Leave me alone

Foto: Christine, 2021, September

Leave me alone for a while, cause I need just to shine, in my own and true style.

So leave me for ages, there are none dangers, to lose kind of love, nothing above.

I leave you alone for a while, just to show, what we are, for ages and ages so far.

(c) ideenlese

Schritte ins Meer

Ich gehe Schritt für Schritt ins Meer, seicht, es reicht mir bis zum Knie, ich halte kurz inne, neben mir steht ein kleines Mädchen, ein Augenblick, vorbei.

Ich gehe weiter Schritt für Schritt ins Meer, das Wasser reicht mir bis zur Hüfte, neben mir eine Frau, ein Lächeln, vorbei.

Ich gehe weiter, Schritt für Schritt ins Meer, das Wasser umspielt meine Schultern, spüre den Grund unter meinen Füßen, neben mir eine alte Frau, Blicke voller Weisheit, vorbei.

Ich überlasse mich den Wellen des Meeres, es trägt mich, weiter und weiter. It’s my turn.

(c) ideenlese

Schmerzen und die Frage nach dem Warum

Ab und zu verschiebe ich die Wärmflasche. Sie wird gebraucht. Mal oben, mal unten, mal in der Mitte.

Die Schmerztablette liegt in greifbarer Nähe. Sie ist die letzte ihrer Art in diesem Haushalt. Noch zögere ich, harre aus. Aber während ich tippe, wird deutlich, dass noch vor dem nächsten Satz die weiße Kapsel unterstützt von acht Schlucken Wasser und einem durchdachten Zusammenspiel von Reflexen durch meine Speiseröhre düsen und dann hoffentlich ihren Job machen wird.

Magen an Schmerzzentrum, mach dich locker, du Freak, Ibu ist hochdosiert und hochmotiviert eingetroffen.
Schmerzzentrum an Magen, immer mit der Ruhe, eins nach dem anderen, no pain no gain.
Magen an Schmerzzentrum, zack jetzt, die Dame in weiß eskaliert bereits.

Der Körper und der Sonntag sind sich einig. Heute legen sie mich lahm. Zäsur.
Maximaler Schmerzreiz, verteilt auf strategisch ausgeklügelte Positionen, gleich minimale Bewegungsfreiheit.

Ich schaffe es mit Mühe auf meine Meditationsbank zu klettern. Für eine halbe Stunde kann ich den Schmerz und die Gedanken tatsächlich sein lassen.

Ruhe, Stille, Kontemplation.
Und dann ist er doch wieder da. Der Schmerz im Körper.

Ich versuche zu entspannen, mich auf meine gechillte Seele zu verlassen und dem Körper Zeit zu geben, nachzuziehen. Er schmollt. Das letzte Jahr war teilweise echt die Härte und ich habe ihn vernachlässigt.

Jetzt sind die Rückenmuskeln hart, die Wadenmuskeln hart, die Achillessehne schmerzhaft geschwollen, der Nacken zum Luxusbrettchen avanciert und irgendein Nervengeflecht im Kopf hat sich zu einer Punkrock-Musikgruppe vernetzt, hämmert und kreischt, dass sich die Jochbeine biegen.

Es ist nur der Körper, denke ich. Der kriegt sich schon wieder ein, hoffe ich und verschiebe die Wärmflasche vom Lendenwirbel hoch in Richtung Schultern.

Denkste, röchelt der Körper, vonwegen nur der Körper.

Körperspuren. In den Körper hineinspüren. Gleichberechtigung. Achtsamkeit, das ist jetzt mal dran, Lotte!

Ich dachte, ich kann einfach wieder lossprinten, letzte Woche auf dem Sportplatz. Meine Runden drehen, wie immer. Ungeachtet dessen, dass sich etwas verändert hat, vor allem meine Kondition und mein Ziel. Es ist Zeit, etwas zu verändern, anzupassen, weicher werden zu lassen und wahrhaftiger.

Das was mein Körper mir zeigt, ist ein Kleinformat dessen, was wir im Großen, universell auch sehen. In unserer Art zu leben und zu lieben. Eingefahrene Spuren. Verhärtung, Erschöpfung, Müdigkeit, Erschlaffung. Desinteressen, Gier und Aggression. Mustergütige Egotouren.

Manchmal kann ich nicht nachvollziehen, woher die Worte kommen, die aus mir rausflattern. Ich lasse das jetzt so.  Wird schon irgendwie Sinn machen.

