Mundus ergo sum

Den Besen schwing ich,
früh am Morgen,
und fege, gründlich,
alle Sorgen,
zusammen auf ein’ Haufen.

Sodann schau ich
den Dreck mir an,
mich nicht vor ihm
verstecken kann.

Da sehe ich den
ganzen Schmutz,
der mir stets dient,
als Putz und Schutz.

Im Fegen liegt
ein Zauber.
Danach fühl ich mich
sauber,
verschwunden blinder Fleck.
Und Morgen?
Neuer Dreck.

(c) ideenlese

Spinat

Ein Teller Spinat,
der stand in der Tat,
im Traum heut vor mir.
Und fragte mich dann,
was er mir fortan
Gutes tun kann.

Ich denke, so sprach ich,
verspeisen ist Phase,
Duft von Spinat
steigt mir in die Nase.

Halt ein, mein Kind,
sprach Spinat da leise,
think twice
und entscheide dich weise.

Dann machte es Blubb,
vorbei war der Traum,
nun stehen
Spekulationen
im Raum,
welche Botschaft Spinat
im Traumbild wohl hat.

Ich jedenfalls bin
zufrieden und satt.

Schönen 1. Mai.
Spargel kann jeder.

(c) ideenlese




Kalter Entzug

Kalter Entzug. Eine Satire über das härteste Experiment, seit es Experimente gibt.
Wie fühlt es sich an, vierundzwanzig Stunden ohne zu leben? Ist das überlebbar? Überschreite ich damit nicht Grenzen, hinein in Gefilde eines Vakuums? Vakuum, das ist doch das ohne Luft, ein luftleerer Raum. Darin ist Überleben nicht möglich. Oder doch? Wie überlebe ich in einem Vakuum?

9 Uhr.
Ich trinke ein Glas Wasser, wie jeden Morgen, hocke mich erst aufs Klo und dann auf die Bank, die Meditationsbank, mit jeder Bank ein anderer Deal, eine andere Geschichte.
Die Hündin atmet laut hörbar durch den Türschlitz. Ich bin dein Hund, lass mich hier rein, damit ich du mich rauslassen kannst.
Na gut.
Also drehen wir unsere Runde durch den Garten. Das Gras ist feucht, meine Füße auch, Vogelgezwitscher kurz vor dem Dezibelalarm, ansonsten Stille.
Erste Gedanken daran, dass heute Disziplin auf der Agenda steht.
Zweifel. Schaffe ich das? Gemeinheiten irgendeiner Hinterbänklerin aus dem Team: Du? Never. Nope. Das schaffst du nicht. Ich wette! Spätestens um 11 schütteln dich erste Entzugserscheinungen.

Ich dusche, mache das Radio an und wieder aus. Zu viel Information, zu laut, zu schrill. Und Spotify geht ja nicht, weil, Smartphone ist ja aus. Mir kommen die Tränen, ich reiße ein Blatt Klopapier von der Rolle und schneuze in lautstarker Verzweiflung hinein.

Kaffee, ein paar Früchte, erste Notizen und die Tageszeitung, Methadonprogramm.
Es liegt oben, du brauchst nur aufzustehen und in dein Zimmer zu gehen. Da liegt es. Auf dem kleinen Tisch neben dem Lesesessel. Diabol,o der heiße Feger, hält Hof.

Laut höre ich mich an mich selbst gerichtet sagen, Ach, übrigens, heute bin ich nicht zu erreichen.
Und da es in meinem inneren Team mehr Stimmen gibt, als mir lieb sein kann, antworte ich mir auch gleich – selbstredend:

Warum bist du nicht zu erreichen?
Ich lasse mein Smartphone aus.
Wie aus?
Ganz aus.
Ganz aus? Aber warum denn?
Ich lege einen Fastentag ein.
Du brauchst doch einfach nur nicht draufzugucken.


