Holzliebe & Lebertran

Beim Öffnen der Flasche strömt mir ein Duft entgegen. Lebertran. Er nistet sich in den Schleimhäuten meiner Nase ein, steigt wie der beißende Rauch eines Lagerfeuers aus noch feuchtem Holz auf die nächste Ebene und platzt ins limbische System.

Im Zeitraffer und mit Zoom wabert ein Löffel aus glänzendem Edelstahl auf mich zu. Ich kneife die Augen zusammen, ziehe die schmalen Kinderschultern in Richtung Ohren und balle meine Hände zu Fäusten.

Der graue, sämige Saft klebt auf meiner Zunge fest und schmeckt widerlich nach altem Fisch, muffig, tranig, penetrant. Ich würge und muss mich fast übergeben.
Wie lange noch? Wie lange muss ich diesen ekeligen Saft noch einnehmen?

Ich bin blass und viel zu dünn. In meinem Blut sind zu wenig Eisen und zu viele weiße Blutkörperchen. Ich schreie, trete und kratze, als der Arzt die Kanüle in meine Vene rammt. Mein Blut ist dunkel und fließt mit leisem Zischen in ein Plastikröhrchen. Ich habe Todesangst. Ich will nicht, dass mir etwas aus meinem Körper gezogen und alle sechs Wochen ein Loch in meine Ader gestochen wird.

Das muss sein, schreit und schimpft Herr Doktor ungehalten, reiß dich zusammen.

Es gibt in unserer Stadt keinen Kinderarzt. Kinder müssen sich zusammenreißen und die bittere Medizin der Erwachsenen schlucken.
Meine Mutter ist übersät von hektischen Flecken und hält mich mühsam im Zaum.


Das Öl, das leicht nach Lebertran riecht, ist für alle Holzsorten geeignet, steht auf dem Etikett, besonders für die Offenporigen. Der weiche Baumwolllappen nimmt es galant auf.
Er war einmal ein T-Shirt, das im Altkleidersack gelandet war.

Eines Tages rettete ihn die Tatsache, dass ich vergessen hatte, Putzlappen zu kaufen und mich daran erinnerte, woraus die Putzlappen waren, mit denen meine Oma geputzt hat. Wenn sie geputzt hat. Alte Schlüpfer aus labbriger Baumwolle.

Ich putze nicht gerne. Wie Oma. Oma war lieber im Garten unterwegs, an der frischen Luft oder beim Kaffeekränzchen, anstatt zu putzen.

Putzen ist die Zeit, in der ich nicht schreiben kann. Putzen ist die Zeit, in der ich nicht lesen kann. Vergeudete Zeit. Geraubte Zeit.

Aber Holz zu ölen ist etwas ganz anderes als zu putzen. Holz zu ölen ist für mich wie zur Ruhe kommen, zu mir kommen, nachzudenken auf eine zutiefst sinnliche Art und Weise. Es ist ein Zeremoniell, fast heilig. Ich will es immer und immer wieder tun. Holz ölen.

Immer in Richtung Maserung. Die feinen Poren und Rillen machen sich ganz weit. Sie werden weich und geschmeidig, nehmen auf und lassen sich nähren. Ich liebe Holz. Ich bin in meinem Element.

Im Fengshui steht Holz für Leben, Vitalität und Kreativität.
Das Holzelement repräsentiert Wachstum, Neubeginn und die Jahreszeit Frühling. Ich bin ein Frühlingskind. Geboren im März.

Der ist aus einem anderen Holz geschnitzt, geht mir durch den Kopf. Jemand, der aus einem anderen Holz geschnitzt ist, ist in meiner Vorstellung ein harter Brocken, jemand, den nichts umhaut, der dasteht wie eine Eiche.

Aus welchem Holz bin ich eigentlich geschnitzt?
Birnbaum. Die Antwort ist sofort da, wie aus dem Nichts.

Google. Birnbaum ist ein gefragtes Holz im Möbelbau. Es hat eine gute Polierfähigkeit. Birnbaumholz trocknet langsam und ohne große Rissbildung. Es ist formstabil und sehr fein und dicht und weist kaum Jahresringe auf.
Im Alter bekommt es eine sehr schöne rotbraune, bernsteinartige Färbung.

Birnbaum eignet sich trotz seiner Härte sehr gut zum Schnitzen feinster Details. Schwarz gebeizt wird es als Deutsches Ebenholz bezeichnet.


Während ich mit dem öligen Baumwolltuch über den Holztisch gleite, nicht aufhören kann, das Eichenholz fast zärtlich massiere, schließe ich Frieden mit Lebertran und schlimmen Erinnerungen.

Vielleicht war es auch der Lebertran Saft, der dazu beigetragen hat, dass ich vital und kreativ mein Leben gestalten kann, kaum Jahresringe aufweise und fein und relativ formstabil in meinem Element bin. Sagte ich schon, dass ich auf Holz abfahre? 😉

Alles Gute und Liebe und bis bald.








Die alte Liebe

Er liegt hinten rechts unter den vergilbten Liebesbriefen. Er liegt dort seit sechsunddreißig Jahren, vier Monaten und zwölf Tagen.
Einmal, ein einziges Mal, wurde er vorsichtig in die Hände genommen. Raus aus dem Schuhkarton, hinein in den Karton mit dem Rosenmuster.

Sie liegt in der gegenüberliegenden Ecke. Einst schillernd, fristet sie ihr Dasein in Angst vor Milben und Motten. Auch sie bekommt ein neues Domizil, wird mit zarten Fingerspitzen berührt und sanft umgebettet in den Rosenkarton.

Sie spürt ein Ziehen und Pulsieren in ihren feinen Fasern. Er muss hier irgendwo sein. Auf ihre Intuition kann sie sich verlassen. Sie weiß, dass er mit ihr in den Rosenkarton gelegt wurde.

Heute ist ihr Tag. Heute wagt sie es.
Das jahrzehntelange Herumliegen zwischen alten Papieren, Fotos und staubigen Kunstfaserschleifen hat sie heiser gemacht. Doch immer dann, wenn sie befürchtete, zu ersticken, hat sie sich leise geräuspert und überlebt. Sie tut es wieder. Jetzt. Sie räuspert sich. Und sie tut es lauter als all die Jahre zuvor.

Er weiß, dass er aus Blech ist. Sein goldenes Image ist ein Bluff. Doch zur Fastnacht findet er seine Anhänger. Und allemal ist es besser, als Piratenohrring in einer gelackten Rosenkiste zu liegen, als immer wieder als Konservendose auf die Welt kommen zu müssen und in schnöden Supermarktregalen herumzustehen. Gefüllt mit Erbsen, Bohnen und gezuckerten Pfirsichen.

Er hält inne. Was ist das für ein merkwürdiges Geräusch? Er lauscht konzentrierter. Es kommt aus der gegenüberliegenden Ecke. Es hört sich an wie ein Räuspern. Ein Flüstern. Nein, es ist ein leises Rufen.

Hallo, ruft sie, hallo, hören Sie mich? Ich weiß, dass Sie da sind. Hallo?

Er hat sich nicht getäuscht. Da ruft jemand mit feiner Stimme. Sein Metall nimmt die Schwingung auf.

Wer ruft mich?

Ich bin es, der Rest der Federboa, ich liege hier in der Ecke! Wir kennen uns von früher. Sie sind Herr Piratenohrring.

Federboa? Rest? Von früher? Der Rost am Scharnier seines Klipses macht seinem Gedächtnis zu schaffen.

Federboa? fragt er laut.

Ja, Federboa. Mit einigen anderen war ich ein Kostüm. Ich hieß damals Paradiesvogel und meine Besitzerin gewann den dritten Preis beim Kostümwettbewerb vor sechsunddreißig Jahren, vier Monaten und zwölf Tagen.

Es war wirklich lange her, dass sie Teil einer prämierten Verkleidung gewesen war. Nur sie hatte überlebt. Die anderen waren Stück für Stück verspielten Hundewelpen und der Altkleidersammlung zum Opfer gefallen.
Die Federboa. Natürlich! Er erinnert sich. Federn mit Grandezza waren ihm in seinem Leben nur einmal begegnet. Sie hatte ihn berührt und gekitzelt. Die schemenhaften Erinnerungen werden schärfer. Sie bringen sein Blech in Wallung.

Na da ist ja eine Überraschung, verehrte Federboa, ruft er mit tiefer Stimme in die Dunkelheit der Pappkiste hinein.

Des näckschte Highlight des Abends isch die Wahl vom beschte Koschtüm. Alle Gäscht, die mitmache möchte kummet uf de Bühn bitte.

Sechsunddreißig Jahre, vier Monate und zwölf Tage sind seither vergangen.

Wie haben Sie mich gefunden? Woher wissen Sie, dass ich auch hier in der Pappschachtel leben?

Ach, Herr Piratenohrring, ich wusste es einfach all die Jahre. Aber ich traute mich nicht, Sie anzusprechen. Ich bin etwas schüchtern. Und Sie sind noch so heil, während ich viele Federn lassen musste, seufzt die Federboa.

Aber, aber, ich bitte Sie. Wie sind beide nicht jünger und schöner geworden. Mein Blech hat auch enorm nachgelassen. Der Lack ist ab, antwortet er und spürt Ionen und Anionen in sich aufsteigen.

Erinnern Sie sich, Herr Ohrring, Sie und ich. Sie am Ohr baumelnd beim Tanz und ich, ganz nah bei Ihnen?

Und wie er sich erinnert. Eine großartige Nacht war das, an deren Ende er mit einem Versprechen vom Ohr gezogen wurde und kurz darauf in einer Handtasche landete.

