Spinat

Ein Teller Spinat,
der stand in der Tat,
im Traum heut vor mir.
Und fragte mich dann,
was er mir fortan
Gutes tun kann.

Ich denke, so sprach ich,
verspeisen ist Phase,
Duft von Spinat
steigt mir in die Nase.

Halt ein, mein Kind,
sprach Spinat da leise,
think twice
und entscheide dich weise.

Dann machte es Blubb,
vorbei war der Traum,
nun stehen
Spekulationen
im Raum,
welche Botschaft Spinat
im Traumbild wohl hat.

Ich jedenfalls bin
zufrieden und satt.

Schönen 1. Mai.
Spargel kann jeder.

(c) ideenlese




Spätes Wunder

Spätes Wunder, ideenlese by christine, 2022
Eines Tages, es ist Juni.
öffne ich mein Emailfach,
Absender Professor Peter,
meine Knie werden schwach.

Lang habe ich nach dir gefahndet,
hoffe, dass du es auch bist,
fünfzig Jahre sind vergangen,
habe dich so oft vermisst.

Wie gern hätte ich mein Leben,
lieber doch mit dir geteilt,
habe manche Sommernächte
heimlich nur von dir geträumt.

Ich wohnte in Nummer vierzehn,
du dicht dran in Nummer acht,
schreib mir wenn du kannst und möchtest,
was hast du bis jetzt gemacht?

Hi Prof, sehe ich mich schreiben,
mir geht's gut, ich bin okay,
und dann hüll ich mich in Schweigen,
weil ich es schon kommen seh.

Wir waren fünf, als wir uns trafen,
Kinderliebe, stark und tief,
lebte fort ein ganzes Leben,
Schicksal, dass sie uns jetzt rief.

Fünfig Jahre sind vergangen,
Leben ist, was Leben macht,
manches kann man neu anfangen,
anderes ist schon vollbracht.

Manchmal trinken wir 'nen Kaffee,
ab und zu auch einen Wein,
wollen für den Rest des Lebens
einfach miteinander sein.

Peter wohnt nicht in der vierzehn,
ich nicht mehr in Nummer acht,
Grau sind wir und doch wie Kinder,
Leben ist, was Liebe macht.

Hier geht es zum Anfang der Geschichte

(c) ideenlese 2021/2022

Wenn Kinderliebe erwachsen wird



Es ist eine wunderschöne Erfahrung, wenn ein Gedicht seinen musikalischen Begleiter findet. Der Komponist Stefan Kraus hat mit viel Liebe und Einfühlungsvermögen ein wunderschönes Werk geschaffen.

Ich freue mich zutiefst, das Ergebnis hier präsentieren zu können!

Herzlichen Dank, lieber Stefan!

Es ist mir eine riesengroße Freude.

Stimmungsgelage

Angesichts der Weltenlage 
desolate Stimmungsplage,
aufgrund dessen ein paar Fragen,
die ich kaum zu fragen wage.

Wann hört die Verblödung auf?
Wann der opportune Lauf?
Mensch, du Laune der Natur,
kannst du echt Verwüstung nur?

Brauchst die Gier, die Macht,
die Waffen,
kannst es stets mit Hass nur
schaffen, Liebe ist was für Naive?
Ein paar schwache Narrative?

Es fällt schwer, es zu begreifen,
Äpfel und Bananen reifen,
Menschen, manche, viele, nicht.
Ende naht, auch vom Gedicht.

(c) ideenlese



Das große Ja

Was immer auch geschehen mag,
ich sag es dir ganz klar,
dass ich stets dein Komplize bin,
mit einem großen Ja!

Ich halt zu dir und steh dir bei,
egal was du auch tust,
versteh ich dich,
selbst dann, wenn nicht,
bin da, wenn du mich rufst.

Das große Ja, das Ja, genau,
gelte dir als Versprechen,
und ein Komplizen Ehrenwort,
zu halten, nicht zu brechen.

(c) ideenlese

Feuchtwiesen


Tabus verlieren im Humor und in der Liebe an Bedeutung. Freiheit, die ich meine. Tabus verlieren auch im Krieg ihren Status, was als Anmerkung reichen muss, reichen soll.

Ich habe Angst, klar, wer kann sich davon freisprechen?

Dass die Vögel des Kummers um deinen Kopf herumfliegen kannst du nicht ändern; aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern, steht in meinem Poesiealbum, datiert 1972. Es braucht fünfzig Jahre, um erwachsen zu werden, und mehr, um zu begreifen, jedenfalls ein wenig.

Was kann ich wirklich verhindern und was wirklich bewegen?

In Phasen der Dürre sind es Menschen, die lieben und das Erinnern und intuitive Erkennen darüber freilegen, dass es das Fließen ist, was uns alle lebendig sein lässt mit allem was gerade ist.

Menschen, die lieben, leben und leben lassen, die auch sterben lassen, gehen lassen können, die schwach sind und stark aus ihren Verletzungen erwachsen und deshalb immer offener und bewusster werden.


Menschen, die für sich geradestehen, auch wenn gerade der Boden unter ihren Füßen bebt und das Herz flattert.

Wie nutzen wir die Inspiration, die auf den imaginären Feuchtwiesen in uns Blüten treibt?
Welche gemeinsame Sache nehmen wir ins Visier? Und was könnte nicht alles dabei herauskommen?

Fragen sind wie Küsse (ebd. Carmen Kindl-Beilfuß).
Es kann gar nicht lange genug geküsst und gar nicht zu wenig gefragt werden. Finde ich. Und gelacht natürlich auch – gerade jetzt, gerade hier, und vor allem heute!

(c) ideenlese 2014, überarbeitete Version 2022

Staffel 5, Folge 65

Und, frage ich, die Türklinke schon in der Hand, wie geht es Ihnen?
Wir kennen uns schon sehr lange, der Doc und ich, wir haben unsere Beziehung auf Herz und Nieren geprüft, sie mit Laborwerten konsolidiert und mit Diagnosen befruchtet. Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück.

Gut, sagt der Doc, minimalinvasiver Eingriff an der Herzklappe, jetzt bin ich wieder fit.

Oh, sage ich, ich sage immer Oh, wenn ich einen Moment brauche, um das Gehörte durch alle Ebenen meines Daseins fließen zu lassen, um dann in den Analysemodus zu schalten.

