Allgemein, Leben & Liebe, Poesie, Spaß

Inzidenz 34

Niemand wird mehr Lust darauf haben, etwas darüber zu lesen, wenn es vorbei ist. Mich schaudert vor den tausenden von Corona Romanen, die wir zu lesen bekommen werden.

Irgendwo, tief im Dickicht der hiesigen Gazette trat ich heute Morgen auf diese Sätze. Es war zu früh für mich, um mehr wahrzunehmen als das leise Knacken eines Astes, in dem Augenblick, in dem man im Unterholz auf ihn tritt, während man versucht, den Hausschlüssel zu finden, der einem genau hier, an dieser Stelle aus der Hosentasche gerutscht sein muss.

Das Knacken im Gestrüpp ist schnell vergessen und die Erleichterung über den gefundenen Schlüssel zu groß, als sich an den knackenden Ast zu erinnern, der einen an die richtige Stelle führte.

Als ich viel später unter der Dusche stehe, denke ich über diesen Satz nach.

Niemand wird danach mehr Lust darauf haben, sich daran zu erinnern!

Lust ist super. Aber es geht leider nicht nur um Lust, sondern darum, zu lernen, zu entwickeln, im Zweifel, um Verzeihung zu bitten, etwas wieder gut zu machen, jedenfalls so gut es geht.
Zäsuren werden erst im Nachhinein Geschichte und Geschichten.

Sich zu erinnern macht Mühe, hinzusehen, tut manchmal sehr weh und uns schreckt die Aussicht darauf, dass wir etwas ändern müssen, das unserer Lust nicht gefällt oder dass wir etwas gar nicht mehr ändern können, selbst wenn wir wollten.
Die Lust wird angesichts dieser miesepetrigen Aussichten widerspenstig und geht eine Allianz mit der Verdrängung ein.

Was passiert, wenn wir uns nicht mehr erinnern wollen oder können?
Fluch und Segen.

Wenn wir uns nicht immer wieder daran erinnern, was zu Kriegen, Zerstörung, Katastrophen und unsäglichem Leid geführt hat und immer noch führt, was passiert dann?
Nichts? Einfach weitermachen? Einfach so tun, als sei alles in Ordnung? Alles vergessen und stattdessen nachholen, was man an vermeintlich Wichtigem versäumte? An Spaß, Freiheit, Lust, Erfüllung aller möglichen Bedürfnisse?

Bitte nicht, das kann nicht gut gehen und endet im schlimmsten Fall in Verleugnung von Tatsachen und gipfelt in Versäumnissen aller möglichen Arten.

Sich erinnern zu können ist ein Geschenk, sich erinnern zu müssen eine große Herausforderung, sich erinnern zu wollen ist mutig. Das Erinnerte zu transformieren, Schlüsse daraus zu ziehen, zu lernen, das ist Leben.

Und mittenrein in den Morgen und seine Überlegungen driftet ein kleines Ehegeplänkel.

Mein Mann, morgens viel wacher als ich es je sein werden, referiert über die Inzidenzen.
Wir sind jetzt bei 34. Das ist noch ganz schön hoch, so im Vergleich, aber immerhin fallende Tendenz.

Verglichen womit, frage ich und fahre fort.
Unsere persönliche Inzidenz liegt heute auf den Tag genau auch bei 34. Tendenz steigend.



Wir sind seit 34 Jahren zusammen und seit 33,5 Jahren verheiratet, infizieren uns tagtäglich neu, halten Abstand, setzen uns ab und zu sogar Masken auf, entwickeln Antigene, husten uns was, sind verschnupft und hingen schon so manches Mal an überlebenswichtigen Tröpfen; uns ging die Luft fast aus, wir kämpften gegen bekannte und unbekannte Mutanten und wurden selbst zu welchen.

Was uns oft durch hochkritische Wellen getragen hat, war auch die Erinnerung! Eine kleine Sequenz in Wiederholungsschleife, die uns daran erinnert, was wir füreinander fühlen, wie verknallt wir waren, was wir gemeinsam geschafft haben und jeder für sich.