Und jetzt liegen wir hier seit Jahren in diesem kitschigen Rosenkarton, jammert die Federboa.

Der Ohrring pflichtet ihr bei. Stimmt, sagt er, Sie kümmert sich überhaupt nicht ums uns. Traurig ist das, wirklich traurig.

Wissen Sie, meine Liebe, ich darf Sie doch so nennen? Manchmal habe ich abenteuerliche Gedanken. Dann möchte ich raus aus der Kiste. Raus aus dieser dunklen Gefangenschaft und noch einmal die Schwingungen von damals spüren.

Oh ja! Mir geht es auch so. Es ist so dunkel, staubig und langweilig hier drinnen. Das Papier wird immer muffiger und poröser. Und ich zerfalle zu Staub, wenn nicht bald Licht und Luft an meinen Federteint gelangt.

Es ist still im Karton. Beide hängen ihren Gedanken nach. Sie sie schließlich räuspert und das Schweigen bricht. Der Staub von über dreißig Jahren macht ihr immer noch zu schaffen.

Ich habe da so eine Idee, mein lieber Herr Ohrring. Aber bitte lachen Sie mich nicht aus. Es ist nur eine Idee.

Aber ich bitte, Sie, meine liebe Freundin! Niemals käme auch auf den Gedanken, Sie auszulachen. Ich warte gespannt auf Ihre Ausführungen.
Er kann, wenn er will und er wollte gerade sehr galant sein.
Es ist nämlich so, wisperte die Federboa, dass ich da so eine Energie in mir spüre. Nicht irgendeine Energie, sondern eine, die ihresgleichen sucht.
Ich will damit sagen, dass ich es durchaus für möglich halte, dass wir in der Lage sein könnten, wenn wir denn mit aller Kraft wollen, also, um es auf den Punkt zu bringen…

Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche, Verehrteste, aber sie meinen, dass, wenn wir unsere Schwingungen, unsere Energien, wie sie es nennen, einsetzten, dass wir dann…

Ja, gewiss. Es müsste doch möglich sein, dass, wenn wir wollen…

Ausbrechen!
Freiheit!

Raus aus dem Karton.

Frische Luft, meine liebe Freundin, frische Luft ist schon lange von Nöten.
Wie recht Sie haben, bester Freund.

Zunächst, meine Liebe, müssen wir versuchen, näher zueinander zu kommen.

Sie meinen, heraus aus der Nische? Treffpunkt Mitte?

Genau, Treffpunkt Mitte, der Ohrring entspannt sich und spricht weiter. Wir lassen uns fallen. Wir geben uns einer Trance hin. So, wie wir es damals auf dem Ball erlebt haben und…

…stellen uns ganz fest vor, dass wir uns bewegen? Noch bevor die Federboa den Satz beendet, rutscht der Ohrring in hoher Geschwindigkeit auf sie zu. Sie kann nur knapp ausweichen und schreit schrill auf.

Potz Blitz! Was war jetzt das?

Das war Energie, meine Liebe, reine Energie.
Im selben Augenblick trifft sie ein Blitz und es wird unerträglich hell in der Schachtel. Briefe werden zur Seite gelegt, lange, schlanke Finger bahnen sich ihren Weg.

Nein, schreit die Federboa, nein, Hilfe, sie holt mich. Was hat sie vor? Ich will nicht mit dem Hund spielen. Doch da ist sie schon aus seinem Blickfeld verschwunden. Sie ist frei, denkt er melancholisch, ich nicht. Die Glückliche.

Sein Leben liegt nun in ihrer Hand. Er spürt ihren Blick auf sich ruhen. Lange.

Der Ohrring. Dass sie den überhaupt noch hat. Und die Feder aus dem Kostüm ist auch noch da. Feder und Ohrring. Paradiesvogel und Pirat. Wo er wohl ist? Was er wohl macht?

Sie gibt seinen Nahmen in die Suchmaschine ein. Seine Website füllt ihren Bildschirm. Die blonden Locken gestutzt, die blauen Augen umrahmt von einem dunklen Brillengestell. Sechsunddreißig Jahre, vier Monate und zwölf Tage älter. Sie lächelt und schaltet das Notebook aus.

Auf dem Schreibtisch liegen in einer Schale aus Holz eine rote Feder und ein angelaufener Ohrring aus goldfarbenem Blech. Und wenn sie nicht verrottet sind, dann liegen sie da noch heute.

Immerhin hat sie uns nebeneinander gelegt, sagt die Federboa, erleichtert, ihn in ihrer Nähe zu haben.

Ja, brummt er, und wir sind noch nicht in der Mülltonne gelandet.

Dann, nach einer Weile, fährt er fort, bei Lichte betrachtet, meine liebe Freundin, erlauben Sie mir zu sagen, dass Sie ausgesprochen, nun, wie soll ich es ausdrücken, ausgesprochen sexy sind.

Jetzt war es raus.

Sexy? Sie finden mich sexy? Sie wird rot. Denn sie ist schüchtern. Und dass sie sexy ist, hat ihr seit sechsunddreißig Jahren, vier Monaten und zwölf Tagen niemand mehr gesagt.

Nun, meine Liebe, wenn Ihnen sexy zu drastisch ist, so lassen Sie es mich anders ausdrücken. Sie sind hübsch und strahlen eine ganz besondere Energie aus.

Wenn sie sich ihn genau ansieht, im Hellen, dann macht er eine recht gute Figur, auch noch nach sechsunddreißig Jahren, vier Monaten und zwölf Tagen.

Das Tagebuch


Für dich und deine kleinen Geheimnisse steht auf der ersten Seite. Ich kenne die Handschrift gut. Die runden, fast lieblichen Auf- und Abschwünge, ihre ängstliche Korrektheit und die kleinen Lücken zwischen dem ersten und dem zweiten Buchstaben eines Wortes; wie ein Einatmen, das sich auf den ersten Ton eines Liedes vorbereitet, innehält und dann doch tonlos in einem Pfff vergeht.

Ich kenne dieses Schriftbild, das niemals die Linien überschreibt, sie nur an der Grenze zur Freiheit berührt, wie eine Provokation und sich dann wieder der Enge fügt.

Später imitiere ich die Schrift perfekt, wenn ich Entschuldigungen für Fehlstunden in der Schule oder eine Unterschrift unter der Fünf in Mathe oder der Sechs in Französisch brauche. Mon Dieu.

Ich mag das Buch auf den ersten Blick. Es duftet nach Puder und Holz und fühlt sich wie ein kleines Kissen an. Ich streichle den Stoff, drückte auf das blaugrün karierte Leinen und fühle unter der soliden Hülle die weiche Wattierung. Wenn ich stärker drücke, spüre ich den Widerstand der dicken Pappe unter dem Polster, das die zarten Seiten schützt.

Unbeschriebene Blätter ohne einengende Linien und normierte Kästchen. Geschützt und von einem Band aus rotem Leder gehalten, verschlossen und nur mit einem winzigen Schlüssel zu öffnen.

Ich bin dieses Buch. Und nur ich habe den Schlüssel.

Durchscheinende Blätter, deren Ränder in zartem Gold schimmern. Fast wie ein Gebetbuch. Seiten, die bereit sind, sich mit Wahrheit, Ideen und Gedanken zu füllen. Bereit, alles aufzunehmen und im Stillen zu verarbeiten, was für niemand anderen Zugang haben darf.
Ein Tagebuch.
Ein Schatz, der erst geborgen werden darf, wenn die Zeit dafür reif ist. Meine kleinen Geheimnisse sind wie ein Hauch. Die Worte dafür haben mich noch nicht gefunden.

Aber ich ahne, dass dieses Tagebuch mir nicht allein gehört. Ich weiß, dass es vor seiner Reife gelesen wird. Immer wieder. Vom ersten Tage an ist mein Tagebuch ein offenes Buch. Ein Buch, das ich nicht für mich schreiben kann. Ein Buch, das gelesen werden muss. Aus Angst, aus Sorge, dass ich von Wegen abkomme. Kann von Wegen abkommen, die nicht die eigenen sind? Erwirbt man Vertrauen dadurch, dass man es bricht wie ein Siegel?

So lerne ich, Geschichten zu schreiben und Fährten zu legen. Später, mit zwölf flechte ich kleine Botschaften ein, schreibe Listen mit Dingen, die ich auf meine Flucht mitnehmen werde, sende Friedensangebote und Hilfeschreie, die erschöpft zusammenbrechen bevor sie ihr Ziel erreichen. Und ich lerne, wie es sich anfühlt, wenn man Vertrauen verliert.

Ich bin schüchtern, verschlossen und still.
Ich bin eine junge, sehr gute Beobachterin, ein Kind mit sieben Siegeln, das die Spiele der Erwachsenen intuitiv durchschaut, wie es nur Kinder können.
Ein Kind, das sich mit den Dingen des Lebens und dem Tod beschäftigt, ein Kind, dem die Vorstellung der Unendlichkeit des Universums große Angst macht und gleichzeitig in seinen Bann zieht. Ein Kind, das sich in eine andere Umgebung beamen kann, wenn es zu laut wird und zu grell und zu bedrohlich.

Ein kleines Mädchen mit dünnen Lauchhaaren, das so gerne lange und lockige Haare hätte und sich eine Strumpfhose auf den Kopf zieht und die Wollbeine mit einer Taftschleife zu einem dicken Zopf knotet.


Je länger man ohne Pause schreibt, umso mehr tauchen Erinnerungen auf, die einen beschäftigen, nicht mehr loslassen.
Unweigerlich wird man beim Schreiben zum Medium. Mit manchen Erinnerungen will man nichts zu tun haben. Manchmal ist Vergessen die bessere Möglichkeit. Oder doch nicht?

