Persönlich

Introversion


Heute treffe ich mich mit P. im Biergarten. Und ich freue mich sehr darauf.

Es ist fast auf den Tag genau ein Jahr her, dass ich dort war. Mein Herz beschleunigt, wenn ich daran denke, heute Abend auszugehen.

Der Mensch braucht den Menschen, die Menschen. Er ist ein soziales Wesen. Wer immer nur allein vor sich hin dümpelt, seinen Gedanken nachhängt, der verkommt zu einem Nerd, verliert seine soziale Kompetenz, wenn sie denn überhaupt je vorhanden war, verstärkt seine Schüchternheit, man muss doch auch mal rausgehen, was machen, was unternehmen, das Leben ist zu kurz, Action.

Ich sags mal so: Einen Shit muss man!

Ehrlich gesagt fand ich die Auswirkungen des Lockdowns gar nicht so schlimm.

Ein Satz, der es in sich hat. Der schafft es in die Charts der shitstorm verdächtigen Sätze. Der sorgt für Kontroversen, die sich gewaschen haben.

Wie kann ich nur sowas sagen? Die armen Kinder und Jugendlichen und Alten in den Stiften und Heimen oder allein zuhause, die Wirtschaft, die Bildung. ecetera pp.  

Moment.

Was für mich gilt, muss für dich nicht gleichermaßen gelten.
Und hier geht es einzig und allein um subjektives Empfinden.

Du stehst auf Trubel, Unternehmungen, Events, Reisen, hast Hummeln im Hintern, gehst gerne Shoppen. Du ziehst Energie daraus, dass Menschen um dich herum sind, dass was los ist. Ruhe und Stille machen dir Stress.

Allein zu sein macht dich traurig, fertig, unruhig.

Ich mag Ruhe! Stille! Ich ziehe Energie aus mir selbst, aus guten und inspirierenden Gesprächen, Musik, Natur, Literatur und einer Handvoll Menschen, auf die ich mich verlassen kann, auch, weil sie mich so lassen, wie ich bin und umgekehrt.

Das heißt nicht, dass ich im eigenen Saft brate und nichts auf die Kette kriege oder eine Langweilerin bin, geschweige denn irgendwie einen an der Waffel habe.

Mein Rhythmus ist ein anderer als deiner. Mein Tempo ebenfalls.

Und das und nur das meine ich, wenn ich sage, dass ich den Lockdown gar nicht so schlimm fand und dass mir die krassen Lockerungen Herzklopfen machen. Auch vor den Schließungen und Einschränkungen war ich keine Partylöwin oder Shoppingqueen.

Über alles andere diskutiere ich gerne. Sehr gerne sogar. Wenn wir uns Zeit und Raum nehmen, einander aktiv zuhören, den anderen ausreden lassen, reflektieren, nicht alle Themen durcheinander schmeißen und munter mit jeder Menge Meinung vermischen; und wenn wir möglichst auf Dramen verzichten könnten, wäre das super.

Du fragst, ob ich immer so ticke?

Niemand ist nur introvertiert oder nur extrovertiert.
Im Extremfall würde ich behaupten, dass das schon ziemlich psychopathisch wäre.

Es kommt auf etliche Faktoren an und in letzter Konsequenz darauf, zu akzeptieren, zu respektieren und zu tolerieren, dass ein Ei dem anderen nicht aufs Haar gleicht.

Schon mal Eier mit Haaren gesehn? (Siehste, so kann ich auch)

Es hinkt der Vergleich bis an die Schmerzgrenze und weit darüber hinaus. Macht aber heute überhaupt nichts. Vielleicht liegt es an der fantastischen Hitze.

Ich bin jedenfalls mehr intro als extra. Ich schreibe viel interessanter, heute ist eine Ausnahme, als ich je sprechen werde.

Ich lache gerne, singe laut unter der Dusche und bin auch nicht besonders schüchtern.

Jedoch trage ich mein Herz selten auf der Zunge und denke (leider oft) viel zu lange und zu viel nach, bevor ich etwas sage oder mache.

Auch das nicht immer!

Aber wenn ich schneller oder lauter bin, als es mir eigentlich entspricht oder gut tut, dann fühle ich mich damit ausgesprochen unwohl.

