Der kleine Mut

Foto: Martina Brüne, Kunstraum 300

Er lernte gerade selber laufen, allein ein Erdbeereis zu kaufen, mit Sahne, drunter und viel drauf und träumte von dem großen Lauf, den er aus eigner Kraft mal schafft.

Er lernte gerade, Ich zu sagen, sich mal zu zeigen, was zu wagen und spürte, das tut richtig gut, hey, Ich bin Knut, der kleine Mut. Und wenn ich erstmal größer bin, krieg ich ganz andre Dinge hin.

Die Zeit verging und Knut begann, Fuß zu fassen und fing an, manches zu tun, andres zu lassen, erkannte, es gibt kein Zurück und großer Mut führt oft ins Glück. So wuchs er Stück für Stück.

Jetzt kauft sich Knut ganz ohne Scham, denn darauf kommt es gar nicht an, ein riesengroßes Sahneeis und denkt sich still, Jawoll, vom Glück weiche ich keinen Zoll. Ich weiß ab jetzt, was mir gut tut, lächelt, grüßt freundlich und wünscht Mut,

Danke liebe Martina, für die Inspiration am Morgen. Sahneeis für meine mutige Seele! 🍦

(c) ideenlese

Ich brauche dich nicht

Ich brauche dich nicht, damit du mein Ego mit Champagner abfüllst, duselig machst von sich selbst, ihm schmeichelst, es anbetest wie ein Götzenbild.

Ich brauche dich nicht, als Ideal, geschniegelt und geleckt, wie aus dem Ei gepellt, glatt wie Mamor, eine immer gleiche Statue, glänzend und stark.

Ich brauche dich in deinem Schmerz, deiner Erschöpfung, deiner Müdigkeit. Mit all deinen Wunden und Narben, in deinen schwächsten Momenten, in deinen dunkelsten Stunden, deiner Angst, deinem Zweifel.

Ich brauche dich wie einen Spiegel meiner Seele, brauche dich auf den Schlachtfeldern der Kämpfe, die meine und deine sind, wie sie schon immer unsere waren.

Ich brauche dich in allen Facetten der Liebe. So brauche ich dich. So brauche ich mich. So brauchen wir uns.

(c) ideenlese

Ohne Dich

Wie wär es wohl, so frag ich mich, gewesen, so ganz ohne dich, wie wär es wohl, die nächste Frage, wärest du nicht an diesem Tage, hereingeflogen in mein Leben?

Wie wär es wohl, wenn ich nicht weiß, wo du heut wohnst und wie du heißt, was dir gefällt und auch was nicht, wie wäre es wohl ohne dich?

Wie wär es wohl, wenn du verschwindest, und das auch gar nicht erst begründest, ganz einfach weg bist ohne Grüße? Ich glaub, ich kriegte kalte Füße und Schüttelfrost dazu.

Wer wäre ich denn ohne dich? Ich wäre ich. Zwar jämmerlich für Ewigkeiten, zu schwach um Essen zu bereiten, zu traurig um zu lächeln gar. Und trotzdem wäre ich noch da.

(c) ideenlese

Die graue Frau in pink

Es ist Freitag. Morgen ist 1. Mai und die Läden werden noch dichter gemacht als sie sowieso schon sind. Ich muss einkaufen. Ob ich will oder nicht.

Ich bleibe sitzen. Die Windschutzscheibe beschlägt.
Purple Schulz will fort, ganz weit fort, er will raus. Er hat Sehnsucht. Ich auch, wir stehen das gemeinsam durch.

Er weiß nicht genau, wonach er Sehnsucht hat, ich auch nicht. Nach allem und nichts. Nur Sehnsucht. Diese wahnsinnige Sehnsucht!
Es ist wieder 1984, ich bin zwanzig und will raus, einfach weg, ganz weit weg.

Mein Gesicht verschwindet hinter der medizinischen Maske. Die Brille beschlägt, ich steige aus und bin wieder in der Wirklichkeit angekommen.

Auf meinem Weg über den Parkplatz begegnen mir andere Gesichter, verschwommen und versteckt hinter Masken wie Uniformen. Unter dunklen Jacken gucken Jogginghosen und gesunde Leisetreter raus. Gedeckte Farben. Männergedecke, Frauengedecke, diverse Gedecke. Gediegen und unscheinbar.

Über allem hängt das rausgewachsene Grau schlichter Keratin Fäden. Manche dick, andere dünn, die meisten kurz und pfiffig und der Rest als Zopf oder Zöpfchen gebändigt.

Ich will weg, ganz weit weg. Ich will raus. Raus aus dem Grau, aus den Hosen mit Gummizug, aus den Birkenstocklatschen und gesunden Schuhen. Locken statt Lockdown.

Ich will Farbe, laute Musik, tanzen und einen doppelten Wodka Bitterlemon.
Ich will meinen knallroten Lederminirock zurück. Jetzt. Sofort.

Stattdessen lege ich rote Paprika in den Einkaufswagen.

Kurz erinnere ich mich, wie sich Hausarrest anfühlt. Wie katastrophal und schrecklich! Lieber will ich sterben, als auf diese Fete verzichten zu müssen. Ich drohe aus dem Fenster zu springen, wenn sie mich nicht gehen lassen.

Das Mitgefühl mit den Jungen überkommt mich mit Wucht. Wie beschissen muss es sein, fast zwei Jahre seiner Jugend nicht feiern zu dürfen? Sich nicht nah kommen zu können? Knutschen? Fehlanzeige.

Darf ich mal vorbei, bittet die schlanke Gestalt im schwarzen Kapuzensweater schräg hinter mir.
Ich habe jedes Zeitgefühl verloren, mache Platz und lege vegane Schokolade in meinen Korb. Wie zum Trost.

Mittelaschbraun oder Dunkelnussblond. Was kommt meinem Naturhaarton am nächsten?

Ich färbe meine Haare seit Pandemiebeginn nicht mehr.

Stimmt, lispelt der rote Ledermini ironisch, wenn man so uralt ist wie du und so kurz vor dem endgültigen Verwesen und überhaupt eine Meisterin darin ist, sich in Tugendhaftigkeit und Askese selbst zu toppen, dann sollte man sich jeden Anflug von bunter Lebendigkeit verkneifen.

Kurz sehe ich über die Schulter und schnappe mir zielsicher den grünen Kajalstift. Wie im Rausch picke ich mir den Super-Hyper-Longlash-Everlasting-Butterfly-Eye Mascara in Deep Black aus dem Regal. Den Glossy Lipstick in cream-berry trage ich direkt auf.

Ich fühle mich alles andere als grau! Ich fühle mich im Cream-Berry-Rausch.

Diese unsägliche Pandemie macht was mit uns.

Machen wir war aus ihr! Machen wir pink aus dem grau.

I am not that woman from a year ago.
I am even more fantastic, even more soft, even more intuitive and even more me.

Willkommen im Fliederrausch!