Es gibt eine Art von Kummer, die nicht geheilt werden kann, aber die mich antreibt und gleichzeitig verwirrt. Zu vergessen würde bedeuten, die Geschichte verebben zu lassen und damit unseren Hintergrund auszutrocknen. Manchmal sind die Geschichten zu traumatisch, dann ist es besser, sie verhungern zu lassen. Das muss jeder selbst entscheiden. Schreiben ist wie mit der Vergangenheit zu telefonieren und sie in die Gegenwart zu holen. Alles wird gegenwärtig. Ist wieder da. Jetzt.

Dieser Text könnte von mir sein. Ist er aber nicht. Die große Doris Dörrie hat ihn geschrieben und mich damit im Mark erschüttert. Im positiven, im kreativen im schönsten Sinne und mich ermutigt, Erinnerungen wie Perlen auf eine Schnur innerer Wahrheit zu ziehen und daraus mein Schmuckstück zu machen.

Zu schreiben bedeutet, nicht vor der Wahrheit zu fliehen, sondern in sie zurückzufinden, schreibt Frau Dörrie.

Offenheit kann zu Verletzungen führen; aber auch zu großer Freiheit und Freude. Und last but not least zu heilsamer Unterhaltung mit Wiedererkennungswert.

Das ist die Richtung, aus der der Wind in die Segel des Ideenlese Schiffes bläst. Ein neues Projekt! Vielleicht das Buch, das zu schreiben jetzt reif ist. Schreib dir die Seele aus dem Leib, tauchte vor Monaten während einer Meditation in mir auf. So soll es sein. Schreib, Mädchen, schreib.

Die zarten, goldumrandeten Blätter beschrieben mit Geschichten, die verbinden, in dem Augenblick, in dem sie geteilt werde.

Danke an alle, die mich inspirieren. Die meisten tun es, ohne es zu ahnen.








Die Windspiele

Es war einmal vor langer Zeit, da hingen in der Pagode eines japanischen Gartens zwei Windspiele. Das eine wusste vom anderen nicht. Doch in den Nächten, wenn die Dunkelheit die Seele wachküsst, spürten beide, dass sie verbunden sind und dass die Zeit der Begegnung noch kommen würde.

Sie waren schön, die beiden Windspiele. Das eine glänzte und strahlte in allen erdenklichen Blautönen, das andere glitzerte in allen Grüntönen, die der große Farbenmeister erschaffen hatte.

Ihre eleganten Klangkörper brachten die wunderschönsten Töne hervor. Die Menschen, die den Garten zu ihrer Zerstreuung aufsuchten, freuten sich über die beiden Windspiele und klatschten vor Vergnügen in die Hände. Die Kinder lachten fröhlich auf, wenn die Windspiele spielerisch im Luftzug tanzten.

Eines Tages entschied sich der Wind, seine sanfte Brise auffrischen zu lassen. Und da geschah es, dass sich die beiden Mobiles zum ersten Mal zart berührten.

Später erinnerten sich die alten Menschen, dass in dieser Nacht ein Funkenregen aus blauen und grünen Sternen vom japanischen Garten in den Himmel gestiegen war.

Von dem Tage an, an dem sich das blaue und das grüne Windspiel berührt hatten, erstrahlten ihre Farben noch intensiver und ihre Klänge wurden noch reiner. Es begann eine schöne und unbeschwerte Zeit mit Spiel und Tanz.

Doch dann geschah es.

Über dem japanischen Garten zogen dunkle Wolken auf. Schwarz bäumten sie sich zu bedrohlichen Himmelsungeheuern auf. Der Sturm kam, wurde zum Orkan und fegte viele Stunden über das Land. Er war so stark, dass er Bäume entwurzelte, Dächer von Häusern riss und die Wellen des Meeres zu fürchterlichen Wassermonstern wachsen ließ, die alles verschlangen, was sich ihnen in den Weg stellte.

Drei Tage und zwei Nächte tobte das Unwetter über das Land, in dem einst der japanische Garten geblüht hatte.

Auch die beiden Windspiele blieben nicht verschont. Die seidenen Fäden, die ihre Figuren und Klangkörper gehalten hatten, waren vollkommen ineinander verstickt. Einige waren sogar gerissen.
Das Wasser hatte ihre Farben ausgewaschen. Sie strahlten nicht mehr und waren nur noch ein Bild des Jammers.

Da hingen sie nun. Jedes für sich in seinem Elend. Sie konnten nicht miteinander spielen und sich nicht berühren. Der Sturm hatte sie viel zu weit voneinander entfernt.

Es herrschte Flaute, absolute Windstille und eine große Hitze setzte ein. Es wehte kein Lüftchen und kein Mensch besuchte den verwüsteten japanischen Garten. So ging das viele Wochen.

Doch dann, eines Tages, die Sonne stieg gerade über den Horizont, kam ein Gärtner des Weges, blieb an der Pagode stehen und betrachtete die beiden Mobiles mit traurigen und müden Augen.  Er erinnerte sich daran, wie schön sie einst gewesen waren und wie viel Freude sie aneinander gefunden hatten. Und wie sehr sich die Menschen an ihnen erfreut hatten, die im japanischen Garten spazieren gegangen waren.

Der Gärtner war müde und seine Hände taten ihm weh, denn er hatte viele Wochen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in dem japanischen Garten gearbeitet. Jetzt wollte er nach Hause gehen und sich ausruhen. Doch die verzweifelten Windspiele rührten sein Herz. Also nahm er erst das eine, dann das andere von seinem Haken und betrachtete sie in aller Ruhe. Wie schön und heiter sie einmal gewesen waren, damals, vor dem großen Sturm.

Ganz vorsichtig, nur mit den Fingerspitzen berührte er die Figuren und versuchte die Fäden zu entwirren. Doch seine Finger waren von der harten Arbeit geschwollen und voller Blasen und er war es nicht gewohnt, mit so zarten Gegenständen umzugehen. Und er war so müde, dass ihm fast die Augen zufielen. Ungeduldig griff er zu seiner Schere.

Als er gerade den ersten Knoten aufschneiden wollte, stand plötzlich ein kleines Mädchen vor ihm. Sie sah ihn aus großen, dunkelgrünen Augen und mit ernstem Gesicht an. Der Gärtner hielt inne.

Ohne ein Wort zu sagen, nahm ihm das Mädchen sicher und vorsichtig das Mobile aus der Hand, das einst blau gewesen war. Sie legte es anmutig auf den Boden und begann, ganz langsam und achtsam, einen Faden nach dem anderen zu entwirren. Jede befreite Figur legte sie zur Seite, strich mit ihren zarten Kinderhänden darüber, gerade so, als wolle sie die Figur von Staub befreien und sie zu neuem Leben erwecken.

Und siehe da, wie durch ein Wunder kehrte die Farbe zurück.

Am nächsten Morgen ging der Gärtner schon sehr früh in den japanischen Garten. Nebel verhüllte die Morgenröte noch, wie der Schleier einer Braut das Gesicht verhüllt. Doch als er an der Pagode ankam, was das kleine Mädchen schon da. Sie war nicht allein. Ein Junge mit blonden Haaren und blauen Augen war bei ihr und reparierte ruhig und geduldig die Klangkörper des grünen Windspiels.

Es vergingen von nun an dreimal sieben Tage. Am Abend des einundzwanzigsten Tages, der Mond zeigte sich voll und prall, hatten die beiden Kinder ihr Werk vollbracht. Stolz und mit strahlenden Augen hielten sie dem Gärtner die Windspiele entgegen. Alle Fäden waren entwirrt, alle Knoten waren gelöst und eines strahle in den wunderschönsten Grüntönen und das andere in allen Nuancen von Blau.

Der Gärtner faltete seine Hände vor der Brust, verbeugte sich vor den beiden Kindern und nahm die beiden Windspiele entgegen. Er hängte sie an den schönsten Platz in der Pagode. Als er sich umdrehte, um sich von den Kindern zu verabschieden, waren sie verschwunden.

Jeden Tag besuchte der Gärtner die Windspiele in der Pagode. Es entging ihm nicht, dass ihr Klang jetzt demütiger und tiefer war als einst, und dass ihre Farben einen silbernen Glanz bekommen hatten.

Der Gärtner lächelte, faltete die Hände vor der Brust und verbeugte sich vor den beiden Windspielen. Jeden Tag.
Sein Herz öffnete sich weit und seine Seele schmunzelte bis an sein Lebensende.




Tränen in der Kaffeetasse

Er ist ein großer Mensch. Kräftig gebaut, volles Haar! Ein Mann wie ein Baum. Ich halte Abstand. Wie lange eigentlich schon und wie lange noch?

Als er davon erzählt, dass er nächste Woche das zweite Mal geimpft wird und die Reise in den Urlaub gebucht hat, spüre ich, wie der Kloß in meinem Hals anschwillt und ich fast Bitte, bitte, nimm mich mit, bettele.

Ich kann einfach nicht mehr, sagt er. Seit über einem Jahr diese Situation, ich bin am Ende meiner Kräfte.
Ich kann nicht mehr, sagt er noch einmal eindringlicher.
Kurz darauf sitze ich im Auto. Ich starte Playlist und Motor.

Passend zum Ruhrpott wirft mir Herbert einen umschatteten Blick zu, schreit seinen Schmerz raus, Liebeskummer, Flugzeuge im Bauch.
Er kann nichts mehr essen, ich schon und beiße beherzt in meinen Kirsch-Quark-Plunder. Kirschsaft und Pudding laufen mir übers Kinn, Herbert kann sie nicht vergessen, ich tröste mit einem stillen Du musst sie auch nicht vergessen, Herbert, n Scheiß musst du.