Meistens hat sich das Zeitfenster der Wortfindung dann schon geschlossen und mir bleibt das Schweigen, begleitet von stundenlangen Überlegungen darüber, warum die Dinge so sind, wie sie sind, warum alles so kompliziert ist und ob minimalinvasive Eingriffe im Falle von emotionalem Kummer wünschenswert wären. Ja! Wären sie. Herzen werden doch gerne mal gebrochen. Es wäre doch schön, wenn man da was machen könnte, damit es nicht so weh tut. Minimalinvasiv statt Salz ins offene Herz.

Kummer, ganz oben auf der Top 10 Liebeskummer, wird es immer geben. So wie auch immer gestorben wird. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei, sogar die aus Tofu.

Ihre Werte sind zu hoch, sagt mir mein Doc und legt seine Stirn in krause Falten. Das hatten wir schon mal besser im Griff.

Ach, sage ich, eine verspielte Variante zum Oh. Ja, sagt der Doc.
Oh, sage ich und denke, kein Wunder. Mein Körper scheint sich von mir trennen zu wollen, ohne meine Einwilligung abzuwarten. Arschlosch, Verräter.
Erst die große Liebe turteln, Du bist so wunderbar gut erhalten, und sich dann mit fadenscheinigen Ausreden verabschieden und mir on top noch die Verantwortung für das Desaster einreden wollen. Ich denke an die viel zu vielen selig-glücklichen Stunden mit Lucky Strikes und ihren siebzigtausend Giftstoffen. Schon wieder, denke ich, kein Bock mehr, denke ich weiter und spüre den Tränendruck hinter meinen Augen.

Ich kann innerlich weinen. Ganze Tränenkaskaden. Sie pladdern wie Starkregen, der an Fensterscheiben platscht und in Rinnsalen zerfließt an mir hinab. Mein Innen ist ein Wasserfall.

Eine täglich davon, höre ich wie durch Watte, eine ganze zweimal täglich hiervon. Haben Sie viel Stress im Moment? Außergewöhnliche Belastungen in letzter Zeit?

Außergewöhnliche Belastungen sind bis vor ein paar Monaten Thema meines Steuerberaters gewesen. Dann ist irgendwas eskaliert und die Belastungen sind übergeschnappt, haben sich transformiert oder inkarniert? Was weiß denn ich.

Plötzlich waren sie da, haben mich überrannt wie eine Stampede, mich mitgerissen. Mir war nicht klar, dass es Belastungen waren. Eigentlich sahen sie nett aus, auf den ersten Blick, etwas wild vielleicht, aber verführerisch.

Wir wissen nicht, was nach unserem Tod passiert, höre ich meinen Doc sagen, wahrscheinlich ist da Nichts.
Oh, denke ich.
Vielleicht kommen wir aber auch wieder. Aber was dann? Dann können wir uns angucken, wie die Erde den Bach runtergegangen ist?

Themen zwischen Himmel und Erde machen mich blümerant.

Der Doc hat Recht. Wenn wir so weitermachen, dann ist es ziemlich sinnlos, sich auf diesem Planeten erneut zu materialisieren. Und mal ehrlich: Auf vieles von dem, was wir hier erleben und fühlen müssen, komprimiert in eine lächerlich kurze Zeitspanne, können wir doch zugunsten eines Dolce Vita irgendwo in Sonnennähe verzichten, oder?

Schönen Dienstag. Es könnte der letzte sein. Jedenfalls dieser Woche.




Gezeitenwende

Stille wiegt mich in die Zeit,
aus der ich gefallen war,
weit hinausgelehnt aus dem Fenster,
gesprengter Zeitrahmen.

Stille zeitigt meine Zeit,
lebendigen Spiels, Zeitzeichen,
die zeitlos dem Puls der Zeit huldigen.

Stille, am Nerv der Zeit getroffen,
liegt sie, Ruhezeit, bis zum richtigen
Zeitpunkt, Segen des Zeitlichen einkehrt,
von ewig Zeit zu Ewigkeit.

As time goes by.

(c) ideenlese


Fügung

Was du nicht willst,
das man dir tu,
das fügst du leider jenen zu,
die dich von Herzen gerne haben
und die den Krug
zum Brunnen tragen,
bis Ersterer schlussendlich bricht,
und Zweiter ausgetrocknet ist.

Wer viel zu viel gegeben hat,
der kann dann nur noch nehmen.
Und braucht zum Heilen seiner Seele,
ein unersättlich Geben,
der dreht sich nur noch um sich selber,
da lachen doch die Kälber.

Absurdes Menscheln,
blinde Flecken,
die Liebe sehnt sich nach Verstecken,
vor all dem Schaumgeschlage,
und stellt sich still die Frage,
muss ich jetzt echt verrecken?

Und als sie schon im Siechen liegt,
hört sie von weither dieses Lied,
es kriecht zu ihr ins kühle Moos,
hörst du es auch?
Es heißt The Rose.


(c) ideenlese



Kalter Entzug

Kalter Entzug. Eine Satire über das härteste Experiment, seit es Experimente gibt.
Wie fühlt es sich an, vierundzwanzig Stunden ohne zu leben? Ist das überlebbar? Überschreite ich damit nicht Grenzen, hinein in Gefilde eines Vakuums? Vakuum, das ist doch das ohne Luft, ein luftleerer Raum. Darin ist Überleben nicht möglich. Oder doch? Wie überlebe ich in einem Vakuum?

9 Uhr.
Ich trinke ein Glas Wasser, wie jeden Morgen, hocke mich erst aufs Klo und dann auf die Bank, die Meditationsbank, mit jeder Bank ein anderer Deal, eine andere Geschichte.
Die Hündin atmet laut hörbar durch den Türschlitz. Ich bin dein Hund, lass mich hier rein, damit ich du mich rauslassen kannst.
Na gut.
Also drehen wir unsere Runde durch den Garten. Das Gras ist feucht, meine Füße auch, Vogelgezwitscher kurz vor dem Dezibelalarm, ansonsten Stille.
Erste Gedanken daran, dass heute Disziplin auf der Agenda steht.
Zweifel. Schaffe ich das? Gemeinheiten irgendeiner Hinterbänklerin aus dem Team: Du? Never. Nope. Das schaffst du nicht. Ich wette! Spätestens um 11 schütteln dich erste Entzugserscheinungen.

Ich dusche, mache das Radio an und wieder aus. Zu viel Information, zu laut, zu schrill. Und Spotify geht ja nicht, weil, Smartphone ist ja aus. Mir kommen die Tränen, ich reiße ein Blatt Klopapier von der Rolle und schneuze in lautstarker Verzweiflung hinein.

