So’ham & Der Schabernack

Einen Tag nach der Migräneattacke geht es zur Sache. Ein kunterbuntes Drunter und Drüber tobt über die Flure der grauen Masse im Oberstübchen. Gedanken spielen Blinde Kuh und Hasch mich, ich bin der Frühling. Flöhe hüten ist einfacher, als diesen Kindergarten der Schlaumeier und Neunmalklugen unter der Schädeldecke im Zaum zu halten.

Legionen von Absurditäten in nächtlichen Traumsequenzen: Inferno, Armageddon, Tsunami; und danach: Stille. Nüscht mehr! Niente. Nada. 

Wenn der Schmerz abebbt, wird es klar. Einsichten von betörender Schlichtheit. Schön, wie ein Butterbrot, wie ein Bergsee, wie ein unerwartetes Lächeln.
Diese Zeit währt kurz, wie ein flüchtiger Flirt. Es ist eine Zeit, in der mich der Schabernack verführt und meinen Verstand lahmlegt. Guter Typ.

Er nimmt meine Hand, dreht die Musik laut auf, Abba, Bay City Rollers & Co., archaische Trigger und lässt meine Hüften die einzig wahre Sprache sprechen. Er verführt mich zu Tätigkeiten, die dank ihrer Einfachheit Juwelen für das Sein sind. Klo putzen, bügeln, wischen und das alles in Zeitlupe.

Mein Schabernack haut mir auf die Finger, sobald ich zu irgendeinem Fachbuch greifen, wissenschaftliche Dokumentationen auf arte und 3Sat starten will, oder sonst einer wichtigen und ernsthaften Beschäftigung nachgehen will.

Er schüttelt mir die Kissen auf, drückt mich mit sanfter Gewalt in dieselben, legt sich neben mich und flüstert: Die Wirklichkeit steht nicht im Lexikon. So’ham und dein Lachen ist alles, was du brauchst.

So’ham. Ein Mantra aus dem Sanskrit, das so viel bedeutet, wie Er ist ich, Ich bin er und die Einheit von Individualseele und dem Absoluten beschreibt.

So’ham.
Schon Marianne Rosenberg hat darüber gesungen. Ich bin wie Du, ahaha, wir sind wie Sand und Meer, uhuhuuu, und füreinander immer nur da, hahahahaha.

Und ich schließe die Augen, lächle, atme und fühle mich mittendrin im Leben, in mir. Ich merke gerade noch, wie der Schabernack mir einen Kuss auf die Stirn gibt, mich in die Wange zwickt und mit einem So’ham, du kannst dich nicht von deinem Schabernack trennen, mitten in mein Herz hüpft.

So’ham.
Mittendrin. All in One.







Die Farbe der Weisheit

Wenn ich groß bin, werde ich Weisheit, sagt die kleine Intuition, taucht im bunten Bällebad unter und verschwindet. Meine Intuition ist klein und unscheinbar. Sie kann sich vortrefflich aus dem Staub machen, ohne dass ich es bemerke.

Sie ist also weg. Sie spielt im Bällebad, während ich mir die Farbe ins Haar schmiere, und mir ein altes Handtuch um den Kopf wickele.
Während das Zeug einwirkt, denke ich, kann ich meditieren. Fünfundzwanzig Minuten. Das ist genau die richtige Zeit. Zehn Minuten weniger als auf der Packung angegeben. Prima. Genau richtig für mein feines Haar.

Timing kann ich. Ich mach das mit Gefühl. Das läuft bei mir aus dem Bauch heraus.

Ich sitze auf dem Bänkchen, spüre meine Sitzknochen, atme leicht wie eine Sommerbrise ein und auf MU aus. Die Stille lädt mich ein und ich folge ihr und freue mich, dass es sich heute so leicht anfühlt, dass weder alter Schmerz noch eine undefinierbare Traurigkeit auftauchen und um Achtsamkeit buhlen.

Als ich die Augen wieder öffne ist der Sand von über vierzig Minuten durch die Uhr gelaufen.

Fluchtartig verlasse ich die Decke, stürme ins Bad und wickle mich aus dem Handtuch.
Mein Haar ist dunkel. Sehr dunkel. Noch dunkler als dunkel. Mittelaschblond steht auf der Verpackung und irgendwas von natürlicher Pigmentierung.

Pauschal mag das zutreffen. Individuell leider nicht, leider gar nicht.

Scheiße. So war das nicht gedacht!

Fehler, denke ich, das war ein Fehler. Einer, den ich schon so oft gemacht habe. Warum, Himmel nochmal, höre ich meiner Intuition nicht zu?
Für einen Augenblick möchte ich weinen. Über die mindestens zwei Nuancen, die mein Haar zu dunkel machen und über meine Taubheit gegenüber meiner zuverlässigen inneren Stimme. Intuition!

Schließlich entscheide ich mich für Lachen und tröste mich damit, dass das melierte Grau, meine true Color wiederkommen wird. Schnell sogar.
Was solls. Es sind nur Haare!

Ich setze mich ans Klavier und interpretiere ein uraltes Lied Sechzig Jahre und kein bisschen weise, Aus gehabtem Schaden nichts gelernt. Sechzig Jahre auf dem Weg zum Greise Und doch sechzig Jahr‘ davon entfernt.
Dann springe ich von einem Akkord zum nächsten, von einem Jürgens zum anderen Jürgens.

Mit sechsundsechzig Jahren, da fängt das Leben an… Da föhn‘ ich äußerst lässig, Das Haar, das mir noch blieb. Ich ziehe meinen Bauch ein, Und mach auf heißer Typ.

Und während ich so vor mich hin klimpere höre ich die Ansage:

Die kleine Intuition möchte aus dem Spieleparadies abgeholt werden, die Weisheit wird gebeten, die kleine Intuition aus dem Spieleparadies abzuholen, die Weisheit bitte jetzt ins Spieleparadies, um die kleine Intuition…

Ich komme ja schon, höre ich mich sagen, und mache mich auf den Weg ins Bällebad, um die Intuition abzuholen, sie an die Hand zu nehmen und nie wieder loszulassen.