Meine Finger sind klebrig vom süßen Gebäck und kleben am Lenkrad.
Ich drücke aufs Gas. Westernhagen übernimmt. Was solls, ich lebe! Ja ich lebe, das Leben ist gar nicht so schwer. Während er sich aus Liebe zu ihr besäuft, bleibe ich so nüchtern wie möglich und heize stattdessen grölend über die A2. Komm lass uns lieben! Immer mehr.

Sonne und Platzregen wechseln sich ab. Es blitzt und kracht.

Plötzlich bin ich zuhause. Das ging wie im Fluge. Yes, you sexy Thing, säuselt Hot Chocolate im geschmeidigen Bariton und vor meinem geistigen Auge sehe ich die schwingende Hüfte in knallengen, weißen Schlaghosen.
Thank you, Babe, flirte ich zurück.

Die Nacht bringt traumhafte Inspirationen.

Und das morgendliche Zazen ersäuft in einem Lachflash vom Feinsten. Nach drei Versuchen breche ich ab, mache mir einen Kaffee und checke meine Mails.

Ich hoffe, es geht dir gut, lese ich und dann ist es endgültig vorbei mit meiner Contenance.
Ich lasse die Tränen laufen.

Mir geht es nicht gut. Ich kann nicht mehr und will nicht mehr. Diese Pandemie macht mich mürbe, dünnhäutig, ich bin erschöpft und müde und weiß manchmal noch nicht mal mehr welcher Tag ist.

Ich habe Sehnsucht nach Begegnung, nach Gesprächen mit anderen Menschen.

Es ist mir auch egal, ob das Jammern auf hohem Niveau ist.
Es ist mir egal, ob irgendwer darüber den Kopf schüttelt.

Ich habe keinen Bock mehr darauf mich damit zu trösten, dass es andere viel schlimmer getroffen hat.
Ich kann nicht mehr.

Und das zu sagen und so geschrieben zu sehen, ist der erste Schritt zurück in ein Leben, das ich als meines bezeichne.

Impflinge, lese ich in der Zeitung. Impflinge sind Menschen, die schon mindestens einmal geimpft wurden.

Ich bin kein Impfling. Zu jung. Dauert noch.

Impfling. Ich assoziiere eine Mischung aus Schlumpf und Roboter.

Sagt mal wo kommt ihr denn her?
Aus Impfhausen bitte sehr.

Wir laden unsere Batterie, dann sind wir wieder voller Energie. Wir sind die Impf-lin-ge. Düt Düt Düt Düt.

Ich checke ein. Kraftwerk. Vorher male ich mich noch blau an.
Schlumpfhausen ist überall.



Seelenmieder oder Free the shadow child

Das Telefon klingelt. Ich lasse es klingeln. Was glaubt denn dieses Smartphone, was es ist? Außerdem telefoniere ich nicht gerne. Ich weiß nie so richtig, was ich sagen soll.

Papa lese ich verschwommen, taste nach meiner Lesebrille und wische auf dem Display von links nach rechts, von unten nach oben, bis ich schließlich schnalle, dass ich einfach nur kurz die Fingerkuppe auflegen muss.

Papa? brülle ich hysterisch in mein Handy
Hallo Lotte, ich…

weiter kommt er nicht.

Ist was Schlimmes passiert, frage ich und spule in meiner Fantasie eine Katastrophe nach der anderen ab.

Es ist kurz vor der Tagesschau. Aber mein Film läuft schon.
Niemand ruft um diese Zeit noch irgendwo an. Da wo ich herkomme, telefoniert man nur im alleräußersten Notfall und überhaupt nicht, niemals nach 18 Uhr, dann ist Feierabend und die Leute wollen ihre Ruhe haben.

Und wer vor 18 Uhr den Fernseher laufen lässt, zetert es in mir weiter, der ist inakzeptabel und auf dem besten Wege zu verblöden. Gute Menschen lesen, schlechte schauen RTL2.

Oh Mann! In mir ist wieder richtig was los in der Kindergartengruppe. Mein erwachsenes Ich hat Mühe, das verängstigte Schattenkind, das gerade komplett durchdreht, im Zaum zu halten. Ritalin bitte, und zwar sofort.

Papa! hake ich gefasst nach, was ist passiert?

Na nichts, antwortet Papa. Ich wollte mich nur mal so melden, hören wie es dir geht, ob du gesund bist.

Häh? Mein Vater ruft nie an. Also selten. Meine Eltern melden sich nur, wenn es wirklich wichtig ist. Alles was nicht in die Kategorie Lebensbedrohliche Notaufnahme auf der Intensivstation, Tsunami oder Buschbrand fällt, ist es nicht wert, mitgeteilt zu werden.

Deshalb erschrecke ich meistens, wenn sie sich melden. Das kann schließlich nichts Gutes bedeuten.
Und in Corona Zeiten sowieso nicht. Papa erzählt mir unterdessen in bester Plauderlaune, dass er ein Laufband gekauft hat. Bei Amazon. Er hat es sich schicken lassen. Ging ruckzuck, zwei Tage nach der Onlinebestellung war es da. Nicht so wie früher, als man vier Wochen warten musste.

Meine Oma lässt sich auch oft etwas schicken. Tischdecken, geblümte Kittelschürzen, Bettwäsche und Handtücher für meine Aussteuer und Mieder, die hautfarben sind und vom Knie bis fast unter die Brust reichen. Oma lässt von Quelle, Klingel und Ottoversand Hamburg schicken.

Ich blättere den dicken Quellekatalog von der ersten bis zur letzten Seite durch. Das dauert ungefähr so lange, wie Oma und ihre Freundinnen zwei bis sieben Gläschen Eierlikör genossen und jede ihre Bestellkarte ausgefüllt hat.

Sammelbestellungen sind günstiger. Für eine Sammelbestellung gibt es ein großes Blatt statt einer Postkarte. Oma sammelt alle Karten ein und überträgt fein säuberlich alle Positionen auf das große Blatt.
Einmal Porto bezahlen, fünf Mieder, fünf Kittelschürzen für alle. Mädchenabend im Instagram Format anno 1970.

Nach vier Wochen bringt der Postbote ein riesiges Paket aus hellblauer Kartonage. Die Postboten bringen selten Pakete. Meistens bringen sie Briefe. Und den neuen Quellekatalog.
Was man zum Anziehen braucht, wird selbst genäht oder bei der Schneiderin in Auftrag gegeben.

Der Riesenkarton ist jetzt leer. Ich darf ihn behalten und mir daraus eine Bude aus Pappe bauen. Ich schneide Fenster und eine Tür in den Karton und male Fensterläden und eine Türklinke mit Wachsmalstiften auf die Pappe. Dann krabbele ich ausgerüstet mit Kuscheldecke und Kissen in meine neue Behausung, sehe aus dem Fenster und komme wenig später wieder rausgekrochen, um Oma zu fragen, ob sie mir ein Knäckebrot mit Butter machen kann.

Papa hat das Laufband im Schlafzimmer aufgebaut, plätschert er direkt aus der Smalltalk Quelle,  es steht neben dem Fitnessrad. Prima Sache, sagt Papa, er geht fünf Minuten, dann läuft er zwei und dann geht er wieder fünf. Super ist das. Vor allem dann, wenn mal wieder Sauwetter ist. Da will doch kein vernünftiger Mensch vor die Tür gehen und das tun sie sowieso nicht, solange sie nicht geimpf….Abbruch. Es raschelt und kruschelt und ich halte mir das Phone ein Stück vom Ohr weg.

Mama hat Papa das Telefon entrissen, ich kann gerade noch sagen, schön, dass du angerufen hast, Papa, machst du ja leider nicht so oft, da höre ich es mütterich resolut sagen.

Willst du gelten, mach dich selten. Man muss sich rarmachen, damit man etwas wert ist. Und ich gehe ja bei jedem Wetter nach draußen. Wir sind doch nicht aus Zucker. Dein Vater kauft einfach zu viel Zeug in diesem Internet.

Mama hat gesprochen und schlagartig bin ich wieder vierzehn Jahre alt. Kaum jemand aus meiner Peergroup weiß, dass ich überhaupt existiere, weil ich mich rar mache. Machen muss.

Die Fete beginnt um 18 Uhr, ich muss um Acht zuhause sein. Abzüglich der Wegstrecke bleiben mir zum Feiern ganze dreißig Minuten.
Am nächsten Morgen gehe ich in strömendem Regen und Unwetter zu Fuß zur Schule. Ich bin schließlich nicht aus Zucker.

Zwei Tage später habe ich eine Mandelentzündung und 38 Grad Fieber.
Wer feiern kann, der kann auch zur Schule! 38. Das ist fast normale Temperatur und in der Schule sitzt man die meiste Zeit.

Nein Mama, höre ich mich jetzt lauter und genervter sagen, als ich will, wenn man sich rarmacht, weiß niemand, dass es einen gibt. Sich rar zu machen heißt, nicht da zu sein! Sich rar machen ist voll Jane Austen, Mama.

Jane Austen, fragt Mama, Kind, was liest du denn da?
Warten, bis der Richtige kommt, sticken, stricken, gerader Rücken und jede Art von Wildheit unter einem bestickten Häubchen im Zaum halten, sage ich und kann an Mamas Ausatmen hören, dass sie pikiert ist und meine Ironie angekommen ist.

Ach, mein Mädchen, du warst früher schon immer so rebellisch.