Kaffee, ein paar Früchte, erste Notizen und die Tageszeitung, Methadonprogramm.
Es liegt oben, du brauchst nur aufzustehen und in dein Zimmer zu gehen. Da liegt es. Auf dem kleinen Tisch neben dem Lesesessel. Diabol,o der heiße Feger, hält Hof.

Laut höre ich mich an mich selbst gerichtet sagen, Ach, übrigens, heute bin ich nicht zu erreichen.
Und da es in meinem inneren Team mehr Stimmen gibt, als mir lieb sein kann, antworte ich mir auch gleich – selbstredend:

Warum bist du nicht zu erreichen?
Ich lasse mein Smartphone aus.
Wie aus?
Ganz aus.
Ganz aus? Aber warum denn?
Ich lege einen Fastentag ein.
Du brauchst doch einfach nur nicht draufzugucken.


Oh Mann! Das war ja klar.
Ja, auch in meinem Team sitzt dieser neunmalkluge Oberklugscheißer mit Null empathischen Fähigkeiten. Ein Typ, dem ich unter Anspannung gerne den Titel pragmatisches Arschloch gebe.
Er schüttelt dann meist nur seinen Kopf, lacht überheblich und nennt mich vulgär. Nun denn.

Dazu fehlt mir einfach die Disziplin, höre ich irgendein devotes Fräulein aus dem Off mit zarter Lispelstimme säuseln, bevor ich das Wort erheben kann.

11 Uhr.
Projekt 24 Stunden ohne ist in vollem Gange. Als das Festnetztelefon klingelt, schrecke ich zusammen, schleiche mich in geduckter Haltung zum Telefon, fixiere mit starrem Blick das Display, verharre, registrierte die Anruferkennung und lasse klingeln.
Ich zähle mit. Nach 222 Klingelzeichen endlich Ruhe.

Dann kommt das schlechte Gewissen. Ich hätte drangehen sollen.
Aber ich telefoniere ungern. Mit mir am Telefon plaudern zu wollen, führt zu Frust, Enttäuschung und dem Gefühl, in mir eine Person am anderen Ende der Leitung zu haben, die keiner sozialen Kommunikation fähig ist. Sorry.
Jeder mittelmäßig programmierte Telefonbot stellt meine Gesprächsfähigkeit am Telefon in den Schatten. Dafür mag ich Briefe und Eulen und antworte auch, versprochen!

Wozu brauche ich eigentlich ein Smartphone? Angesichts meiner Aversion gegen das Telefonieren ist die Frage eindringlich, umso berechtigter, als ich schon wieder daran denke, dass es da ist, irgendwo in der Wüste des ewigen Offs.

Die Zweifel an diesem bescheuerten Fastenprojekt lassen die Muskeln spielen.
Albern das Ganze. Kindisch, komplett überflüssig. Ich gehe jetzt nach oben, hole mein Handy, mache es an und fotogafiere meine leere Espressotasse.
Machst du bitte nicht! spricht die besonnene, ruhige, souveräne und sowas von kluge und langweilige Beraterin in mir.
Pfff.

11:15 Uhr.
Mit zitternden Händen und kalten Schweißperlen auf der Stirn schalte ich mein Smartphone an.
Deine Bildschirmzeit beträgt im Tagesdurchschnitt..., verschwommen sehe ich eine derart exorbitante Zahl, dass mir schwarz vor Augen wird.
Ich falle in einen hunderjährigen Schlaf.
Vielleicht küsst mein Smartphone mich wach, denke ich im Fallen, der Akku, denke ich, leer, denke ich, genauso leer wie die verkrümelte Prinzenrolle, denke ich.
Und das ist alles, woran ich mich erinnere.
Reset. Zurück auf Werkseinstellungen. Geschützter Modus.

(c) ideenlese

One more night

Du kennst diesen Song von Phil Collins.
Er bittet um nur noch eine Nacht. Er ist nicht bereit, loszulassen. Er hofft darauf und glaubt daran, dass es weitergeht, dass es nicht für immer vorbei ist, dass irgendwie, irgendwo, irgendwann, ach nee, das ist Nena aber egal, Phil will, dass alles wieder gut wird.

Ich auch. Ich bin der unverbesserliche Happy End Typ.
Jedenfalls hat mich dieser melodische Opa aus 1985 gestern Abend voll erwischt mit seiner schmachtenden Attitüde, seinem sehnsuchtstriefenden Wortschmalz, das immer, immer und immer den Punkt trifft. Das ist es ja. So ein Song düst im Sauseschritt und bringt die Wahrheit der Emotionen mit.

Ich war auf dem Weg zurück zum Auto. Es regnete. Und mir war zum Heulen zumute. Irgendein Blues aus dem Stamm der Hormone sorgt in zuverlässiger Regelmäßigkeit für anschwellende Tränenflüsse.

Und ich, ganz das kleine, megaromantisch verstrahlte Menschlein lande wieder da, wo ich meistens lande, bei der Liebe und ihren bittersüßen, ach so emotionalen, ach so weltfremden, ach so verblödenden Ingredienzien. Ich kann nichts anderes, als mich im Kitsch zu suhlen.
Und wisst ihr was? Ich lasse mich einfach so. Call me Princess of romantic Kitsch. Passt schon.

Und deshalb höre ich mir jetzt noch einmal Phil und seinen Song an.

And I know it’s only words
But if you change your mind you know that I’ll be here
And maybe we both can learn
Give me just one more night, give me just one more night
Oh one more night, ‚cause I can’t wait forever

Hach. High Noon Sniffle.
















Flügelschläge, grüner Tee & Currywurst



Zwischen Geburt und Tod liegt ein Flügelschlag. Ich breite meine Arme aus und beginne zu schlagen. Ich ahme die Flügelschläge eines großen Vogels nach. Ich nehme mir viel Zeit und hebe und senke graziös meine Schwingen.
Meine verspannten Nackenmuskeln rufen mir zu: Fly, Baby, fly.

Was, wenn ich gleich abhebe?

Ein bisschen fliegen, für eine Weile schweben, Freiheit von all dem Zeug und Kram, von dem ich mich binden und in Beschlag nehmen lasse?

Misses Jott schnuppert an der Verlockung der Freiheit, niest vom wohligen Kribbeln in der Nase und genießt den warmen, strahlenden Duft.