Dann bin ich mir selbst, meinem Wesen so fremd, dass ich mich vor mir selbst schäme und vor anderen rot werden, mir ansonsten meine Farben jedoch entweichen und ich wie ein grauer Sack in mir zusammenfalle.

Das war heute für meine Verhältnisse ein sehr persönlicher Post.

Ein Sprung in die Bresche für alle, die introvertiert unterwegs sind und das Gefühl haben, sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Irgendwie musste das heute mal raus.
Und jetzt, zurück ins Schneckenhaus?

Mitnichten. Aber gut, es immer bei sich zu haben.




©ideenlese



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Allgemein, Fantasie, Geschichte, Satire, Spaß, Träume

Josefa & The Bay City Rollers


Ich murmele meinen Namen, mein Alter und meinen Wohnort. Da ich die einzige Zeugin in der Sache bin, zweifle ich meine Aussage an. Skepsis ist mein Steckenpferd, besonders in den Morgenstunden und die enden in meiner Welt frühestens um 10 Uhr.

Ich will sicher sein, dass ich die bin, für die ich mich heute Morgen halte und dass heute der Tag ist, von dem ich meine, dass er es ist. Also befrage ich meinen Mann. Ich könnte auch die Hündin fragen. Doch die guckt nur niedlich, worauf ich ihr den Napf mit Futter befülle; und damit abrupt ihre Aufmerksamkeit verliere: an einen Napf! Ein Omen?

Der Gatte rollt mit den Augen und lässt auf mein Bitten hin meinen Vornamen seinen Lippen entgleiten. Er tut dies nicht einfach so. Er betont jede Silbe, macht eine kurze Pause und setzt achtsam zur nächsten an. Es sind drei. Nimmt man meinen zweiten Vornamen hinzu, kommt man auf sechs. Sechs Silben.

Als er bei der letzten Silbe angekommen ist, hält er erneut inne, atmet tief ein und lässt meinen vollständigen Namen langsam und gedehnt dem Strom seines Ausatmens entfahren. Wie eine leise, sehr sanfte, vornehme Flatulenz, die sich dem eleganten Entweichen ganz und gar hingibt.

Ich sehe ihn fragend an, er versteht und deutet mit dem Zeigefinger ungeduldig tippend auf das Titelblatt der lokalen Landgazette. Datum und Tag stimmen mit meiner Annahme überein. Erleichterung entfaltet sich in mir wie ein Schmetterling, der just dem adipösen Raupendasein entschlüpft ist.

Und gleich darunter lese ich in großen, druckfrischen Lettern: Landfrauen erbitten Spenden.

Mit den Spendengeldern wollen die Damen eine Gedenktafel in Form eines sehr großen Huhns, gegossen aus Bronze, aufgestellt auf dem zentral gelegenen, einzigen Verkehrskreisel im Umkreis von zwanzig Kilometern, errichten. Zwei hiesige Künstler: innen haben sich bereits begeistert aus dem Ruhestand zurückgemeldet, um dem Projekt ihren Odem einzuhauchen.

Die amerikanische Autorin, hat durch ihr Ableben die Damen, Bäckerinnen wundervollster Buttercremetorten und Herrscherinnen über Ställe massenhafter Hühner- und Schweinehaltung und Glyphosat- und jauchegetränkter Felder, abgeholzter Wälder und monokultureller Ländereien in ein Tal der Tränen und Verzweiflung geschubst.

Sie hat uns mit ihren Romanen so viel gegeben, so viel Einsicht und Mitgefühl, sie hat unseren Blick weit gemacht für das, worauf es wirklich ankommt, wird eine der Landfrauen, eine gewisse Josefa M. aus S. zitiert.
Zum Glück heißt es weiter, habe die Schriftstellerin den letzten Band noch vor ihrem Ableben fertigstellen können. Ich weiß nicht, wie es sonst hätte weitergehen sollen. Zitatende.

Na gut, denke ich, im Zweifel gar nicht! Denn toten Autoren dürfte das Halten des Stiftes angesichts ihrer maximal molekularen Daseinsform unmöglich sein. Aber, sage niemals nie. Was weiß ich schon? Nüscht.

