Die alte Liebe

Er liegt hinten rechts unter den vergilbten Liebesbriefen. Er liegt dort seit sechsunddreißig Jahren, vier Monaten und zwölf Tagen.
Einmal, ein einziges Mal, wurde er vorsichtig in die Hände genommen. Raus aus dem Schuhkarton, hinein in den Karton mit dem Rosenmuster.

Sie liegt in der gegenüberliegenden Ecke. Einst schillernd, fristet sie ihr Dasein in Angst vor Milben und Motten. Auch sie bekommt ein neues Domizil, wird mit zarten Fingerspitzen berührt und sanft umgebettet in den Rosenkarton.

Sie spürt ein Ziehen und Pulsieren in ihren feinen Fasern. Er muss hier irgendwo sein. Auf ihre Intuition kann sie sich verlassen. Sie weiß, dass er mit ihr in den Rosenkarton gelegt wurde.

Heute ist ihr Tag. Heute wagt sie es.
Das jahrzehntelange Herumliegen zwischen alten Papieren, Fotos und staubigen Kunstfaserschleifen hat sie heiser gemacht. Doch immer dann, wenn sie befürchtete, zu ersticken, hat sie sich leise geräuspert und überlebt. Sie tut es wieder. Jetzt. Sie räuspert sich. Und sie tut es lauter als all die Jahre zuvor.

Er weiß, dass er aus Blech ist. Sein goldenes Image ist ein Bluff. Doch zur Fastnacht findet er seine Anhänger. Und allemal ist es besser, als Piratenohrring in einer gelackten Rosenkiste zu liegen, als immer wieder als Konservendose auf die Welt kommen zu müssen und in schnöden Supermarktregalen herumzustehen. Gefüllt mit Erbsen, Bohnen und gezuckerten Pfirsichen.

Er hält inne. Was ist das für ein merkwürdiges Geräusch? Er lauscht konzentrierter. Es kommt aus der gegenüberliegenden Ecke. Es hört sich an wie ein Räuspern. Ein Flüstern. Nein, es ist ein leises Rufen.

Hallo, ruft sie, hallo, hören Sie mich? Ich weiß, dass Sie da sind. Hallo?

Er hat sich nicht getäuscht. Da ruft jemand mit feiner Stimme. Sein Metall nimmt die Schwingung auf.

Wer ruft mich?

Ich bin es, der Rest der Federboa, ich liege hier in der Ecke! Wir kennen uns von früher. Sie sind Herr Piratenohrring.

Federboa? Rest? Von früher? Der Rost am Scharnier seines Klipses macht seinem Gedächtnis zu schaffen.

Federboa? fragt er laut.

Ja, Federboa. Mit einigen anderen war ich ein Kostüm. Ich hieß damals Paradiesvogel und meine Besitzerin gewann den dritten Preis beim Kostümwettbewerb vor sechsunddreißig Jahren, vier Monaten und zwölf Tagen.

Es war wirklich lange her, dass sie Teil einer prämierten Verkleidung gewesen war. Nur sie hatte überlebt. Die anderen waren Stück für Stück verspielten Hundewelpen und der Altkleidersammlung zum Opfer gefallen.
Die Federboa. Natürlich! Er erinnert sich. Federn mit Grandezza waren ihm in seinem Leben nur einmal begegnet. Sie hatte ihn berührt und gekitzelt. Die schemenhaften Erinnerungen werden schärfer. Sie bringen sein Blech in Wallung.

Na da ist ja eine Überraschung, verehrte Federboa, ruft er mit tiefer Stimme in die Dunkelheit der Pappkiste hinein.

Des näckschte Highlight des Abends isch die Wahl vom beschte Koschtüm. Alle Gäscht, die mitmache möchte kummet uf de Bühn bitte.

Sechsunddreißig Jahre, vier Monate und zwölf Tage sind seither vergangen.

Wie haben Sie mich gefunden? Woher wissen Sie, dass ich auch hier in der Pappschachtel leben?

Ach, Herr Piratenohrring, ich wusste es einfach all die Jahre. Aber ich traute mich nicht, Sie anzusprechen. Ich bin etwas schüchtern. Und Sie sind noch so heil, während ich viele Federn lassen musste, seufzt die Federboa.