Oh Mann! Das war ja klar.
Ja, auch in meinem Team sitzt dieser neunmalkluge Oberklugscheißer mit Null empathischen Fähigkeiten. Ein Typ, dem ich unter Anspannung gerne den Titel pragmatisches Arschloch gebe.
Er schüttelt dann meist nur seinen Kopf, lacht überheblich und nennt mich vulgär. Nun denn.

Dazu fehlt mir einfach die Disziplin, höre ich irgendein devotes Fräulein aus dem Off mit zarter Lispelstimme säuseln, bevor ich das Wort erheben kann.

11 Uhr.
Projekt 24 Stunden ohne ist in vollem Gange. Als das Festnetztelefon klingelt, schrecke ich zusammen, schleiche mich in geduckter Haltung zum Telefon, fixiere mit starrem Blick das Display, verharre, registrierte die Anruferkennung und lasse klingeln.
Ich zähle mit. Nach 222 Klingelzeichen endlich Ruhe.

Dann kommt das schlechte Gewissen. Ich hätte drangehen sollen.
Aber ich telefoniere ungern. Mit mir am Telefon plaudern zu wollen, führt zu Frust, Enttäuschung und dem Gefühl, in mir eine Person am anderen Ende der Leitung zu haben, die keiner sozialen Kommunikation fähig ist. Sorry.
Jeder mittelmäßig programmierte Telefonbot stellt meine Gesprächsfähigkeit am Telefon in den Schatten. Dafür mag ich Briefe und Eulen und antworte auch, versprochen!

Wozu brauche ich eigentlich ein Smartphone? Angesichts meiner Aversion gegen das Telefonieren ist die Frage eindringlich, umso berechtigter, als ich schon wieder daran denke, dass es da ist, irgendwo in der Wüste des ewigen Offs.

Die Zweifel an diesem bescheuerten Fastenprojekt lassen die Muskeln spielen.
Albern das Ganze. Kindisch, komplett überflüssig. Ich gehe jetzt nach oben, hole mein Handy, mache es an und fotogafiere meine leere Espressotasse.
Machst du bitte nicht! spricht die besonnene, ruhige, souveräne und sowas von kluge und langweilige Beraterin in mir.
Pfff.

11:15 Uhr.
Mit zitternden Händen und kalten Schweißperlen auf der Stirn schalte ich mein Smartphone an.
Deine Bildschirmzeit beträgt im Tagesdurchschnitt..., verschwommen sehe ich eine derart exorbitante Zahl, dass mir schwarz vor Augen wird.
Ich falle in einen hunderjährigen Schlaf.
Vielleicht küsst mein Smartphone mich wach, denke ich im Fallen, der Akku, denke ich, leer, denke ich, genauso leer wie die verkrümelte Prinzenrolle, denke ich.
Und das ist alles, woran ich mich erinnere.
Reset. Zurück auf Werkseinstellungen. Geschützter Modus.

(c) ideenlese

Somnolenz

Dauer dämmernden Gewusels,
Zwischen Welten, Traumes Fusel,
Zeit wie Zuckerwattes Fäden,
die den lockend Geist verkleben.

Ruhe, Aus, bis Weiteres,
Treiben lassen, ohne Stress,
Mittel die durch Venen rauschen,
Somnolenz mit Schmerz zu tauschen.

Weltgeschehen Randnotizen,
Menschenbilder wie Novizen,
Leistung bringen, Perfektion?
Funktionieren? Bau nen Klon.

Seele schmunzelt, Rosenrotes,
Blühend leben, das was tot ist,
Rest in Peace und sei bedankt,
Lass den Spaß jetzt aus dem Schrank!

(c) ideenlese 2022


Im Land der Gaukler

Im Land der Gaukler
schlug ich einst die Trommel,
tanzte ihren Schritt.
Clownin in mir
und Gauklerin.
Beide tanzten mit.