Rosamunde P. lässt jedenfalls herzlich und spürbar grüßen und ihre sieben Schwestern fahren reichlich auf. Das Buffet leicht verdaulicher Kost bricht unter der Last der Main gestreamten Bestseller fast zusammen. Aber eben nur fast, denn schließlich wird ja kräftig zugelangt und verschlungen, weit über die Kreise der ländlichen Bevölkerung hinaus.

Josefa! Josefa? Das ist der Name, der diesem Tag gebührt! denke ich. Es ist nicht ein schnöder Dienstag, der sich, wie in meinem Falle heute, in den Dienst bösartig-zynischer, diskriminierender und vor Arroganz strotzender Satire stellt.
Heute ist Josefa Tag. Der Tag der Einsicht, des Weitblicks, Satori, ick hör dir trapsen.

Schau mal genauer hin, sagt eine ruhige, vernünftige Stimme in mir, dann geht dir vielleicht ein Licht auf, warum dir an diesem magischen Dienstag eine Josefa aus deiner egozentrischen Hybris heraushilft und dir einen Blick durch den Türspalt in den Raum der Toleranz, Demut und Gelassenheit ermöglicht.

Also google ich Josefa und staune nicht schlecht. Josefa ist die weibliche Form des männlichen Vornamens Josef, das ist hebräisch und bedeutet: Gott fügt hinzu / möge vermehren.

Gott fügt hinzu. Was für eine Losung für diesen Tag! Josef hieß der Mann von Maria, biologisch dürfte er für die Vermehrung zuständig gewesen sein, die einen gewissen Jesus als vorläufiges Ergebnis hervorbrachte.
Gott möge vermehren. Gesagt, getan.

Der Begriff Gott ist nur bedingt einer, zu dem ich Zugang habe.
Gott ist für mich tief in meinem Nichts und unendlich weit im Alles.

Und daraus schließe ich, dass das, was ich tue, mein Schaffen, mein Schöpfen, mein Sein, ein Teil des Ganzen ist. Ich schließe daraus, dass ich genau das tue, was passt – auch wenn ich meiner Natur gemäß zweifle und hadere, zuweilen und besonders, was mein Schreiben, meine Dichtereien angeht.

Wozu, warum, Gedichte und Geschichten? Sie retten schließlich nicht die Welt!

Das vielleicht nicht.
Aber sie lassen für einen Moment innehalten. Sie piksen vielleicht etwas an. Ein Gefühl. Eine Erinnerung. Eine Idee. Und wer liest, der kann in dieser Zeit des Lesens keinen anderen Blödsinn verzapfen – wie zum Beispiel zu viele Hühner in zu kleine Ställe sperren und flächendeckend Gift versprühen.

Und dafür gebührt der unlängst ins Nirvana entschwundenen Autorin auf jeden Fall das bronzene Huhn!

Magie ist da, wo man sie sehen will, was mich zum Schlusssatz kommen lässt, den ich heute, an diesem Josefa Tag den glorreichen Bay City Rollers überlasse. You made me believe in Magic.

Bye Bye Baby 😉

©ideenlese


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Poesie, Spaß

Die Pampelmuse

Sie tut mir gut,
ich schließe Frieden,
mit ihren fruchtig, fleischig,
bitter säuerlichen
Allüren, zartes Rosé,
wie dieser Tag,
mit seinem Mimosenstart,
erfüllt von melancholischem Getue,
verzehre ich verzerrten Antlitzes
die Bittersäuerliche, blind vor
dem Spritzer im Auge des Orkans,
und atme Ruhe,
die sich  über dies und das und jenes legt,
wie eine Schicht edler Salben,
nach dem Rütteln und Schütteln,
dem Wund- und Trägsein
dieser Montage,
die ihrer bedürfen, allenthalben, dringlich
dieser Muse.
Mit und ohne Pampel.

©ideenlese

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Allgemein, For Future

Frage an den Metzger

Kürzlich lief ich an einer Weide vorbei, auf der sieben Kühe grasten. Sie standen da, vertieft in ihr Tun, Selbstverständnis von Nichtstun, hielten inne, als sie mich kommen sahen, die Köpfe hebend, neugierig schauend, was ich wohl vorhabe.