Aber, aber, ich bitte Sie. Wie sind beide nicht jünger und schöner geworden. Mein Blech hat auch enorm nachgelassen. Der Lack ist ab, antwortet er und spürt Ionen und Anionen in sich aufsteigen.

Erinnern Sie sich, Herr Ohrring, Sie und ich. Sie am Ohr baumelnd beim Tanz und ich, ganz nah bei Ihnen?

Und wie er sich erinnert. Eine großartige Nacht war das, an deren Ende er mit einem Versprechen vom Ohr gezogen wurde und kurz darauf in einer Handtasche landete.

Und jetzt liegen wir hier seit Jahren in diesem kitschigen Rosenkarton, jammert die Federboa.

Der Ohrring pflichtet ihr bei. Stimmt, sagt er, Sie kümmert sich überhaupt nicht ums uns. Traurig ist das, wirklich traurig.

Wissen Sie, meine Liebe, ich darf Sie doch so nennen? Manchmal habe ich abenteuerliche Gedanken. Dann möchte ich raus aus der Kiste. Raus aus dieser dunklen Gefangenschaft und noch einmal die Schwingungen von damals spüren.

Oh ja! Mir geht es auch so. Es ist so dunkel, staubig und langweilig hier drinnen. Das Papier wird immer muffiger und poröser. Und ich zerfalle zu Staub, wenn nicht bald Licht und Luft an meinen Federteint gelangt.

Es ist still im Karton. Beide hängen ihren Gedanken nach. Sie sie schließlich räuspert und das Schweigen bricht. Der Staub von über dreißig Jahren macht ihr immer noch zu schaffen.

Ich habe da so eine Idee, mein lieber Herr Ohrring. Aber bitte lachen Sie mich nicht aus. Es ist nur eine Idee.

Aber ich bitte, Sie, meine liebe Freundin! Niemals käme auch auf den Gedanken, Sie auszulachen. Ich warte gespannt auf Ihre Ausführungen.
Er kann, wenn er will und er wollte gerade sehr galant sein.
Es ist nämlich so, wisperte die Federboa, dass ich da so eine Energie in mir spüre. Nicht irgendeine Energie, sondern eine, die ihresgleichen sucht.
Ich will damit sagen, dass ich es durchaus für möglich halte, dass wir in der Lage sein könnten, wenn wir denn mit aller Kraft wollen, also, um es auf den Punkt zu bringen…

Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche, Verehrteste, aber sie meinen, dass, wenn wir unsere Schwingungen, unsere Energien, wie sie es nennen, einsetzten, dass wir dann…

Ja, gewiss. Es müsste doch möglich sein, dass, wenn wir wollen…

Ausbrechen!
Freiheit!

Raus aus dem Karton.

Frische Luft, meine liebe Freundin, frische Luft ist schon lange von Nöten.
Wie recht Sie haben, bester Freund.

Zunächst, meine Liebe, müssen wir versuchen, näher zueinander zu kommen.

Sie meinen, heraus aus der Nische? Treffpunkt Mitte?

Genau, Treffpunkt Mitte, der Ohrring entspannt sich und spricht weiter. Wir lassen uns fallen. Wir geben uns einer Trance hin. So, wie wir es damals auf dem Ball erlebt haben und…

…stellen uns ganz fest vor, dass wir uns bewegen? Noch bevor die Federboa den Satz beendet, rutscht der Ohrring in hoher Geschwindigkeit auf sie zu. Sie kann nur knapp ausweichen und schreit schrill auf.

Potz Blitz! Was war jetzt das?

Das war Energie, meine Liebe, reine Energie.
Im selben Augenblick trifft sie ein Blitz und es wird unerträglich hell in der Schachtel. Briefe werden zur Seite gelegt, lange, schlanke Finger bahnen sich ihren Weg.

Nein, schreit die Federboa, nein, Hilfe, sie holt mich. Was hat sie vor? Ich will nicht mit dem Hund spielen. Doch da ist sie schon aus seinem Blickfeld verschwunden. Sie ist frei, denkt er melancholisch, ich nicht. Die Glückliche.

Sein Leben liegt nun in ihrer Hand. Er spürt ihren Blick auf sich ruhen. Lange.