Jonglage zwischen den Welten.
Schaukeln auf dem Trapez,
hoch oben,
unter dem Zeltdach
der Träume und Illusionen.

Clowns sind frei und frech,
neugierig und staunend, 
laut und leise,
zart und derb,
naiv und weise.

Behutsam gehen sie über Grenzen
und auf Reisen.
Spielerisch öffnen sie neue Räume,
im Land der Illusionen 
und Träume. 

Im Land der Gaukler
schlage ich die Trommel,
tanze ihren Schritt.
Clownin in mir,
tanzt ewig mit.

(c) ideenlese 

Fragen an die dicke Frau

Dicke Frau
Manchmal, wenn ich wütend bin
manchmal, wenn ich traurig bin
manchmal, wenn der Frust mich quält
Weine, weil rein gar nichts geht.

Manchmal, wenn ich ängstlich bin
manchmal, wenn ich böse bin
manchmal, wenn der Zweifel beisst
Weine, weil es mich zerreißt.

Manchmal, wenn ich nicht mehr will
manchmal, werd ich starr und still.
Manchmal mache ich dann zu,
geh kaputt, will meine Ruh.

Manchmal bin ich dann so schlau
und befrag die dicke Frau:
Hilf mir, gib mir bitte Rat!
Und dann schreitet sie zur Tat.

Komm, sagt sie, an meinen Busen.
Was?, frag ich,
Ja ja, komm schmusen.
Und dann lass dich einfach gehen.
Mensch kann nur als Mensch bestehen,
wenn Gefühl er sich erlaubt,
sich des Dunklen nicht beraubt.

Wut und Hass und Groll und Schmerz
gehn auf Niere, Leber, Herz,
wenn wir sie nicht anerkennen,
toben, schreien, lästern, flennen.
Gib ihnen stets Raum und Zeit
denn sie sind dein Alltagskleid.

Manchmal, wenn ich fröhlich bin
manchmal, wenn ich glücklich bin
manchmal, wenn mir was gelingt
Freu ich mich und bin beschwingt.
Singe für die weise Frau.
Sie ist dick und sie ist schlau.

(c) ideenlese 2022

Kaffee mit Schopenhauer

Er kommt ohne Ankündigung und nimmt selbstverständlich am Kopfende des Tisches Platz. So, als hätte er es schon immer auf diese Art getan. So, als sei es einzig und allein sein Platz, nicht dazu angetan ihm streitig gemacht werden zu können.

Offensichtlich der Aufwand, den er mit seiner Morgentoilette betrieben haben muss. Sein Haar in exzentrische Form gebracht, sein Anzug ein Kostüm, eine anmutige Zumutung, ein Aufzug, unbestechlich in seiner Eleganz längst vergangener Zeit.

Arthur, sage ich, wie schön, dich zu sehen. Es ist ein Weilchen her.

Ich straffe meinen Rücken und hebe das Kinn um einige Millimeter.
Arthurs Blick trifft mich und lässt mich Stellung und Contenance halten.

Du weißt, beste Freundin, erhebt er die Stimme, was ich vom Weibe halte, nicht wahr?
Du weißt es nur zu gut, dass ich ergo nicht darauf aus bin, hier und heute mit dir zu disputieren. Noch dazu, wo du dich ganz offenkundig nicht bemüßigt fühlst, dich meines Besuches mit angemessener Kleidung und Staffage würdig zu zeigen.

Arthur, erwidere ich so sanft wie möglich, willkommen in meiner Welt! Obschon ich deinem Geiste sicher unterlegen bin, so denke ich schon, dass uns ein kleiner, feiner Disput beiderseitigen Genuss bescheren könnte. Selbstredend geführt durch deine Brillanz. Und, geschätzter Arthur, jede Zeit hat ihre Eigenart und Mode.
Mutig fahre ich im Plauderton fort.