Mit geschlossenen Augen spüre ich nach, wie wenig Zeit zwischen dem Auf- und Abschwingen der Flügel liegt.
Ich beschleunige und entschleunige und gleite schließlich von der Frequenz eines Kolibri Flügelchens in das behäbige Pflügen des Albatros.  Schließlich finde ich mich in der Pose eines sterbenden Schwans wieder.

Wenn ein Schwan singt, lauschen die Tiere
Wenn ein Schwan singt, schweigen die Tiere
Und sie neigen sich tief hinab, raunen sich leise zu:
Es ist ein Schwanenkönig, der in Liebe stirbt. (Karat)

Irgendwann hebt sich der Flügel nicht mehr. Und, ja, in Liebe zu sterben, das ist Vollendung.
In Liebe zu leben hat für mich den größeren Charme.

Wie viel Zeit haben wir zwischen dem Auf- und Abschwung eines Flügels? Wie viel Zeit habe ich noch?
Keine Ahnung.
Schlage ich viel zu oft mit den Flügeln? Mache ich immer noch viel zu viel Wirbel um die vermeintlich wichtigen Dinge des Lebens?

Wie wäre es, viel öfter zu segeln? Die Flügel auszubreiten und sich von Wind und Thermik tragen lassen zu lassen?
Was tue ich und vor allem was unterlasse ich in der Zeit, die ich habe. Der Flügelschlag, der zwischen Ein- und Ausatmen liegt. Bin ich am Leben, im Leben? Oder bin ich eigentlich mit meinen Gedanken und Gefühlen beschäftigt und in Vorstellungen verhaftet, die nichts oder nur sehr wenig mit dem zu tun haben, was jetzt ist und was meins ist?

Fülle ich mein Leben mit dem Credo des Müssens und Sollens? Verausgabe ich mich im Erfüllen von Erwartungen, von denen ich meine, dass sie an mich gestellt werden? Bin ich ein Wunscherfüller, ein Anerkennungsjunkie?
Suche ich unablässig nach dem ultimativen Mittel, das mich endlich glücklich macht?

Setze ich mich den abertausenden Informationen, die unablässig auf mich einhämmern wie hilflos aus, weil ich glaube, dass ich das alles wissen muss?

Ich weiß nichts, außer, dass im Kühlschrank noch eine Currywurst von vorgestern liegt, die ich jetzt essen werde. Kalt. Und dazu mache ich mir einen grünen Tee.
Komische Mischung? Ja. Komische Mischung. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

Ist vom Tier, ist zu fett, macht Cholesterin und Heißhunger auf Schokolade, die wiederum zu viel Zucker hat und auch zu viel Fett; und der grüne Tee? So, wie du ihn trinkst ist er eigentlich tot, der muss frisch sein und das Wasser darf nicht kochen, sondern maximal 70 Grad haben und ….

… und was? Fresse halten.

Wenn es dir so wie mir geht und du immer noch viel zu oft versuchst, alles richtig zu machen, gesund zu leben, den Müll zu trennen und nebenbei noch die kleine und große Welt zu retten und dir jeden unerbetenen Ratschlag zu Herzen nimmst, dann fang an, jetzt kräftig mit den Flügeln zu schlagen und deine zuverlässige Bodenständigkeit unter dir zu lassen.

Etwas unter sich lassen. Ist das nicht auch die Bedeutung von pinkeln? Wunderbar. Ganz genau. Passt doch.

Dreh deine Lieblingsmusik auf, tanze, singe und lass mal kribbeln. Spür mal, was dir ein Kribbeln in der Nase und tiefer verursacht. Und dann welcome an dem Ort, an dem du dich selbst triffst. Da, wo es strahlend, warm und lustig ist. Da, wo du weder neue Klamotten oder anderen Schnickschnack brauchst, um dich gut zu fühlen.

Da, wo du kalte Currywurst essen und grünen Tee trinken kannst, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.
Cheerio!






Gedanken an eine Gurke


Sie, die rank und schlank und grün, vor Feuchtigkeit strotzend, die Krümmung normiert begradigt, stehvermögend oder in Scheiben geschnitten, gepfeffert wie gesalzen, das Wasser erst im Munde und sodann darüber hinaus fließen, tropfen lässt.

Esprit und Charme hat sie, im Zuge ihres Vermögens, zu erfrischen, zu glätten, warum Botox, wo sie, La grande dame concombre, feinschnittig für eine Spanne Zeit den Jungbrunnen gibt, sich auferlegt zu geben statt zu nehmen, die Bühne erobert in Pose,  Standing Ovation im wässrigen Abgang.

Jedoch, sodann ereilt vom Schicksal, ne Jurke, vergessen und verkommen im Eck des Gemüsefaches, die Enden dem Modern anheimgefallen, verschrumpelt, ausgedörrt im Innen und Außen, den Kompost vor Augen, träumt sie davon, eine Erdbeere zu sein. Klein, rundlich, prall und rot. Ein schnelles Vergnügen der Lust, süße Träume der Saison, die wahrwerden, Vanille und Sahne statt Pfeffer und Salz.

Später, Marmelade die eine, essigsauer eingelegt die andere, sinnierend über das Gestern, stehen sie da, schauen, warten, bis das Licht sie befreit, sie klebrig, süß und sauer, tropfend, Stufe um Stufe erhebt, auf Augenhöhe, Erkenntnisglimmen.

(c) ideenlese





Die Pampelmuse


Sie tut mir gut,
ich schließe Frieden,
mit ihren fruchtig, fleischig,
bitter säuerlichen
Allüren, zartes Rosé,
wie dieser Tag,
mit seinem Mimosenstart,
erfüllt von melancholischem Getue,
verzehre ich verzerrten Antlitzes
die Bittersäuerliche, blind vor
dem Spritzer im Auge des Orkans,
und atme Ruhe,
die sich  über dies und das und jenes legt,
wie eine Schicht edler Salben,
nach dem Rütteln  und Schütteln,
dem Wundsein
dieser Montage,
die ihr bedürfen, allenthalben, dringlich
dieser Muse.
Mit und ohne Pampel.

(c) ideenlese

Sex


Wie alte Segelschiffe aus Holz auf dem Trockendock, dachte ich heute Morgen, zum Verrotten freigegeben, schwelgte ich weiter, als ich meinen verträumten Blick über die Spalten der Lokalgazette gleiten ließ. Verschwommen erst, weil ich morgens noch weniger weiß, wo meine Lesebrille zu verweilen beliebt, als später am Tag, dann klarer:

Deutsche lieben Fernsehunterhaltung offenbar mehr als ihre Partner.