Der Ohrring. Dass sie den überhaupt noch hat. Und die Feder aus dem Kostüm ist auch noch da. Feder und Ohrring. Paradiesvogel und Pirat. Wo er wohl ist? Was er wohl macht?

Sie gibt seinen Nahmen in die Suchmaschine ein. Seine Website füllt ihren Bildschirm. Die blonden Locken gestutzt, die blauen Augen umrahmt von einem dunklen Brillengestell. Sechsunddreißig Jahre, vier Monate und zwölf Tage älter. Sie lächelt und schaltet das Notebook aus.

Auf dem Schreibtisch liegen in einer Schale aus Holz eine rote Feder und ein angelaufener Ohrring aus goldfarbenem Blech. Und wenn sie nicht verrottet sind, dann liegen sie da noch heute.

Immerhin hat sie uns nebeneinander gelegt, sagt die Federboa, erleichtert, ihn in ihrer Nähe zu haben.

Ja, brummt er, und wir sind noch nicht in der Mülltonne gelandet.

Dann, nach einer Weile, fährt er fort, bei Lichte betrachtet, meine liebe Freundin, erlauben Sie mir zu sagen, dass Sie ausgesprochen, nun, wie soll ich es ausdrücken, ausgesprochen sexy sind.

Jetzt war es raus.

Sexy? Sie finden mich sexy? Sie wird rot. Denn sie ist schüchtern. Und dass sie sexy ist, hat ihr seit sechsunddreißig Jahren, vier Monaten und zwölf Tagen niemand mehr gesagt.

Nun, meine Liebe, wenn Ihnen sexy zu drastisch ist, so lassen Sie es mich anders ausdrücken. Sie sind hübsch und strahlen eine ganz besondere Energie aus.

Wenn sie sich ihn genau ansieht, im Hellen, dann macht er eine recht gute Figur, auch noch nach sechsunddreißig Jahren, vier Monaten und zwölf Tagen.

Die Windspiele

Es war einmal vor langer Zeit, da hingen in der Pagode eines japanischen Gartens zwei Windspiele. Das eine wusste vom anderen nicht. Doch in den Nächten, wenn die Dunkelheit die Seele wachküsst, spürten beide, dass sie verbunden sind und dass die Zeit der Begegnung noch kommen würde.

Sie waren schön, die beiden Windspiele. Das eine glänzte und strahlte in allen erdenklichen Blautönen, das andere glitzerte in allen Grüntönen, die der große Farbenmeister erschaffen hatte.

Ihre eleganten Klangkörper brachten die wunderschönsten Töne hervor. Die Menschen, die den Garten zu ihrer Zerstreuung aufsuchten, freuten sich über die beiden Windspiele und klatschten vor Vergnügen in die Hände. Die Kinder lachten fröhlich auf, wenn die Windspiele spielerisch im Luftzug tanzten.

Eines Tages entschied sich der Wind, seine sanfte Brise auffrischen zu lassen. Und da geschah es, dass sich die beiden Mobiles zum ersten Mal zart berührten.

Später erinnerten sich die alten Menschen, dass in dieser Nacht ein Funkenregen aus blauen und grünen Sternen vom japanischen Garten in den Himmel gestiegen war.

Von dem Tage an, an dem sich das blaue und das grüne Windspiel berührt hatten, erstrahlten ihre Farben noch intensiver und ihre Klänge wurden noch reiner. Es begann eine schöne und unbeschwerte Zeit mit Spiel und Tanz.

Doch dann geschah es.

Über dem japanischen Garten zogen dunkle Wolken auf. Schwarz bäumten sie sich zu bedrohlichen Himmelsungeheuern auf. Der Sturm kam, wurde zum Orkan und fegte viele Stunden über das Land. Er war so stark, dass er Bäume entwurzelte, Dächer von Häusern riss und die Wellen des Meeres zu fürchterlichen Wassermonstern wachsen ließ, die alles verschlangen, was sich ihnen in den Weg stellte.

Drei Tage und zwei Nächte tobte das Unwetter über das Land, in dem einst der japanische Garten geblüht hatte.

Auch die beiden Windspiele blieben nicht verschont. Die seidenen Fäden, die ihre Figuren und Klangkörper gehalten hatten, waren vollkommen ineinander verstickt. Einige waren sogar gerissen.
Das Wasser hatte ihre Farben ausgewaschen. Sie strahlten nicht mehr und waren nur noch ein Bild des Jammers.

