, er geht fünf Minuten, dann läuft er zwei und dann geht er wieder fünf. Super ist das. Vor allem dann, wenn mal wieder Sauwetter ist. Da will doch kein vernünftiger Mensch vor die Tür gehen und das tun sie sowieso nicht, solange sie nicht geimpf….Abbruch. Es raschelt und kruschelt und ich halte mir das Phone ein Stück vom Ohr weg.

Mama hat Papa das Telefon entrissen, ich kann gerade noch sagen, schön, dass du angerufen hast, Papa, machst du ja leider nicht so oft, da höre ich es mütterich resolut sagen.

Willst du gelten, mach dich selten. Man muss sich rarmachen, damit man etwas wert ist. Und ich gehe ja bei jedem Wetter nach draußen. Wir sind doch nicht aus Zucker. Dein Vater kauft einfach zu viel Zeug in diesem Internet.

Mama hat gesprochen und schlagartig bin ich wieder vierzehn Jahre alt. Kaum jemand aus meiner Peergroup weiß, dass ich überhaupt existiere, weil ich mich rar mache. Machen muss.

Die Fete beginnt um 18 Uhr, ich muss um Acht zuhause sein. Abzüglich der Wegstrecke bleiben mir zum Feiern ganze dreißig Minuten.
Am nächsten Morgen gehe ich in strömendem Regen und Unwetter zu Fuß zur Schule. Ich bin schließlich nicht aus Zucker.

Zwei Tage später habe ich eine Mandelentzündung und 38 Grad Fieber.
Wer feiern kann, der kann auch zur Schule! 38. Das ist fast normale Temperatur und in der Schule sitzt man die meiste Zeit.

Nein Mama, höre ich mich jetzt lauter und genervter sagen, als ich will, wenn man sich rarmacht, weiß niemand, dass es einen gibt. Sich rar zu machen heißt, nicht da zu sein! Sich rar machen ist voll Jane Austen, Mama.

Jane Austen, fragt Mama, Kind, was liest du denn da?
Warten, bis der Richtige kommt, sticken, stricken, gerader Rücken und jede Art von Wildheit unter einem bestickten Häubchen im Zaum halten, sage ich und kann an Mamas Ausatmen hören, dass sie pikiert ist und meine Ironie angekommen ist.

Ach, mein Mädchen, du warst früher schon immer so rebellisch.

Genau, denke ich, aber nur zwischen 18 und 20 Uhr und nicht an kirchlichen Feiertagen.

Gerade habe ich Selfies gemacht. Es ist nie zu spät für eine glückliche Jugend. Und ich fühle mich jung, vital und lebensfroh. Jedenfalls oft.

Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr.

Wir haben alle unsere Geschichte, die uns zu dem gemacht hat, was wir sind. Und manchmal ist es richtig harte Arbeit, sich zu trauen, das eigene Drehbuch neu zu schreiben und den Film, der an dieser einen Stelle immer wieder stehen bleibt, weiterspielen zu lassen oder sogar einen Cut zu machen. Rausschneiden, was nicht mehr reinpasst.

Die Geschichten von anderen zu kennen ist eine großartige Sache, finde ich.  Denn dann können wir erkennen, was dahintersteckt, wenn uns jemand sagt, iss doch wenigstens das Fleisch oder Das ist doch noch gut, das kann man noch nehmen oder Erst die Arbeit, dann das Vergnügen oder Schuster bleib bei deinen Leisten oder eben auch Willst du gelten, mach dich selten.

Dahinter stecken Angst, Trauer, Scham und Schmerz. Hunger, Verlust und das pure Überleben. 

Das Schöne am Leben ist, dass wirdie meiste Zeit unseres Daseins die Möglichkeit haben, Verantwortung für uns selbst zu übernehmen und das, was unsere Eltern uns mitgegeben haben weiterzuentwickeln und für uns im besten Sinne zu heilen.

Und das sollten wir tun!

Wir sind nicht die Gefangenen von Glaubenssätzen. Wir sind keine hilflosen Kinder mehr. Wir sind frei. Es ist nie zu spät für eine gute Kindheit und glückliche Jugend.

Und deshalb mache ich jetzt noch ein Selfie oder zwei, einfach so, weil es mir Spaß macht. Und dann lege ich die Füße dahin, wo es mir beliebt.

Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst?

Sogar Papa stellt seine erstmal auf das neue Laufband. Free the shadow child.