Bums. Oder eben nicht.
Was für eine Nachricht!

Auf die Frage, worauf wir nicht verzichten können, liegen wir knapp, aber klar vorne: Fernsehen. Und Streaming.

Ich ahne schon seit geraumer Zeit, dass Sport- und Tagesschau, Tatort und die fünf anderen Krimis von Montag bis Freitag eine enorme Attraktivität ausstrahlen und die Lust auf Mehr anstacheln.


Immerhin sind laut der kleinen Befragung der BKK pronova die jeweiligen Lebenspartnerinnen und Lebenspartner noch gleichauf mit Computer und Smartphone.
Männer verzichten übrigens trotz ihrer Vorliebe für Video & Co. besonders ungern auf Sex. Dass Frauen nicht ohne Süßigkeiten können, überrascht da nicht mehr. Irgendwo muss die Süße des Lebens ja herkommen.

Ich stutze und stelle fest, dass ich offenbar ein Mann bin. Für mich bitte lieber Sex als dreiunddreißig Gummibärchen. Obwohl ich bei einer Tüte Chips in eine konfliktträchtige Situation geriete und nicht mehr entscheiden könnte, ob ich nun so oder so oder doch anders…

Nach drei Stunden schweigsamem Glotzen auf einen Full HD Was Weiß Ich Bildschirm, einer Tüte Haribo und zehn himmlischen Champagner-Sahne-Trüffeln wird es weder prickelnd noch himmlisch, geschweige denn spritzig in den Gemächern.
Es mag Ausnahmen geben, aber ich behaupte, dass wir irgendeine Art von Sprache brauchen, um Lust auf Liebespiele zu bekommen.


Wie spannend kann der Drahtseilakt sein, Lustschlösser mit Worten zu bauen und die Taten frei von Druck folgen und in Erotik und Zärtlichkeit und all das fließen zu lassen, was uns berührt und anmacht?
Mit Worten spielen, anstatt zu schweigen oder jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Sich Geschichten erzählen oder vorlesen. Sich nah kommen und erfahren, etwas vom anderen wirklich in Erfahrung bringen; auch die vermeintlichen Abgründe, vor allem die.

Gestern bekam ich ein Video mit dem Titel Was ist Deine Geschichte? Ein Song von Keno, interpretiert von einem Chor, bestehend aus einigen Hundert Menschen aus allen Gebieten des Landes, initiiert von der ARD.
Ich saß da und war zu Tränen gerührt, berührt und gleichzeitig öffnete sich alles in mir. Ich zerfloss regelrecht.

Und darum geht es beim Sex. Dass wir uns anrühren lassen, um uns berühren lassen zu können. Dass wir uns öffnen, hingeben und frei werden vom Druck morallische Hirngespinste. Dass wir uns einlassen, uns auslassen. Weit werden, statt uns auf den Akt zu konzentrieren. Entspannen statt verspannen. Spielen!

Sex zur Befriedigung können wir haben. Rechner an, Porno hochgeladen, im wahrsten Sinne des Wortes und dann allein, allein den Sprint zum Gipfel?

Nichts gegen einen schönen Porno. Gar nichts gegen alles, wenn es guttut und gefällt und niemandem schadet.

Aber wenn wir uns die Tiefe von echter Nähe und zärtlicher Begegnung und Sex mit Lust und Humor dadurch versauen, dass wir aufhören, uns für die zu interessieren, von denen wir behaupten, sie zu lieben, dann läuft was schief, und zwar komplett.

Erzähl mir, was dich berührt, wie du dich berühren lassen willst; wo deine Berührungspunkte sind.
Erzähl mir deine Geschichte in der Sprache der Liebe. Spiel mit mir das Spiel der vertrauensvollen Hingabe.

Sexy Grüße!














No Drama

No drama, darling, it’s just life.
We’ll find a brandnew way of drive,
a break of very special kind,
open your heart, open your mind.

No drama, darling, just a phase,
for you and me there is still grace,
take care with smiling on your face.

No drama, babe, look in my eyes,
we lost us for a year.
I‘ll stand by you with love, no fear.

No drama, honey, we’re alive.

(c) ideenlese

2011: Der eigene Rhythmus

10 Kilometer Testlauf in unter 50 Minuten! Super. Ein Ergebnis, über das ich mich richtig freuen kann.

Nein, es ist nicht mein Erfolg und nicht mein Ergebnis. Ich las darüber in einem Laufblog, das ich hin und wieder aufsuche, weil es sich auf das Thema Laufen konzentriert und schön und schlicht den Sport „bei der Wurzel“ packt. Noch vor einem Jahr wäre mein Ehrgeiz geweckt gewesen, meine eigene 10-Kilometermarke endlich auch auf die magische „49“ zu bringen, anstatt bei „59“ zu stagnieren.

Doch fast nichts ist von diesem Bestreben übrig geblieben.

Locker und entspannt kann ich zulassen, dass andere schneller sind.

Selbstverständlich ist es mir nach wie vor wichtig, bestimmte Zielzeiten zu erreichen. Die Halbmarathondistanz in 2.12. z.B. oder den Hermannslauf unter 4 Stunden. Keine Ergebnisse, die in irgendeiner Rekordliste erscheinen und einzig dem Zweck dienen, in Bewegung zu bleiben und ein Ziel im Auge zu haben.

Ohne Ziele würde ich meinen Hintern wohl weniger bis gar nicht bewegen. Aber, da ist mehr Ruhe, mehr Gelassenheit in mein Läuferleben eingezogen. Der selbst gemachte Druck, immer schneller zu werden, obwohl der altersbedingte Zenit überschritten ist, hat sich aufgelöst.

Es ist ein wunderschönes Gefühl, beim Laufen dieses warme Strömen zu spüren, den Spaß, der Anstrengung nicht ausschließt. Einerseits. Und bei einem anderen Lauf ebenso den Intervall in der gesetzten Zeit absolvieren zu können. Eine Zeit, die meine ist. Ein Lauf, der zu mir passt. Individual running rhythm. Das Leben ist ein Lauf. Meiner und Deiner!