Deine Reise durch die Zeit hierher in mein bescheidenes Haus war lang, du musst erschöpft sein an Geist und Gliedern. Erstmal einen Kaffee? Schwarz? Mit Milch? Soja, Mandel, Hafer? Vielleicht einen Zwieback dazu? Ich habe noch einen Rest köstlichen Holundergelees im Kühlschrank.

Arthur hebt fragend und streng zugleich die rechte Augenbraue und ich meine ein winziges Zucken seiner Mundwinkel als angedeutetes Lächeln identifizieren zu können.

Schon der Anblick der weiblichen Gestalt lehrt, dass das Weib weder zu großen geistigen, noch körperlichen Arbeiten bestimmt ist, zitiert Arthur sich selbst und setzt dann fort, du darfst mir einen Kaffee andienen, meine Beste, schwarz.

Sehr gerne, lieber Arthur.

Und dann sitzen wir eine Weile beieinander und nachdem ich Arthur erklärt habe, was ein Kühlschrank ist, taut er auf und erzählt mir von seiner unglücklichen Liebe zu Karoline, damals, als er einundzwanzig und sie, elf Jahre älter als er, so unerreichbar war.
Diese unerreichbare und unerfüllte Liebe, so gibt Arthur zu, nachdem wir von Kaffee zu Portwein übergegangen sind, hat ihn zynisch werden lassen. Die Genitalien, sagt Arthur schließlich mit schwerer Zunge, die Genitalien sind viel mehr als irgendein anderes äußeres Glied des Leibes bloß dem Willen und gar nicht der Erkenntnis unterworfen.

Auch nicht der Erkenntnis der Lust und der Vereinigung  von scheinbaren Gegensätzen? frage ich nach.
Oder, frage ich weiter, als Energie höherer Instanz, die der Erkenntnis näher ist als dem individuellen Willen?

Arthur schaut mich verständnislos an und eine Träne rinnt ihm über die Wange, als er meine Hand nimmt, einen Kuss andeutet und sagt: Ach Christine, was die Weiber betrifft, so war ich diesen sehr gewogen – hätten sie mich nur haben wollen.

Und dann lassen Arthur und ich den Dingen ihren Lauf, allein die leere Portweinflasche ist unser Zeuge.

Quelle Zitate: https://www.aphorismen.de/zitat/4182





Von oben gesehen

Der Käse, ist er hoch erhitzt,
zieht Fäden stets statt Kreise.
Das Wasser, wird es richtig kalt,
gefriert schon mal zum Eise.

Die Sonne bringt es an den Tag,
der Mond hüllt sich in Schweigen,
und sieht von oben ruhig zu,
bei dem, was wir so treiben.

Der Käse, den wir fabrizieren,
verbinden und zertrennen,
den kalten Umgang unter uns,
und dann das drüber Flennen.

Die falsche Liebe und die wahre,
das Trauern nach dem Gestern,
die Predigten im Freiheitsreim,
hört, hört, Brüder und Schwestern.

Wir ziehen Fäden wie ein Käse,
blasen, sogar das Laub,
und sind vom ganzen Lärm um nichts,
auf Ohr und Herzen taub.

Der Mensch, ein dünnes Fädchen bloß,
manchmal ein loses Ende,
Erkenntnis wie ein Käse nur,
kein Ausblick auf die Wende.

Der Mond indes total verknallt,
Botschaft an seine Sonne,
Ach du, mein ewig leuchtend Stern,
du bist mir eine Wonne.

Dein helles Herz strahlt unentwegt,
auf meinen dicken Bauch,
ich liebe dich, trotz der Distanz
und weiß, du liebst mich auch.

Die alte Sonne krault dem Mond,
zärtlich Telepathie,
zuerst den Kopf, den Hintern auch
und tiefer, bis zum Knie.

Die eine spielt ihr Spiel bei Tag,
der andere bei Nacht,
so gibt es keinen Sternenkrieg,
Chapeau- echt gut gemacht.


(c) ideenlese 2022