Ich tat es ihnen gleich und entschied mich für Stehen und Grasen. Reihte mich ein in die Ordnung der Herde und ihren subtilen Regeln. Was unterscheidet mich schließlich von einer Kuh? Das Gewicht? Angesichts fehlender Bewegung nur noch ein paar Gramm. Intelligenz? Ein verschwindend geringer Prozentsatz, wenn überhaupt.

Die Leitkuh setzte sich gemächlich in Bewegung, kam so nah wie der trennende Elektrozaun es zuließ an mich heran und sah mich an. Große, braune Augen, umrahmt von langen Wimpern in leichtem Aufwärtsschwung, dicht an dicht wie fein gewebte Seidenfäden.
Anmutig klar der Blick, unbeeindruckt von der Fliege, die sich im inneren Augenwinkel niederließ, unbeeindruckt auch von mir, sah sie mich an.

Ihr Blick ruhte in meinem, meiner in ihrem. Ein friedlicher, heiliger Moment. Ein Eintauchen einer Seele in eine andere. Eine Verbindung von einem Wesen zu einem anderen, mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede.

Auf dem Rückweg ging ich über den Dorfplatz, vorbei am Bäcker und am Metzger.

Wie macht er das, fragte ich mich, wie kriegt er das hin?
Lässt er es erledigen?
Er kann es nicht, wenn er der Kuh in die Augen schaut.

Wer könnte das schon? Bilder aus Kindertagen steigen in mir hoch, eine schreiende Kuh voller Angst, panisch, riesige, flutschige Fladen ablassend, die Augen weit aufgerissen, getrieben mit einem Elektroschocker durch die enge Gasse in den Schlachthof der Fleischerei.

Was macht er, der Schlachter, wenn immer mehr von uns den Kühen in die Augen schauen?
Was macht er, wenn sich kurz vor dem, was berufsbedingt so sein muss, die Kuh ihn so anschaut, wie sie mich angeschaut hat?

Was, wenn wir hautnah, in uns spüren, dass da gar kein Unterscheid ist zwischen uns und den Kühen und Schweinen und anderen sogenannten Nutztieren? Weil wir es in ihrem Blick erkennen. Weil wir sie sehen. Und weil sie uns sehen. Erkennen. Auf ihre Art. Auf unsere Art.

Was macht der Metzger, wenn seine Kunden, anstatt das Fleisch in seinem Laden zu kaufen, lieber zusammen mit den Kühen auf der Weide stehen und Grasen?

Ich habe keine Lust auf erhobene Zeigefinger, auf Verurteilungen, auf Bewertungen, auf all den Quatsch, der uns voneinander trennt, anstatt uns zueinander zu führen.
Ich habe keine Lust mehr auf Ausflüchte und Spielchen, halbe Wahrheiten, Vertröstungen und irgendwelchen Egoschrott.

Jeder wie er kann. Das Beste ist ein individuelles Gut.

Und die Freiheit ist ein sehr hohes, sehr fragiles Gut!

Ich bin jedenfalls so frei, allen Wesen erst einmal tief und lange in die Augen zu schauen, bevor ich sie in mein Leben lasse.
Dass ich irgendein Wesen dann zum Fressen gernhabe, davor mögen mich meine Vernunft und meine Feinfühligkeit weiterhin bewahren.

Mögen die Augen nicht größer sein als der Mund. Mögen sie stattdessen lieber eine Koalition mit der Intuition, dem Verstand, mit der Liebe bilden.

Ich wüsste gerne, wie der Metzger das sieht und über seine Zukunft denkt.

©ideenlese

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Allgemein

Sommergewitter


Satte, schwere Tropfen,
prasseln in die feuchte Schwüle,
machen das Grün strotzend, lechzend, ächzend,
nach Kräften und Säften.

Knospen springen auf, ungebremst, ungestüm.
Süßes Verlangen, Lust auf das, was es ist,
frei von Raum, Zeit und Kalkül,
blitzt es, kracht es in die Nacht.
Sommergewitter ohne Hab acht,
die ganze Nacht.

Oh what a night,
One moment in time.
The first cut is the deepest?

The sweetest.

©ideenlese

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