In eigener Sache

Merkwürdiger Satz. In eigener Sache. Ja in welcher denn sonst? Konzentriere dich, atme und sei ganz im Hier und Jetzt. Sorry, wo soll ich denn sonst sein? Sobald Scotty des Beamens außerhalb der Filmkulisse fähig ist, bin ich eine der ersten, die sich auf dieses verlockende Abenteuer einlassen wird.
Zeitreise. Ich stehe drauf! Glaube ich.
Derweil verweile ich dort, wo ich bin. Das ist hier. Und meiner Atmung ist es egal, ob ich mich auf sie konzentriere. Die ist tiefenentspannt und wenig aufmerksamkeitsgeil. Nun gut.

Mein eigentliches Anliegen ist folgendes, ihr Lieben!

Ideenlese, also ich, ordne meine Texte, und zwar alle, die in den vergangenen fünfzehn Jahren entstanden sind, sich im Wirrwarr der Festplatte befinden und über ein Mindestmaß an Verständlichkeit und Unterhaltungswert verfügen.
Ich stelle sie hier ein. Heute.
Wundert euch also nicht oder wundert euch, wie es euch beliebt, schließlich seid ihr frei, wenn auch nicht absolut, so doch relativ, wenn es heute und in den nächsten Tagen in der WordPresskiste mehr als sonst rappelt.






Bei aller Liebe



Liebe ist langweilig.

Dieser Satz brachte mir in den 2010er Jahren einen Minishitstorm aus Kreisen spirituell überzeugter Menschen ein. Liebe und Spiritualität. An welcher Stelle des Rankings besprochener Themen stehen sie aktuell? Ich weiß es nicht. Vielleicht sind sie tatsächlich Langeweiler verglichen mit Themen und Entwicklungen, die uns allen seit geraumer Zeit in ausgeklügelter Einseitigkeit geboten werden.

Liebe ist Bindungsenergie.
Ein weiterer Satz aus naher Vergangenheit, der ein stilles Häh in mir auslöst. Und was ein Häh bei mir initiiert, macht mich neugierig, und ich beginne zu graben und freizulegen und gehe mit Schippchen und Eimerchen auf Exkursion.

Mit Liebe kenne ich mich aus. Oder? Kenne ich die Liebe? Ich liebe, also bin?  Bin ich eine Liebende?
Geht so.
Liebe ist individuell. Und sie ist eine Illusion. Wie individuell ist die Liebe? Ist Liebe eine Illusion? Liebe hat viele Facetten. Welche Facetten hat die Liebe? Die Liebe. Welche?

Je weiter ich in diesem Erdenleben fortschreite, desto weniger bin ich an Wissen interessiert, das institutionellen Quellen entspringt. Je älter ich werde, und wie wir alle werde ich ununterbrochen und ständig älter, desto mehr kommt die Wahrheit der Intuition ins Spiel. Ins Spiel des Lebens und ins Spiel der Liebe.

Ich stelle zunehmend Moral und all ihre Normen und Regeln in Frage.
Und dabei spüre ich eine innere Diskrepanz, was nicht überrascht, denn wir alle lernen lebenslang und bewegen uns in kulturell gewachsenen Normen, Regeln und Mustern. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Das ist vollkommen in Ordnung. Aber es ist nur die eine Seite der Medaille. Es gibt eine andere. Eine, die alles umfasst.

Und alles heißt, wir müssen und sollen als lernende Wesen auch unser Denken in einen sich entwickelnden und ausdehnenden Prozess integrieren, uns offenhalten, auch für Neues und erstmal Ungewohntes, Unbequemes. Okay. Einen Scheiß müssen wir. Worte in ihrem begrenzten Potenzial.

Nur weil wir etwas gewohnt sind, weil Dinge schon immer so waren, heißt das nicht, dass es sinnvoll ist, sie so zu belassen. Das gilt für alles! Was kann alles dabei herauskommen, wenn wir ohne Tabus und moralische Einschränkungen denken?

Hinterfragen Sie! Hinterfragen Sie alles; und hinterfragen Sie vor allen Experten, Wissenschaft und betitelte Koryphäen und ergänzen Sie um Ihre eigenen Denkergebnisse. Die Intuition muss in allem zu Wort kommen.

Ein Satz, den mir mein Lieblingsprofessor mit auf den Weg gegeben hat.
Übrigens war er im hohen Rat der Wissenschaft immer ein Außenseiter, einer, der hinterfragte, Systeme in Frage stellte. Ein großartiger Lehrer und Pädagoge.

Liebe, die ebenbürtig im Verbund mit einem vernünftigen Verstand steht, der sich bemüht, flexibel und offen zu werden, zu sein und zu bleiben und erstmal mit Schippchen und Eimerchen auf eine Exkursion geht:

Bei aller Liebe, das könnte gut werden!

Liebestaumel

Benommen vom Taumel der Faszination 
des Erkennens, dass die absolute Wahrheit
jenseits aller Worte und Bilder verborgen
liegt.

Wie ein mildes Lächeln erst, im Schlaf,
das auf den Kuss des Erwachens vertraut
und im Gewandt reiner Liebe
anhebt, zu einem Lachen.

Von dort hinein in den Taumel der Freude,
berauscht von der klaren Sicht jenseits aller Worte und Bilder.

(c) ideenlese 2021





Dancing with myself

Dieser Text enthält nicht nur Spuren von Ironie und Galgenhumor. Er strotzt geradezu davor!

Wenn nix weiter hilft, dance with yourself, schreibt Steffen mir, verlinkt mich mit Billy Idol und versorgt mich mit etlichen Daumen hoch, Herz-, Umarmungs-,Bier-, Wein- und Cocktail Emojies.

Ja Emotionen kann ich. Schwache Nerven? Check. Drama? Aber gerne doch. Sentimentale Orgien? Gimme more. Schließlich kann man so wunderbar schnulzige Gedichte schreiben, wenn das Herz wund, zerfetzt und halbtod schwächelnd auf kaltem Beton pulsiert.

Krieg, Klima und andere Katastrophen machen aus mir seit Tagen einen schluchzenden Alien. Schlimmer noch, eine in Mitleid und Weltschmerz ersaufende, graumelierte Maus.

Ich kann also aus dem Vollen schöpfen und mich den schmachtenden und leckenden Zungen durchdrehender Geschehnisse vollumfänglich hingeben.

Eine Sinnkrise ist doch erst dann herrlich ergiebig, wenn sie sich an einem flankierenden Umfeld reiben und sich on top mit einer ordentlichen Tüte Selbstmitleids zudröhnen kann.

Während ich mit dem Idols Billy das Lattenrost in Schwingung versetze höre ich von weit her den lieblichen Ruf meines Mitbewohners Frrrüüühstück!!!