Und dann war da dieses leise Knacken, wie wenn man auf einen kleinen, trockenen Ast im Unterholz tritt. Knack, fanden wir den Schlüssel wieder, den wir verloren hatten, als wir irgendetwas suchten, im Unterholz, was wir dort nicht finden konnten.


©ideenlese

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Ungereimte Klarstellung


Wenn du mich interessierst,
dann stelle ich dir Fragen,
die sich trauen, was wagen.
Dann hör ich, was du sagst und wie,
dann schenke ich dir Zeit
von meiner, ein wie Wein,
nicht zu wenig, nicht zu viel,
aber rein muss er sein.

Wenn du mich interessierst,
dann schmücke ich
mit wohlbedachten Worten,
ungestüm,
unbedarft,
den Raum des Wesentlichen,
aus, wo Masken keine sind,
das alte Spiel von Mann und Frau
verstaubt und längst verblichen,
ein Bild von damals nur.

Wenn du mich interessierst
dann liegt mir was an dir,
auch wenn ich selbst nicht
weiß warum,
und auch nicht recht wofür,
dann füllst du weder Lücken,
bist kein Mittel gegen Frust.
Dann bist du hier und ich bei dir,
aus Freude und aus Lust.

Dann hüllt dein Schweigen
meines ein und meine Worte
deine.
Verstand und Herz
sind überein.
Das ist kein Scherz
ich meine das
so wie gesagt.
Wenn du mich interessierst,
dann wird auch was gewagt,
die Formen frei von Normereien,
schließen ein,
Gleiches und das was uns trennt.

Wenn du mich interessierst,
dann ist das anders, mehr, als
ein Projekt, ein Buch, ein Film.
Dann mausert sich da was,
wächst, gedeiht, zu dem,
was es ist, längst war oder ich
hab verpennt,
dass Freundschaft nicht mehr
existiert.
Dann hab ich immerhin probiert,
mich dir zu offenbaren.

Wenn du mich interessierst,
dann du, keine Beliebigkeiten,
das ist kein Trick, kein Spiel,
nicht jetzt,
auch nicht in Zeiten,
die uns verstören mögen,
müssen.
Wenn du mich interessierst,
mein Freund,
will ich auch von dir hören.

Und wenn nicht?
Dann nicht.
Dann interessiere ich mich wohl,
doch du vermutlich nicht.

©ideenlese

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Die Wut

Heute, gleich nachdem es geschah,
war ich ihr ganz nah.
Ihr heißer Atem zischte mich an,
fauchte,
Funken stoben,
glühend,
von ganz unten
bis ganz oben.
Und zurück.

Fast hätte sie es geschafft,
zu inkarnieren,
in Worte, lauthals, grob, ohne Sinn
formulieren,
was Emotionen diktieren,
Zensur,
kauert, in einer Ecke
im dunklen Flur.

Es ist wie es ist,
dauert, bedauert
leckt wild die alten Wunden,
zerreißt sich in Fetzen
bis sie sich vollständig entladen
hat.
Ausgepowert,
dem Gipfel ganz nah,
ausgerutscht.
Flutsch!

Auf dem M,
einem schnöden,
beliebigen
M,
das sie dreht und wendet,
auf die Füße stellt,
Bodenhaftung,
aufrechter Weitblick
Tiefblick,
ins Herz, ins Wesenliche.

Transformation.
Aus Wut wird Mut.

©ideenlese



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Allgemein, For Future

Frage an den Metzger

Kürzlich lief ich an einer Weide vorbei, auf der sieben Kühe grasten. Sie standen da, vertieft in ihr Tun, Selbstverständnis von Nichtstun, hielten inne, als sie mich kommen sahen, die Köpfe hebend, neugierig schauend, was ich wohl vorhabe.