Genau wie die Furchen auf meinem Körperfeld, die ich jetzt so lange liebevoll beackern werden, bis sich Körper und Seele wieder auf Augenhöhe begegnen, sich lange und tief in die Augen sehen, sich erkennen und abfeiern bis in die Unendlichkeit und zurück.

Die Wärmflasche schiebt sich schon mal von selbst in Richtung Chakalaka* Chakra.

Schönen Sonntag.


*südafrikanische, scharf-würzige Soße 😉






Die Zeit der Patina

Die Betonung muss auf der ersten Silbe liegen, sonst ist das Wort verhunzt.
Pa-ti-na. Wenn man die zweite Silbe betont, sterben Charme und Grandezza einen stillen Tod. Der Klang verstummt. Er knickt ein, zieht sich die Mütze weit ins Gesicht und schleicht hinkend davon wie ein verschüchterter Zwerg.

Ich bekomme diese gewisse Patina mit der Betonung auf der ersten Silbe. Patina. Das hört sich eleganter an als Wechseljahre oder noch schlimmer, Klimakterium.
Patina ist eine natürliche Schicht von Schönheit, die sich nicht von Begriffen wie alt und grau ins Land der Unsichtbarkeit verschiffen lässt.

In stecke in dieser absurden Phase fest, die mit dem Gefühl des Verblutens beginnt, viel zu lange anhält, um dann in einen drohenden Hitzetod zu münden, der die Nächte schlaflos macht, auf die lustvolle Gestaltung derselben jedoch großzügig verzichtet.

Es ist keine Vermutung, sondern Fakt, dass auf den endgültigen Verfall des Körpers und das Verlöschen des Geistes im besten Falle ein großer Blonder mit schwarzen Schuhen dasteht, um uns abzuholen. Wahlweise auch eine große Blonde oder ein großes Blondes, für die Bierliebhaber unter uns.
Sie stimmen mir zu, denke ich. Am Ende wartet der Jet ins Jenseits. Zurück in das Große Ganze, zurück in den Zustand eines Atoms? Oder ins Nichts? Was wissen wir schon über den Zustand, in den wir nach dem Ableben diffundieren, reinkarnieren oder was auch immer wir uns für Worte ausdenken, um Dinge verstehen zu können, die wir nicht verstehen.

Können oder sollten wir diesem Prozess etwas abgewinnen? Heute nicht. Es fällt mir heute schwer, meine junge, sprühende Frau mit der Alten zu vereinen. Zu groß die Differenzen zwischen den beiden.
Danke für Nichts, möchte ich jammern. Danke, nicht dafür, dass ungefragt Fettgeschwader auf aufmarschieren, um aus einem einst schlanken und flachbrüstigen, fast androgynen Mädchen eine üppige Rubensfrau zu formen. Einen alten Kugelmenschen, der sein junges Pendant sucht und nicht finden kann, weil er einfach nicht schnallt, dass in der Kugel immer noch das Junge steckt.

Heute ist kein Tag, um das zu erkennen. Heute ist kein guter Tag. Oder doch?

Patina zaubert für mich. Patina versetzt mich in eine wohlwollende, zuversichtliche Stimmung. Patina leuchtet mich aus und setzt mich in Szene.

Meine Patina ist nicht grau und nicht hoffnungslos. Sie schimmert wie der Schatz im Silbersee, den ich mit Händen greifen kann.

Und plötzlich kann ich es kaum erwarten, dass sich meine Patina auch über die restlichen Strähnen meiner dunkelbraunen Haare legt und sie veredelt wie der weiße Schimmel die Salami. Die Patina, die mich das Leben noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive schmecken lässt.

Es kann nicht dieselbe Patina sein, die unbarmherzig und kalt in unsere Gehirne eindringt, sich wie Beton auf unsere Nervenbahnen legt und tiefe Krater in wunderschöne Landschaften reißt.
Nein. Es kann nicht die Patina sein, die sich wie Kalk auf unsere neuronalen Netze legt und Staub statt klarer Gedanken aufwirbelt.
Patina wie ich sie meine und allmählich erkenne, ist eine feine Schicht, die nicht verdeckt, sondern freilegt. Die Fragilität des Lebens und seine schleierhafte Schönheit und diesen feinen Hauch von wehmütiger Sehnsucht. Und das alles ohne großes Trara.

Patina.