Well I wait so long for my love vibration and move me and myselft die Treppe hinunter, mache mir einen superxxlstrong Kaffee, was sich auch als sinnvoll erweist, denn kaum habe ich es mir in der freudigen Erwartung gemütlich gemacht, gleich in mein halbes Hönigbrötchen beißen zu dürfen, beginnt mein Gegenüber, mich in gesellschaftspolitische Themen zu verstricken. Bin isch roter Faden? Nope.

Ungünstiges Timing, sehr ungünstig, ungünstigst ever, befinde ich mich doch in den lustvollen Nachwehen köstlich schmerzhafter Emotionskontraktionen.

Ich diskutiere nicht mehr, höre ich mich mit beängstigend ruhiger Stimme sagen, ich befinde mich in einem privaten Schweigeseminar. Just for your Info.

Und wie willst du den Hund rufen, wenn er wieder irgendeinen Scheiß macht? Mit Telepathie?
Die Sanfte in mir bekommt die erste Hitzewallung und verlangt aus tiefster Sehnsucht nach narkotisierenden Wattebäuschen; gerne stinkend und klebend wie Federn auf Pech und Schwefel, die sich dem Gegenüber anhaften mögen. Telepathie. Ganz genau.
Gib mir ein Äon.

Und überhaupt – ich gebe dir eine Stunde. Länger hältst du sowieso nicht durch. Du kannst gar nicht anders, als deine Sprüche in die Welt zu pusten! Das wäre ja der zuverlässige Hinweis auf dein vollendetes Ableben, wenn du deine lieblichen Ideen nicht mehr verbreiten würdest.Verbal, viral und überhaupt.

Ich setze meine Sonnenbrille auf, lächle und winke mit königlicher Geste zum gegenüberliegenden Tischende. Das werden wir ja sehen, liegt mir auf den Lippen und ich kann mich nur knapp zurückhalten, es nicht laut zu sagen. Uhrenvergleich: Minute eins ist noch nicht um.

Zurück im Bett, Notebook auf den Oberschenkeln, Billy in Dauerschleife auf den Ohren und Kuschelhäschen auf dem Bauch, huscht mir ein Lächeln übers gequollene Antlitz, und ein Kichern erbarmt sich meinem erbärmlichen Zustand.

Da erscheint er auch schon. Zuverlässig und wie immer strahlend schön. Der Favorit unter meinen zahlreichen Liebhabern; mein unkaputtbarer Humor. Durchtrainiert, kein Gramm zu viel auf den Rippen, volles, hüftlanges Haar, das volle Programm.
Er küsst mich, wie nur er es kann und steckt mir dann den Ring unserer unendlichen Verbindung an den Mittelfinger. Ich hatte die beiden, also sexy Humor samt Ring, in die Komposttonne geworfen. Intellektuelle Fehlleistung at its best, denn Humor und Edelmetall sind bekanntlich unkompostierbare Helfer in verzweifelten Phasen.

Geht doch.

Und während sich Emotion und Intellekt zaghaft bei den Händen nehmen und sich, wie schon tausendmal zuvor verliebt versprechen, von nun an wirklich und bis ans Ende … in guten wie in schlechten Zeiten….. blablabla, höre ich mich laut singen Heaven must be missin‘ an angel; Selbstverliebtheit for runnaways.

Ein Fest

Manchmal steh ich auf dem Schlauch, 
ganz ohne Ahnung, aber auch,
den Ahnen auf der heißen Spur,
ein kleines Stückchen
fehlt mir nur.

Der Tritt in Hintern, Analyse,
paar klare Worte, Expertise,
das Grauen der direkten Art,
mit tiefer Zuneigung gepaart,
Rundumpaket nach Dallschafart.

Dann weiß ich gleich,
wer mir vertraut, Herz über Kopf
ins Innen schaut, wem ich mich
nackt zu zeigen traue,
auf dass er meine Seele schaue,
mich nimmt mit allem Zipp und Zapp,
den ich, en masse, zu bieten hab.

Es ist ein Fest mir, ohne Frage,
und dauert an, dreihundert Tage,
gelebt in Freude, Neugier, Lassen,
geliebt,gehalten, rote Tassen.

Und war und ist mir ein Vergnügen,
dich in mein Dasein einzufügen,
gleich einem Teil in einem Puzzle,
und das ist echt mal großer Massel.
Tov.

(c) ideenlese

Ciao Marleen

Ciao Marleen, schön anzusehen, das bist du, klar, und auch, fürwahr, aufrührerisch verführerisch, mit deinem Wortspiel, tief und hell, so sexy, zart, spirituell.

Ciao Marleen, dein Haar so schön, Erotik pur, dein Lippenspiel, auf Seelenspur, Chapeau Marleen, das lässt sich sehen, dir widerstehen, schwer einzusehen.

Ciao Marleen, du hast gewonnen, die Liebe, sauer und geronnen, die fließt wie Milch und Honig nun, von ihm zu dir, zieht ihre Spur ins Universum und zurück, hinein auch in sein gutes Stück.

Mach’s gut, Marleen, ich werd jetzt gehen, nimm du ihn, gerne, in der Ferne, da leuchten mir bereits die Sterne, den Weg, der meiner werden will, ein Tränchen noch, schon bin ich still.

Ciao Süße, sag ihm Grüße, nun küsst er dir statt mir die Füße, und ganz bestimmt auch noch den Rest. Ciao Ciao euch beiden, frohes Fest.

Nur kurz, noch auf ein Wort, Marleen, wir werden uns noch einmal sehen, du weißt, finalamente, denn hinten kackt die Ente!

(c) ideenlese

Wut

Gleich nachdem es geschah,
war ich ihr ganz nah.
Ihr heißer Atem zischte mich an,
fauchte,
Funken stoben,
glühend,
von ganz unten
bis ganz oben.
Und zurück.

Fast hätte sie es geschafft,
zu inkarnieren,
in Worte, lauthals, grob, ohne Sinn
formulieren,
was Emotionen diktieren,
Zensur,
kauert, in einer Ecke
im dunklen Flur.

Es ist wie es ist,
dauert, bedauert,
leckt wild die Wunden,
zerreißt sich in Fetzen
bis sie sich vollständig entladen
hat.
Ausgepowert,
dem Gipfel ganz nah,
ausgerutscht.
Flutsch!

