Graue Panther

Es schlichen einst
zwei graue Panther,
des Lebens Furchen
auf dem Rücken,
aus Zufall
oder schicksalhaft,
eng umeinander
mit Entzücken.

Vergessen war
für kurze Zeit,
die alte Last
das alte Leid.
Sie jagten,
spielten,
ungezwungen,
ne Gnadenfrist
Tod abgerungen.

Dann kam er,
still und leise,
nahm Pantherin
mit auf die Reise.
Nun schleicht allein
ein grauer Panther
des Lebens Furchen
eingegraben
und leckt sich
Wunden und auch
Narben.

Vergänglich wie
das Blühen der Rose,
geht Planung meistens
in die Hose
und die Kontrolle
ist d’accord.
Shit Happens,
ab durchs Himmelstor.

(c) ideenlese

Der Tag an dem du auf den Birnbaum geklettert bist

Gerade war ich noch einmal beim Hortensienkranz. In der Mitte liegt eine weiße Rose.

Die Hündin schnüffelt an den Blüten und geht ganz von allein ins Sitz.

Tiere haben feine Sinne für Stimmungen.

Hunde und Katzen waren dennoch nicht dein Ding. Da warst du distanziert. Nur manchmal hast du der Katze ein Wort gegönnt und sie um deine Beine streichen lassen. Es war Hassliebe. Gib es zu. Schuld war auch der durchgeknallte Boxer.

Ich stehe da, schaue hinunter auf den Kranz aus Hortensien und halte inne. Du bist nicht hier. Ich warte noch ein wenig und gehe schließlich.

Vorhin, als deine Familie, deine Freunde und Weggefährten in deinem Garten von dir Abschied genommen haben, habe ich dich gesehen. Wir haben dich alle gesehen. Du kannst dich nicht einfach so aus dem Staub machen.

In jeder Ecke deines kleinen Parks hast du rumgewuselt. Ich sah dich, wie du Kerzen um den Pool herum aufgestellt hast. Ich sah dich aus dem Keller kommen mit dem Biernachschub.

Ich hörte dich sagen, Moment mal, das stimmt ja so nicht. Obwohl heute vieles stimmte, was über dich gesagt wurde.

Du bist nicht dort, wo ich dich heute noch einmal besuchen wollte. Dort, wo der Hortensienkranz liegt. Wo sich ein Kreis schließt.

Du bist an dem Ort, an dem du immer warst und der immer dein Ort bleiben wird. Für deine Familie sowieso und für uns Freunde und Bekannte auch. Du hast deinen Platz. Weil es viel zu früh war, ihn zu räumen.

Es war kein Tag zum Abschiednehmen. Der Himmel strahlte unverschämt blau, die Vögeln lieferten sich Zwitschergefechte.

Ein wundervoller Frühsommertag, viel zu warm für den feinen, dunklen Zwirn, den wir zu deinen Ehren trugen.

An einem solchen Tag geht man nicht. Auch du nicht.

Man bleibt. Man mäht Rasen, macht sich ein Bier auf und den Grill an.

Ich sehe dich, wie du den Mundwinkel ein wenig schief nach Oben ziehst und ansetzt zu deinem Jetzt Moment mal.

Du begleitest uns noch ein Stück die Auffahrt hinauf. Das hast du immer so gemacht.

Und dann kletterst du auf den Birnbaum und siehst dir deine Welt von oben an, lächelst vielleicht und wünscht dir, dass alle deine Lieben es auch eines Tages wieder tun können.

Es war kein Tag zum Gehen. Es war ein Tag zum Bleiben. Du bleibst.

(c) ideenlese 2020