Da hingen sie nun. Jedes für sich in seinem Elend. Sie konnten nicht miteinander spielen und sich nicht berühren. Der Sturm hatte sie viel zu weit voneinander entfernt.

Es herrschte Flaute, absolute Windstille und eine große Hitze setzte ein. Es wehte kein Lüftchen und kein Mensch besuchte den verwüsteten japanischen Garten. So ging das viele Wochen.

Doch dann, eines Tages, die Sonne stieg gerade über den Horizont, kam ein Gärtner des Weges, blieb an der Pagode stehen und betrachtete die beiden Mobiles mit traurigen und müden Augen.  Er erinnerte sich daran, wie schön sie einst gewesen waren und wie viel Freude sie aneinander gefunden hatten. Und wie sehr sich die Menschen an ihnen erfreut hatten, die im japanischen Garten spazieren gegangen waren.

Der Gärtner war müde und seine Hände taten ihm weh, denn er hatte viele Wochen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in dem japanischen Garten gearbeitet. Jetzt wollte er nach Hause gehen und sich ausruhen. Doch die verzweifelten Windspiele rührten sein Herz. Also nahm er erst das eine, dann das andere von seinem Haken und betrachtete sie in aller Ruhe. Wie schön und heiter sie einmal gewesen waren, damals, vor dem großen Sturm.

Ganz vorsichtig, nur mit den Fingerspitzen berührte er die Figuren und versuchte die Fäden zu entwirren. Doch seine Finger waren von der harten Arbeit geschwollen und voller Blasen und er war es nicht gewohnt, mit so zarten Gegenständen umzugehen. Und er war so müde, dass ihm fast die Augen zufielen. Ungeduldig griff er zu seiner Schere.

Als er gerade den ersten Knoten aufschneiden wollte, stand plötzlich ein kleines Mädchen vor ihm. Sie sah ihn aus großen, dunkelgrünen Augen und mit ernstem Gesicht an. Der Gärtner hielt inne.

Ohne ein Wort zu sagen, nahm ihm das Mädchen sicher und vorsichtig das Mobile aus der Hand, das einst blau gewesen war. Sie legte es anmutig auf den Boden und begann, ganz langsam und achtsam, einen Faden nach dem anderen zu entwirren. Jede befreite Figur legte sie zur Seite, strich mit ihren zarten Kinderhänden darüber, gerade so, als wolle sie die Figur von Staub befreien und sie zu neuem Leben erwecken.

Und siehe da, wie durch ein Wunder kehrte die Farbe zurück.

Am nächsten Morgen ging der Gärtner schon sehr früh in den japanischen Garten. Nebel verhüllte die Morgenröte noch, wie der Schleier einer Braut das Gesicht verhüllt. Doch als er an der Pagode ankam, was das kleine Mädchen schon da. Sie war nicht allein. Ein Junge mit blonden Haaren und blauen Augen war bei ihr und reparierte ruhig und geduldig die Klangkörper des grünen Windspiels.

Es vergingen von nun an dreimal sieben Tage. Am Abend des einundzwanzigsten Tages, der Mond zeigte sich voll und prall, hatten die beiden Kinder ihr Werk vollbracht. Stolz und mit strahlenden Augen hielten sie dem Gärtner die Windspiele entgegen. Alle Fäden waren entwirrt, alle Knoten waren gelöst und eines strahle in den wunderschönsten Grüntönen und das andere in allen Nuancen von Blau.

Der Gärtner faltete seine Hände vor der Brust, verbeugte sich vor den beiden Kindern und nahm die beiden Windspiele entgegen. Er hängte sie an den schönsten Platz in der Pagode. Als er sich umdrehte, um sich von den Kindern zu verabschieden, waren sie verschwunden.

Jeden Tag besuchte der Gärtner die Windspiele in der Pagode. Es entging ihm nicht, dass ihr Klang jetzt demütiger und tiefer war als einst, und dass ihre Farben einen silbernen Glanz bekommen hatten.

Der Gärtner lächelte, faltete die Hände vor der Brust und verbeugte sich vor den beiden Windspielen. Jeden Tag.
Sein Herz öffnete sich weit und seine Seele schmunzelte bis an sein Lebensende.