Genau, denke ich, aber nur zwischen 18 und 20 Uhr und nicht an kirchlichen Feiertagen.

Gerade habe ich Selfies gemacht. Es ist nie zu spät für eine glückliche Jugend. Und ich fühle mich jung, vital und lebensfroh. Jedenfalls oft.

Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr.

Wir haben alle unsere Geschichte, die uns zu dem gemacht hat, was wir sind. Und manchmal ist es richtig harte Arbeit, sich zu trauen, das eigene Drehbuch neu zu schreiben und den Film, der an dieser einen Stelle immer wieder stehen bleibt, weiterspielen zu lassen oder sogar einen Cut zu machen. Rausschneiden, was nicht mehr reinpasst.

Die Geschichten von anderen zu kennen ist eine großartige Sache, finde ich.  Denn dann können wir erkennen, was dahintersteckt, wenn uns jemand sagt, iss doch wenigstens das Fleisch oder Das ist doch noch gut, das kann man noch nehmen oder Erst die Arbeit, dann das Vergnügen oder Schuster bleib bei deinen Leisten oder eben auch Willst du gelten, mach dich selten.

Dahinter stecken Angst, Trauer, Scham und Schmerz. Hunger, Verlust und das pure Überleben. 

Das Schöne am Leben ist, dass wirdie meiste Zeit unseres Daseins die Möglichkeit haben, Verantwortung für uns selbst zu übernehmen und das, was unsere Eltern uns mitgegeben haben weiterzuentwickeln und für uns im besten Sinne zu heilen.

Und das sollten wir tun!

Wir sind nicht die Gefangenen von Glaubenssätzen. Wir sind keine hilflosen Kinder mehr. Wir sind frei. Es ist nie zu spät für eine gute Kindheit und glückliche Jugend.

Und deshalb mache ich jetzt noch ein Selfie oder zwei, einfach so, weil es mir Spaß macht. Und dann lege ich die Füße dahin, wo es mir beliebt.

Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst?

Sogar Papa stellt seine erstmal auf das neue Laufband. Free the shadow child.














Der Pieks & Das Danach

Sie ist fein wie ein Haar. Nicht wie eines meiner Haare, die sind so fein, dass Spinnweben im Vergleich wie dicke Schiffstaue anmuten.

Der Pieks ist zumutbar, kaum spürbar. Ab jetzt läuft die Zeit rückwärts. Fünfzehn Minuten Warten auf das, was kommt. Kommen könnte. Es kommt nichts, vorerst, außer der Vorstellung, dass da was im Körper ist, das reizt, Impulse setzt, irgendwo andoggt.

Mein Herz schlägt schneller, scheint sich behaupten zu wollen. Meine letzte Impfung ist dreißig Jahre her. Der Impfpass ähnelt mehr einem Pergament aus antiken Zeiten als einem Dokument der Gegenwart.

Impfungen sind nicht mein Ding. Diese ist ein Akt der Solidarität. Auch.

Heute schmerzen Arm, Kopf und Glieder.

Der Countdown ins alte Leben hat begonnen und ich schlottere und winde mich.

Will ich mein altes Leben überhaupt zurück? Die sogenannte Normalität? Das Einerlei, die Beständigkeit, die Routinen? Will ich da weitermachen, wo ich aufgehört habe?

Zurück in die Uni? Strafrecht? Philosophische Abhandlungen und Dispute?
Ich häute mich.

So wie es war, will ich es nicht mehr. Aber was will ich wie? Ist es nicht schon zu spät im Leben, darüber noch einmal oder immer noch nachzudenken? Müsste das nicht längst abgeschlossen sein?

Diese vielen Monate von Homeoffice und sozialer Distanz haben Schatten geworfen, zu viele Schatten.
Ich brauche Sonne! Ich brauche Leichtigkeit! Ich brauche Freiheit! Und ich brauche Mut, viel mehr Mut, Nein zu sagen. Und noch viel mehr Mut, Ja zu sagen zum Leben und zur Lebensfreude.

Diese Zeit hat Krater gerissen, tiefe Krater.
Ich brauche Brücken.

Der Rückzug hat Fragen gestellt, so eindringlich und deutlich,
dass ich antworten muss und vor allem will, und zwar ehrlich, wahrhaftig und wohlwollend; mir selbst gegenüber.

Menschen sind gegangen, aufgetaucht, abgetaucht. Aus Ahnungen, Vermutungen und Sehnsüchten sind Erkenntnisse erwachsen und Entsccheidungen gefällt worden. Manche still, manche deutlich vernehmbar.

Sie lassen sich nicht rückgängig machen. Sie machen deutlich, wofür ich stehe, was meine Werte sind, meine Ressourcen, meine Glaubenssätze.

Ich fühle mich angestochen. Mir wird warm und ein wenig schwindelig.
Der Countdown läuft.
Ich atme ein und aus, schließe die Augen, meine Seele oder das, was ich dafür halte, lächelt, meine Lippen tun es ihr gleich. Loslassen.

Ist es lächerlich zu sagen, dass es Spaß zu machen beginnt, erwachsen zu werden?
Nein. Nichts und niemand ist lächerlich. Ich schon gar nicht.

Bin ich spät dran? Nein. Ich komme. Ich bin. Zur rechten Zeit am rechten Ort.



Impülschen

Was kommt dabei raus, wenn was rauskommt, unbedacht überdacht, angedacht, nicht vor- und nicht nachgedacht, mit ohne Bedacht ohne Mittel zum Zweck?

Ein Kribbeln im Bauch, im Herz, im Irgendwo und Überall und tiefer und höher und weiter?

Strahlendes Feixen und lustiges Krakelen im Seelengebälk, das sich biegt vor Lachen und Niesen vom Duft der Blüten und Säfte?

Ein Sprudeln von Wörtern, die Worte nicht sind und nicht werden, geboren aus Nichts, einem Hauch von Flirt mit dem Sein, dem puren, das alles kann und will und nichts von alledem?

Und jetzt?
Mehr und als oder, gleichwohl, gleich viel, gleichgültiges Strömen.

Es macht Spaß, zu leben, zu sprudeln, zu lieben vor dem Sterben.

Umnachtung

Die Bilder und Farben der Nacht flüchtig,
platzen sanft, plopp, wie Seifenblasen.
Schillernd, da und doch nicht, immer wieder.

Berstend, plong, wie der Korken auf der Flasche,
Wohnstatt des Geistes, der schmunzelnd in die Freiheit fließt,
der Enge entsagt.
Freier Wille.
Freier Geist.

Das Ende des Pferchtums zu feiern lädt er ein,
begünstigt durch Brise und Gelb und Grün und Orange,
den roten  Klatschmohn schon ahnend,
die Freude schmatzend und schlürfend,
den Tag und die Sonne tanzend zu begrüßen.

Ergüsse, Genüsse spielend erkunden,
was immer sich kund tut, das darf und kann,
die Flasche verkorkt, pfütt, darinnen Angst, Scham und Gier.

Von Bildern und Farben der Nacht, entfesselt,
dem Tag zugetan, dem Licht,
verliebt über alle Gezeiten hinweg.
Umnachtung?
Plopp, Frühlingserwachen.


Problemlösestrategie einer Spinne

Kartoffelpuffer mit Apfelmus, dideldum, Dudeldei, wupstata, humdidum, ich bin schwanger und bekomme im August mein siebtes Kind, wie freue ich mich, Dudeldei, singt meine Nachbarin fröhlich und hüpft, in feine, bunte Flattergewänder gehüllt von einem Kaffeetassenrand zum nächsten über unseren Terrassentisch.

Schließlich breitet sie ihre feinen Flügelchen aus, beginnt vehement zu rotieren und fliegt einer Libelle gleich davon, dideldum, Dudeldei, die sieben Zwerge und ich sehen ihr nach und winken.

Lotte, die Stimme kommt mir bekannt vor, Lotte, sie wird eindringlicher, verliert ihre watteweiche Schalldämpfung, ich spüre drohendes Unheil und halte mich sicherheitshalber an meiner Decke fest.

Lotte, wachwerden!


Was? Erdbeben?

Benebelt schwebe ich von einer Welt in die andere, während ich mich frage, warum und wer es wagt, mich so aufzuscheuchen, nur weil die Erde ein bisschen wackelt.

Das Erdbeben ist gar kein Erdbeben.
Es ist der Mann, mit dem ich Bett und Tisch gefühlt seit Anbeginn aller Zeiten teile.

Du rüttelst mich und schüttelst mich, wirf Gold und Silber über mich, als Entschädigung, raune ich ihm heiser entgegen.

Hör auf damit, ich schlafe noch, setze ich streng nach.

Du hast laut gesungen, Lotte. Kartoffelpuffer mit Apfelmus und irgendwas mit dideldum; und dann hast du um dich geschlagen.

Oh, war da doch was in dem Hanf Tee, den ich mir vor dem Zubettgehen gestern Abend braute und von dem ich hoffte, das es drin ist, wohlwissend, dass es nicht drin ist.

War da doch was drin?

Das  Ziel des vollständigen Erwachens vor Augen, das Wasser läuft mir im Munde zusammen, angesichts der formidablen Idee von Kartoffelpuffer mit Apfelmus zum Frühstück, setzen sich drei Wörter und ein Fragezeichen wie eine dicke Hummel auf den Blütenkelch, wie das Tüpfelchen auf dem I wie eine Losung in mir fest.

Frag‘ die Spinne.

Frag die Spinne? Warum? Jetzt bin ich hellwach und springe aus dem Bett.

Wo ist dieses Buch mit den Krafttieren?