Ich tat es ihnen gleich und entschied mich für Stehen und Grasen. Reihte mich ein in die Ordnung der Herde und ihren subtilen Regeln. Was unterscheidet mich schließlich von einer Kuh? Das Gewicht? Angesichts fehlender Bewegung nur noch ein paar Gramm. Intelligenz? Ein verschwindend geringer Prozentsatz, wenn überhaupt.

Die Leitkuh setzte sich gemächlich in Bewegung, kam so nah wie der trennende Elektrozaun es zuließ an mich heran und sah mich an. Große, braune Augen, umrahmt von langen Wimpern in leichtem Aufwärtsschwung, dicht an dicht wie fein gewebte Seidenfäden.
Anmutig klar der Blick, unbeeindruckt von der Fliege, die sich im inneren Augenwinkel niederließ, unbeeindruckt auch von mir, sah sie mich an.

Ihr Blick ruhte in meinem, meiner in ihrem. Ein friedlicher, heiliger Moment. Ein Eintauchen einer Seele in eine andere. Eine Verbindung von einem Wesen zu einem anderen, mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede.

Auf dem Rückweg ging ich über den Dorfplatz, vorbei am Bäcker und am Metzger.

Wie macht er das, fragte ich mich, wie kriegt er das hin?
Lässt er es erledigen?
Er kann es nicht, wenn er der Kuh in die Augen schaut.

Wer könnte das schon? Bilder aus Kindertagen steigen in mir hoch, eine schreiende Kuh voller Angst, panisch, riesige, flutschige Fladen ablassend, die Augen weit aufgerissen, getrieben mit einem Elektroschocker durch die enge Gasse in den Schlachthof der Fleischerei.

Was macht er, der Schlachter, wenn immer mehr von uns den Kühen in die Augen schauen?
Was macht er, wenn sich kurz vor dem, was berufsbedingt so sein muss, die Kuh ihn so anschaut, wie sie mich angeschaut hat?

Was, wenn wir hautnah, in uns spüren, dass da gar kein Unterscheid ist zwischen uns und den Kühen und Schweinen und anderen sogenannten Nutztieren? Weil wir es in ihrem Blick erkennen. Weil wir sie sehen. Und weil sie uns sehen. Erkennen. Auf ihre Art. Auf unsere Art.

Was macht der Metzger, wenn seine Kunden, anstatt das Fleisch in seinem Laden zu kaufen, lieber zusammen mit den Kühen auf der Weide stehen und Grasen?

Ich habe keine Lust auf erhobene Zeigefinger, auf Verurteilungen, auf Bewertungen, auf all den Quatsch, der uns voneinander trennt, anstatt uns zueinander zu führen.
Ich habe keine Lust mehr auf Ausflüchte und Spielchen, halbe Wahrheiten, Vertröstungen und irgendwelchen Egoschrott.

Jeder wie er kann. Das Beste ist ein individuelles Gut.

Und die Freiheit ist ein sehr hohes, sehr fragiles Gut!

Ich bin jedenfalls so frei, allen Wesen erst einmal tief und lange in die Augen zu schauen, bevor ich sie in mein Leben lasse.
Dass ich irgendein Wesen dann zum Fressen gernhabe, davor mögen mich meine Vernunft und meine Feinfühligkeit weiterhin bewahren.

Mögen die Augen nicht größer sein als der Mund. Mögen sie stattdessen lieber eine Koalition mit der Intuition, dem Verstand, mit der Liebe bilden.

Ich wüsste gerne, wie der Metzger das sieht und über seine Zukunft denkt.

©ideenlese

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Allgemein

Sommergewitter


Satte, schwere Tropfen,
prasseln in die feuchte Schwüle,
machen das Grün strotzend, lechzend, ächzend,
nach Kräften und Säften.

Knospen springen auf, ungebremst, ungestüm.
Süßes Verlangen, Lust auf das, was es ist,
frei von Raum, Zeit und Kalkül,
blitzt es, kracht es in die Nacht.
Sommergewitter ohne Hab acht,
die ganze Nacht.

Oh what a night,
One moment in time.
The first cut is the deepest?

The sweetest.

©ideenlese

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