Wenn die Spinne heute in dein Leben gesprungen ist, lese ich, fordert sie dich auf, dein Leben zu entstauben und auch in den letzten Ecken zu putzen.

Oh nö! Bitte nicht putzen!
Wieso nicht, sagt  die Spinne, es ist Freitag und Freitag ist Putztag, um gleich nachzusetzen, sorry, das war der falsche Text.

Geht nicht noch war anderes, ich meine, hast du nicht noch ne coolere Botschaft, Spaß, eine Überraschung, was zum Spielen?

Mut ist ein großes Thema der Spinne, lese ich, als Krafttier fordert sie dich auf, all deinen Mut zusammenzunehmen und deinen Weg zu gehen.

Mut, okay, damit kann mich mehr anfangen als mit der schnöden blöden Putzerei.

Mit ihren vielen Augen schaut die Spinne in andere Dimensionen und andere Welten. Sie kann dir direkt ins Herz sehen und hilft dir dabei, deine wahren Sehnsüchte zu erkennen.

Das ist gut, das finde ich spannend.

Die Spinne lehrt dich Geduld und die Kunst des Abwartens.

Die Spinne scheint mich ganz gut zu kennen, denn sie fordert mich auf, aktiv an meinem Leben zu weben, fleißig Ideen zu spinnen und meine wahre Lebensbestimmung zu finden.

Das Krafttier Spinne verkörpert schöpferische Energie, die Lebendigkeit des Weiblichen und die Spiralenergie als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Die Spinne stärkt den Kontakt zur kreativen Seite, erhöht die spirituelle Wahrnehmung, befreit aus hinderlichen Verstrickungen und hilft beim Auflösen überholter Denkmuster.

Krass das, sage ich, als mein Lieblingswachmann und ich bei einem ersten Espresso sitzen.

Problemlösestrategie, heute mal von einer Spinne, sagt eine meiner großen Lieben. Lotte, du spinnst, ich verstehe das nicht, aber ist okay.

Eben, antworte ich und klatsche einen weiteren großen Löffel Apfelmus auf meinen Frühstückskartoffelpuffer. Wie öde und langweilig wäre dein Leben ohne mich. Ich bin deine persönliche Spinne!

Freitag, der Tag der Spinne und wie gemacht, um intuitiv den Blick auf die Dinge zu justieren und alles in einem neuen Licht erstrahlen zu lassen.

Ganz ohne Putzen wird es nicht gehen.
Aber okay, irgendwas bleibt immer im Netz hängen.

Problemlösestrategie einer Spinne.









Schmerzen und die Frage nach dem Warum

Ab und zu verschiebe ich die Wärmflasche. Sie wird gebraucht. Mal oben, mal unten, mal in der Mitte.

Die Schmerztablette liegt in greifbarer Nähe. Sie ist die letzte ihrer Art in diesem Haushalt. Noch zögere ich, harre aus. Aber während ich tippe, wird deutlich, dass noch vor dem nächsten Satz die weiße Kapsel unterstützt von acht Schlucken Wasser und einem durchdachten Zusammenspiel von Reflexen durch meine Speiseröhre düsen und dann hoffentlich ihren Job machen wird.

Magen an Schmerzzentrum, mach dich locker, du Freak, Ibu ist hochdosiert und hochmotiviert eingetroffen.
Schmerzzentrum an Magen, immer mit der Ruhe, eins nach dem anderen, no pain no gain.
Magen an Schmerzzentrum, zack jetzt, die Dame in weiß eskaliert bereits.

Der Körper und der Sonntag sind sich einig. Heute legen sie mich lahm. Zäsur.
Maximaler Schmerzreiz, verteilt auf strategisch ausgeklügelte Positionen, gleich minimale Bewegungsfreiheit.

Ich schaffe es mit Mühe auf meine Meditationsbank zu klettern. Für eine halbe Stunde kann ich den Schmerz und die Gedanken tatsächlich sein lassen.

Ruhe, Stille, Kontemplation.
Und dann ist er doch wieder da. Der Schmerz im Körper.

Ich versuche zu entspannen, mich auf meine gechillte Seele zu verlassen und dem Körper Zeit zu geben, nachzuziehen. Er schmollt. Das letzte Jahr war teilweise echt die Härte und ich habe ihn vernachlässigt.

Jetzt sind die Rückenmuskeln hart, die Wadenmuskeln hart, die Achillessehne schmerzhaft geschwollen, der Nacken zum Luxusbrettchen avanciert und irgendein Nervengeflecht im Kopf hat sich zu einer Punkrock-Musikgruppe vernetzt, hämmert und kreischt, dass sich die Jochbeine biegen.

Es ist nur der Körper, denke ich. Der kriegt sich schon wieder ein, hoffe ich und verschiebe die Wärmflasche vom Lendenwirbel hoch in Richtung Schultern.

Denkste, röchelt der Körper, vonwegen nur der Körper.

Körperspuren. In den Körper hineinspüren. Gleichberechtigung. Achtsamkeit, das ist jetzt mal dran, Lotte!

Ich dachte, ich kann einfach wieder lossprinten, letzte Woche auf dem Sportplatz. Meine Runden drehen, wie immer. Ungeachtet dessen, dass sich etwas verändert hat, vor allem meine Kondition und mein Ziel. Es ist Zeit, etwas zu verändern, anzupassen, weicher werden zu lassen und wahrhaftiger.

Das was mein Körper mir zeigt, ist ein Kleinformat dessen, was wir im Großen, universell auch sehen. In unserer Art zu leben und zu lieben. Eingefahrene Spuren. Verhärtung, Erschöpfung, Müdigkeit, Erschlaffung. Desinteressen, Gier und Aggression. Mustergütige Egotouren.

Manchmal kann ich nicht nachvollziehen, woher die Worte kommen, die aus mir rausflattern. Ich lasse das jetzt so.  Wird schon irgendwie Sinn machen.

Genau wie die Furchen auf meinem Körperfeld, die ich jetzt so lange liebevoll beackern werden, bis sich Körper und Seele wieder auf Augenhöhe begegnen, sich lange und tief in die Augen sehen, sich erkennen und abfeiern bis in die Unendlichkeit und zurück.

Die Wärmflasche schiebt sich schon mal von selbst in Richtung Chakalaka* Chakra.

Schönen Sonntag.


*südafrikanische, scharf-würzige Soße 😉






Der Troll

Heute schreibe ich nichts.

Es ist besser so. Kann ich die Finger still halten? Der Troll gibt keine Ruhe. Er trollt sich nicht. Er bohrt und stichelt mit immer neuen, unverschämten Forderungen und Vorwürfen.

Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass er Rumpelstilzchen heißt. Ein alter Hut. Der Typ ist ein dreister, kleiner Mann. Cholerisch und einsam. Ein Erpresser. Jemand, der größer sein will, wichtiger, als er ist. Ein einsamer, unglücklicher Troll, der keinen Arsch in der Hose hat.

Es war ein Troll, der die Königstochter mit verbaler Gewalt und bösartig von genau dem verlogenen Tellerrand geschubst hat, über den sie meinte, hinauszuschauen. Sie spielte auf Zeit und rechnete nicht mit den Widrigkeiten trolliger Abgründe und Verhaltensweisen.

Nette Menschen tun sowas nicht. Natürlich nicht. Und die meisten von uns wollen nette Menschen sein, oder?
Aber ist es nett, jemandem etwas zu versprechen, wohlwissend, dass man es nicht halten kann?

Sind wir alle Trolle in Gewändern von Versprechen, die nur unserem Image dienen?

Sind es die Arschlöcher in uns und in der Welt, die uns wirklich bewegen können, weil sie uns so angehen und ihre Angriffe auf unsere angegammelten Säulen richten?
Das Dunkle, das Böse, der Schatten, der Dreck?

Ist es möglich, dass wir unsere Trolle, das Dunkel in uns, kreativ nutzen können, sogar nutzen müssen?

Heute habe ich keine Idee. Nur Trollspuren.

Und deshalb schreibe ich heute nichts.

Heute back ich, morgen brau ich,
übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;
ach, wie gut, dass niemand weiß,
dass ich Rumpelstilzchen heiß!

Kryptisch.




Vom Hummelpo, alten, weißen Männern und der Moralkeule

Ich fahre öfter Auto als Fahrrad und aß bis vor einigen Wochen Fleisch, wenig, aber ich aß es und andere tierische Produkte auch, wohlwissend, dass es sich bei Milch um Muttermilch handelt, die nicht für erwachsene Menschen gedacht ist, sondern für Kälber.

Wohlwissend, dass Fleisch auch krank macht, nicht hält was Werbung verspricht und maßgeblich für die Klimaverschlechterung verantwortlich ist.

Wissend, dass die Haltung der Tiere unter aller Sau ist, verachtend und abgrundtief unwürdig. Auf dem Land und im Meer. Ein grausames, absurdes, gieriges Treiben.

Ich bekenne, dass ich wider besseres Wissen gierig und blind und ignorant gehandelt habe, auch aus Bequemlichkeit und auch weil ich müde und erschöpft an die Zeiten zurückdachte, in denen ich Kinder und Mann mir veganem Kochzauber bezirzen und Freunde und Bekannte zu überzeugen versuchte, als das noch ein wirklich aufwendiges Unterfangen war.

Viel Arbeit und noch mehr Herzblut mit dem Ergebnis langer Zähne und Überdruss am Familientisch.

Mea Culpa, ich bin ein Mensch!

Ein Mensch, sozialisiert in einer Iss doch wenigstens das Fleisch-Kultur, es wird gegessen was auf den Tisch kommt, das sagt man nicht, das macht man nicht, was sollen denn die Leute denken, reiß dich mal zusammen, Rücken gerade, du denkst zu viel, du hast eine blühende Fantasie, solange du die Füße unter meinen Tisch stellst, machst du dich gefälligst rar, was soll bloß aus dir werden?

Das Werden hat kein Ende. Aber es hat seinen Anfang im Sein. Und der Weg zum Sein ist ein langer, steiniger, heller, dunkler, erfrischender, schmerzhafter, lehrreicher und humorvoller Pfad. Ich bleibe dran. Jeder geht seinen Weg, Umwege und Blumenpflücken am Wegesrand inklusive.

Hatte unsere Generation eine Lobby in Sachen Sein? Nein. Die meisten von uns hatten Eltern und Lehrer, deren Werte und Normen auf Kriegs- und Nachkriegserfahrungen gründeten. Hunger, Verzicht, Gewalt, Heimlichkeiten, Doppelmoral, Muff und Spießigkeit, ein Klapps auf den Hintern schadete nicht, wenn er nach oben rutschte, war das so.

Jetzt hast du Grund zum Heulen, das hast du verdient.

Außen hui, innen pfui. Auf dem Land war das Korsett aus Obrigkeitshörigkeit und moralinsaurer, teils dunkelbrauner Soße noch viel enger geschnürt als in der Stadt.

Haben war wichtiger als Sein. Außen war wichtiger als Innen. Wir sollten es schließlich mal besser haben, also waren Anstrengung und Anstand das, was es zu verteidigen galt.

Aber was ist denn besser? Besser als der Biedermeierstil, besser als die Doppelbotschaften, besser als das Getuschel hinter dem Rücken und die Ablehnung gegenüber allem und jedem, der anders war?

Wir waren Spinner und Gammler, Idealisten, Kiffer und Träumer, die gegen Atomkraft und Braunkohle auf die Straße gingen, sich an Bahngleisen festketteten und in Kommunen lebten.

Wir schlugen über die Strenge so gut wir es konnten, um Zeichen zu setzen und Umstände zu verbessern.
Einige von uns, nicht alle. Wir gingen miteinander, tranken Tee, diskutierten, hörten Musik, liebten uns und lebten unser Leben auf Matratzen und mit Regalen aus Orangenkisten, in denen Bücher von Charles Bukowski über Alice Schwarzer, bis Hedwig Curths Mahler standen.

Wir waren die, die sich vorwerfen lassen mussten, dass uns das, was wir als unser weltverbesserndes Engagement empfanden, einmal leidtun würde. Wir waren die, die unseren Eltern zur Last fielen und auf der Tasche lagen und deshalb früh erwachsen und unabhängig werden wollten.

Wir waren die, die an die Existenz von Jungfernhäutchen und Männer glaubten, die immer nur das eine wollen, und daran, dass das erste Mal wehtun muss. Dass es nur deshalb wehtat, weil wir uns nicht trauten, unsere Lust zu leben, das wussten wir nicht. Wir wussten nicht, dass Lust etwas Schönes ist, etwas, das sein darf!
Alle Männer sind so und alle Frauen sind so und alle Katholiken sind so. Etikettenschwindel in seiner brillantesten Version!

Hätte sich eine von uns mit einem Plakat aus Pappe vor die Schule gesetzt anstatt hineinzugehen, wäre sie innerhalb kürzester Frist aus der selben geflogen, und zwar im hohen Bogen!

Wir waren die, denen gedroht wurde, dass wir unsere Eltern ins Grab brächten und dem Sozialismus und Kommunismus Tür und Tor öffneten; dass wir vom wirklich harten Leben keine Ahnung hätten, das hörten wir uns an und nur einige trauten sich laut zu fragen, warum es denn hart sein muss, das Leben.

No Pain no Gain. Alles andere war wertlos. Kämpfen, sich durchboxen. Eine Frau, um die der Mann nicht kämpfen und sie sich erobern musste, war eine Schlampe.

Bloß keinen Spaß haben, bloß nicht an der falschen Stelle lachen. Jedenfalls nicht, wenn andere es sehen und hören konnten. Alles war bierernst und deshalb soffen sich Väter offiziell und Mütter heimlich die Hucke blau.

Heute hören wir uns diesen – mit Verlaub – Scheiß in einer  aktualisierten Form wieder an.
Aber es ist nicht mehr die Generation unserer Eltern, sondern eine junge Generation, denen Soziologen so kreative Namen wie X, Y und Z geben. XY ungelöst obwohl schon lange entbunden?

Schämen sollen wir uns ob unserer obsessiven Grillpartys und fetten SUVs. Unserer ausschweifenden Kreuzfahrten und überhaupt unserer gesamten orgiastischen Daseinsform!

Fleischfressende Konsumkapitalisten! Resistent gegen die Einsicht der fatalen Folgen unseres jahrzehntelangen Wachstumsrausches. Generation Feindbild!

An den Pranger mit den alten, weißen Männern, die Macht und Missbrauch abonniert haben. An den Pranger, mit den Frauen und Müttern, die sich den Arsch aufgerissen haben für all jene, die jetzt das Diktat des Puritanismus ausrufen.

Du solltest dich schämen!

Okay. Sag mir wofür?

Jetzt habe ich wieder Schuld und soll mich schämen. Ich und all die anderen verblödeten, egomanischen Babyboomer. Ich soll Flugscham, Fleisch-Scham, Konsum-Scham, Generationen-Scham, Elitenscham und Alter-weißer-Mann-Scham haben.

Ich war zweimal in den USA und einmal in Afrika. Dafür nutzte ich jeweils ein Langstreckenflugzeug. Sorry!

Zweimal in meinem Leben bin ich „spontan“ nach München geflogen. Allein. Es war großartig. Ein kleines Abenteuer, die große Freiheit. Und es tut mir noch nicht mal leid.

Ich tat dies wohlwissend, dass CO2 ausgestoßen wird, dass ich auch die Bahn hätte nehmen können, dass ich auch ganz auf dieses Vergnügen hätte verzichten können oder müssen?

Ich bin kein alter weißer Mann!
Aber ich liebe alte weiße Männer, zwei, um genau zu sein, schon fast mein ganzes Leben lang. Weil ich eine Frau bin, die lieben kann. Nein. Weil ich ein Mensch bin, der Liebe für etwas Existentielles hält. Für mich ist Liebe eine Haltung.

Liebe, die auf Respekt, Miteinander, Kreativität, Offenheit und Wertschätzung aufbaut.
Liebe, die sich einer Kommunikation der Liebe bedient.
Liebe, die immer noch verletzlich ist! Denn da wo Verletzlichkeit ist, ist auch Wachstum.

Ich bin allerdings auch ein Mensch, der die Schnauze gestrichen voll davon hat, sich schon wieder Etiketten aufkleben zu lassen und pauschal dafür verurteilt zu werden, dass der hohe Lebensstandards meiner Generation der jungen Generation die Zukunft unmöglich macht, weil sie für all unsere Verfehlungen aufkommen müssen, weil wir geprasst haben, weil wir an unseren Posten kleben, in unseren zu groß gewordenen Häusern hocken, anstatt sie abzugeben, weil wir an unseren veralteten Methoden festhalten, weil wir zu träge sind, zu festgefahren, zu was auch immer. Weil wir nicht auf die Kette kriegen, Bürokratie abzubauen und schnelle Lösungen zu finden.

Aktivismus im öffentlichen und persönliche Empfindlichkeiten im Privaten erregen Aufmerksamkeit. Drama, Baby, Drama!

Nicht alle von uns sind so unterbelichtet, dass sie das, was dran ist, nicht erkennen!
Im Gegenteil.

Die Fähigkeit zum Kompromiss ist weniger aufregend aber nötiger, als Hybris, Anmaßung und Anklage!

Im Konkreten und Alltäglichen lässt sich die Welt nur retten, indem jeder sich still aber nachhaltig engagiert.

Wir alle! Nicht ihr alle. Alle! Menschen! Weltweit!

Wir Menschen lernen und können unser Verhalten anpassen und verändern.
Vor allem auch, dass wir uns zuhören, ausreden lassen, an einen Tisch setzen und diskutieren, ohne persönliche Empfindlichkeiten in den  Vordergrund zu stellen.
Wir können lernen aufzuhören, uns ausschließlich um uns selbst und unser Leid zu drehen, das bei Lichte betrachten für etliche kein wirkliches Leid, sondern Jammern auf höchstem Niveau ist.
Wer seit seiner Geburt aus dem Vollen schöpfen kann, es gar nicht anders kennt, der kann gut denVerzicht predigen.

Ja ich fühle mich angegriffen, wenn von der Generation, der ich angehöre abfällig gesprochen wird. Ich fühle mich verletzt, wenn von den Männern meiner Generation pauschal von alten, weißen Männern lamentiert wird und das, obwohl ich es als die pauschale Floskel einzuordnen weiß, die sie ist.
Das mag auch daran liegen, dass Loyalität eine Eigenschaft ist, die meiner Generation nahesteht.

Alle über einen Kamm scheren? Die Moralkeule schwingen? Sich und seine Lebenssicht für die einzig Wahre und Gute halten?
Wasser predigen, obwohl man selbst am Tropf des Weines hing und immer noch hängt?
Fordern, verbieten, schmollen?
In Zweifel ziehen und als veraltet und überholt abstempeln anstatt den Versuch der Integration zu machen?

Gemeinsam ihr Lieben! Nur gemeinsam finden wir Lösungen. Nur, wenn wir anerkennen, was wir sind.

Keine  Generation, keine Person, kein weißer Mann, kein schwarzer Mann, keine weiße  Frau und auch keine schwarze, kein rosa Elefant, auch nicht die Maus, weder Mozart, Gandhi, Jesus oder irgendein anderer Guru, Philosoph, Wissenschaftler haben die Weisheit mit Löffeln gefressen.

Wir alle sind Lernende!  Wir alle, Generationen vor uns und Generationen nach uns sitzen im selben Boot.

Alles was wir verändern, neu denken, anders handhaben und bewusster behandeln müssen, können wir nur gemeinsam tun.

Eine neue alte Moral, humorlos, puritanisch und mit der Überzeugung, das Recht und das Wissen für sich gepachtet zu haben, weil man jung ist und sich um die Zukunft betrogen fühlt, mündet leider wieder nur in eine Macht, die genau dieselbe ist, die von der jungen Generation gegenüber der älteren Generation angeprangert wird.

Wenn es wieder nur um Macht geht, dann laufen wir in eine Sackgasse.

Wir brauchen Unvoreingenommenheit, Zugewandtheit und offene Sinne.

Schuld ist nur Schuld, wenn man sie zuordnen kann;
Schuldig ist, wer sich seiner Schuld bewusst ist.
Schuldhaft handelt, wer dies vorsätzlich und wollend tut.

Eine Zeit, in der Menschen ohne Schuld an den Pranger gestellt werden, in der man sich für alles schämen muss, ist eine Zeit der Kontrolle, des Misstrauens und fernab von Freiheit und Toleranz; und sie bietet keinen Raum für Wachstum von Bewusstheit und Wandel.

Wer will so etwas?

Um gut alt zu werden, muss man jung bleiben und die Chance nutzen, sich hin und wieder neu zu erfinden.
Man muss bereit sein, sich und die Dinge infrage zu stellen.
Und man muss den Mut haben, sich regelmäßig anzupassen und gegebenenfalls zu ändern.

Und wenn man dann noch lachen kann, Leichtigkeit der Schwere zur Seite stellt und sich vor Augen führt, dass das eigene Leben ein Fliegenschiss ist, dann erkennt man, dass das Beharren auf Wissen und das Wissen selbst vergänglicher und flüchtiger sind als das, wofür das Herz schlägt.

Und warum habe ich den Hummelpo im Titel?
Weil  ich das Wort und die  Vorstellung eines Hummelhinterns lustig finde und ich mich darüber kaputtlachen kann.

Leben ist Humus ist Humor.




Die Farbe der Weisheit

Wenn ich groß bin, werde ich Weisheit, sagt die kleine Intuition, taucht im bunten Bällebad unter und verschwindet. Meine Intuition ist klein und unscheinbar. Sie kann sich vortrefflich aus dem Staub machen, ohne dass ich es bemerke.

Sie ist also weg. Sie spielt im Bällebad, während ich mir die Farbe ins Haar schmiere, und mir ein altes Handtuch um den Kopf wickle.
Während das Zeug einwirkt, denke ich, kann ich meditieren. Fünfundzwanzig Minuten. Das ist genau die richtige Zeit. Zehn Minuten weniger als auf der Packung angegeben. Prima. Genau richtig für mein feines Haar.

Timing kann ich. Ich mach das mit Gefühl. Das läuft bei mir aus dem Bauch heraus.

Ich sitze auf dem Bänkchen, spüre meine Sitzknochen, atme leicht wie eine Sommerbrise ein und auf MU aus. Die Stille lädt mich ein und ich folge ihr und freue mich, dass es sich heute so leicht anfühlt, dass da mal kein alter Schmerz oder eine undefinierbare Traurigkeit auftauchen und um Achtsamkeit buhlen.

Als ich die Augen wieder öffne ist der Sand von über vierzig Minuten durch die Uhr gelaufen.

Fluchtartig verlasse ich die Decke, stürme ins Bad und wickle mich aus dem Handtuch.
Mein Haar ist dunkel. Sehr dunkel. Noch dunkler als dunkel. Mittelaschblond steht auf der Verpackung und irgendwas von natürlicher Pigmentierung.

Pauschal mag das zutreffen. Individuell leider nicht, leider gar nicht.

Scheiße. So war das nicht gedacht!

Fehler, denke ich, das war ein Fehler. Einer, den ich schon so oft gemacht habe. Warum, Himmel nochmal, höre ich meiner Intuition nicht zu?
Für einen Augenblick möchte ich weinen. Über die mindestens zwei Nuancen, die mein Haar zu dunkel ist und über meine Taubheit gegenüber der wahren inneren Stimme. Intuition!

Schließlich entscheide ich mich für Lachen und tröste mich damit, dass das melierte Grau, meine true Color wiederkommen wird. Schnell sogar.
Was solls. Es sind nur Haare!

Ich setze mich ans Klavier und interpretiere ein uraltes Lied Sechzig Jahre und kein bisschen weise, Aus gehabtem Schaden nichts gelernt. Sechzig Jahre auf dem Weg zum Greise Und doch sechzig Jahr‘ davon entfernt.
Dann springe ich von einem Akkord zum nächsten, von einem Jürgens zum anderen Jürgens.

Mit sechsundsechzig Jahren, da fängt das Leben an… Da föhn‘ ich äußerst lässig, Das Haar, das mir noch blieb. Ich ziehe meinen Bauch ein, Und mach auf heißer Typ.

Und während ich so vor mich hin klimpere höre ich die Ansage:

Die kleine Intuition möchte aus dem Spieleparadies abgeholt werden, die Weisheit der Intuition wird gebeten, die kleine Intuition aus dem Spieleparadies abzuholen, die Weisheit bitte jetzt ins Spieleparadies, um die kleine Intuition…

Ich komme ja schon, höre ich mich sagen, und mache mich auf den Weg ins Bällebad, um die Intuition abzuholen, sie an die Hand zu nehmen und nie wieder loszulassen.


Die Zeit der Patina

Die Betonung muss auf der ersten Silbe liegen, sonst ist das Wort verhunzt.
Pa-ti-na. Wenn man die zweite Silbe betont, sterben Charme und Grandezza einen stillen Tod. Der Klang verstummt. Er knickt ein, zieht sich die Mütze weit ins Gesicht und schleicht hinkend davon wie ein verschüchterter Zwerg.

Ich bekomme diese gewisse Patina mit der Betonung auf der ersten Silbe. Patina. Das hört sich eleganter an als Wechseljahre oder noch schlimmer, Klimakterium.
Patina ist eine natürliche Schicht von Schönheit, die sich nicht von Begriffen wie alt und grau ins Land der Unsichtbarkeit verschiffen lässt.

In stecke in dieser absurden Phase fest, die mit dem Gefühl des Verblutens beginnt, viel zu lange anhält, um dann in einen drohenden Hitzetod zu münden, der die Nächte schlaflos macht, auf die lustvolle Gestaltung derselben jedoch großzügig verzichtet.

Es ist keine Vermutung, sondern Fakt, dass auf den endgültigen Verfall des Körpers und das Verlöschen des Geistes im besten Falle ein großer Blonder mit schwarzen Schuhen dasteht, um uns abzuholen. Wahlweise auch eine große Blonde oder ein großes Blondes, für die Bierliebhaber unter uns.
Sie stimmen mir zu, denke ich. Am Ende wartet der Jet ins Jenseits. Zurück in das Große Ganze, zurück in den Zustand eines Atoms? Oder ins Nichts? Was wissen wir schon über den Zustand, in den wir nach dem Ableben diffundieren, reinkarnieren oder was auch immer wir uns für Worte ausdenken, um Dinge verstehen zu können, die wir nicht verstehen.

Können oder sollten wir diesem Prozess etwas abgewinnen? Heute nicht. Es fällt mir heute schwer, meine junge, sprühende Frau mit der Alten zu vereinen. Zu groß die Differenzen zwischen den beiden.
Danke für Nichts, möchte ich jammern. Danke, nicht dafür, dass ungefragt Fettgeschwader auf aufmarschieren, um aus einem einst schlanken und flachbrüstigen, fast androgynen Mädchen eine üppige Rubensfrau zu formen. Einen alten Kugelmenschen, der sein junges Pendant sucht und nicht finden kann, weil er einfach nicht schnallt, dass in der Kugel immer noch das Junge steckt.

Heute ist kein Tag, um das zu erkennen. Heute ist kein guter Tag. Oder doch?

Patina zaubert für mich. Patina versetzt mich in eine wohlwollende, zuversichtliche Stimmung. Patina leuchtet mich aus und setzt mich in Szene.

Meine Patina ist nicht grau und nicht hoffnungslos. Sie schimmert wie der Schatz im Silbersee, den ich mit Händen greifen kann.

Und plötzlich kann ich es kaum erwarten, dass sich meine Patina auch über die restlichen Strähnen meiner dunkelbraunen Haare legt und sie veredelt wie der weiße Schimmel die Salami. Die Patina, die mich das Leben noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive schmecken lässt.

Es kann nicht dieselbe Patina sein, die unbarmherzig und kalt in unsere Gehirne eindringt, sich wie Beton auf unsere Nervenbahnen legt und tiefe Krater in wunderschöne Landschaften reißt.
Nein. Es kann nicht die Patina sein, die sich wie Kalk auf unsere neuronalen Netze legt und Staub statt klarer Gedanken aufwirbelt.
Patina wie ich sie meine und allmählich erkenne, ist eine feine Schicht, die nicht verdeckt, sondern freilegt. Die Fragilität des Lebens und seine schleierhafte Schönheit und diesen feinen Hauch von wehmütiger Sehnsucht. Und das alles ohne großes Trara.

Patina.