Auf dem W,
einem schnöden,
beliebigen
W,
das sich dreht und wendet,
auf die Füße stellt,
Bodenhaftung,
aufrechter Weitblick
Tiefblick,
ins Wesenliche.

Transformation.
Aus Wut wird Mut.

(c) ideenlese



Apfelkerne

Ich bin acht Jahre alt und kann gut lesen und schreiben. Lesen und schreiben sind wichtig. Wer lesen kann, dem kann man so schnell kein X für ein U vormachen. Lesen mit Betonung, so, dass es den Zuhörern Freude macht, zuzuhören. Anderen eine Freude zu machen ist wichtig.

In Schönschrift habe ich eine eins. Ich übe grazile, linientreue Schwünge, auch in Betragen in der Schule.
Und ich bekomme mein erstes Buch geschenkt, das kein Schulbuch ist. Keine Fibel, die präzise in eine schützende Folie eingeschlagen werden muss, so, dass sich keine Luftbläschen bilden. Das ist wichtig.

Ich mag die Bläschen, die unvermeidlichen und drücke meine kleinen Finger darauf, spüre ihren Widerstand, ihre Not, und steche mit einer Nadel hinein, um sie von ihrem Druck zu erlösen.

Martinas kleine Welt heißt mein erstes Buch. Martina wohnt mit ihren Eltern in einem Haus aus rotem Backstein am Rande einer großen Wiese. Martina ist eine kleine Träumerin.

Ich liebe dieses Buch und werde zu Martina, die auf der Wiese liegt und sich mit den Käfern und Gräsern unterhält und dabei die Welt um sich herum vergisst und in ihrer Fantasie mit den Wolken am Himmel schwebt.

Das Schlafzimmer meiner Eltern ist ein geheimnisvoller Raum. Der Kleiderschrank hat sechs Türen. Jede Tür ist ein Spiegel. Ich öffne die Türen und vervielfältige mich. Ich sehe mir alle Seiten von mir genau an, ziehe Grimassen und lache.

Ein sakraler Spiegelsaal. Er hat etwas Verbotenes. Er birgt kleine Abenteuer.
Vorsichtig öffne ich die hellbraune Schatulle aus Kunstleder. Ihre Fächer und Kästen sind mit schwarzem Samt gefüttert.

Ich nehme sie aus einem der Kästchen und lasse sie zwischen Daumen und Zeigefinger hin und hergleiten. Es ist ein unangenehmes Gefühl. Sie gleitet nicht. Sie sträubt sich und stellt ihre Stacheln auf. Trotzdem bin ich fasziniert. Ich lege sie mir um den Hals. Sie fällt an mir herunter bis über den Rand meiner kurze Hose, auf meine nackten Oberschenkel.

Die trockenen Enden der braunen Kerne sind spitz und hart. Sie stechen in die Haut am Nacken und in die Haut meiner Beine.
Ich mag meine kurze Hose aus strahlend blauem Trevira. Sie ist schick und bequem und ich trage sie den ganzen Sommer.
Die Kette aus Apfelkernen mag ich nicht. Es tut weh, sie zu tragen. Jeder einzelne Kern macht einen Schmerz. Zusammen sind es viele Schmerzen.

Als ich mit dir schwanger war, habe ich jeden Tag einen Apfel gegessen. Äpfel sind gesund. Und ich wollte, dass du gesund auf die Welt kommst. Eigentlich solltest du ein Junge werden. Eigentlich warst du gar nicht geplant. Ein Ausrutscher warst du. Die Kerne habe ich gesammelt und sie auf einen Faden gezogen, erzählt sie mir.

Ich bin ein Ausrutscher. Und es hört sich so an, als sei das nichts Gutes.

Mein Blick wandert zu dem Kreuz mit dem angenagelten Jesus, der eine Krone aus Dornen auf dem Kopf trägt. Rote Farbe klebt in seinem Gesicht. Sie klebt auch an seinen Händen und Füßen.

Ich lasse meine Finger in das kleine Becken sinken, das unter dem Kreuz an der Wand hängt. Es ist leer. Ich streiche über die raue Oberfläche, die der Kalk auf dem Boden und an den Rändern des Gefässes hinterlassen hat.

Warum ist Jesus nicht einfach weggelaufen? Wie kann man so dumm sein und sich an ein Kreuz nageln lassen? Ich stelle diese Fragen nicht.
Ich denke nur, dass die Krone aus Dornen sehr weh tun muss.
So wie die Kette aus spitzen Apfelkernen.

(c) ideenlese

Haare



Aus den feinen Löchern ragen schwarze Borsten. Die bunten Plastikröhren sehen wie fette Raupen aus, die sich hellblau, rosa und zitronengelb an den Strähnen festkrallen. Auf dem Scheitel sitzen die großen, über den Ohren die mittelgroßen und im Nacken die kleinen, wie auf einer Tribüne, dicht an dicht, bis sie alle in der Schublade unter dem Waschbecken verschwinden, getrennt von den Nadeln, die wie ein langgezogenes U aussehen.

Aus den Locken wird ein Nest toupiert und in seine Mitte, wie ein aufgeplustertes Küken, ein Haarteil gesetzt. Dutzende Haarklammern verbinden das eigene Haar mit dem fremden, sie vereinen sich zu einem Turm aus Haaren und werden mit undurchdringlichen Nebelschwaden von Haarspray und Haarnetzen, fein wie Spinnweben, in Form gehalten.

Echthaar muss es sein. Niemand fragt, woher diese echten Haare kommen, wem sie gehörten. Wem gehören die Haare? Sind die Menschen, deren Haare jetzt Haarteile sind, gestorben? Oder leben sie noch? Ich traue mich nicht zu fragen, sitze in einem Babydoll aus rosa Polyester auf dem Klodeckel aus schwarzem Kunststoff und berühre vorsichtig die drei Wickler auf meinem Kopf. Sie sträuben sich. Der Druck zwischen Wickler und Haaransatz nimmt stetig ab. Und schließlich entlassen die borstigen Lockenwickler mein seidenes Kinderhaar in seine Freiheit und kullern auf den Boden, enttäuscht über die Glätte meiner Haare oder froh, ihnen entkommen zu sein? Wer weiß das schon.

Ich malträtiere mein Spinnwebenhaar mit Dauerwellenflüssigkeit die so ätzend ist, dass mir die Augen tränen und die Kopfhaut sich anfühlt, als wäre sie unter einen Flammenwerfer geraten.

Ich färbe mir die Haare mit Henna orangerot und trage eine blonde Perücke, dazu eine schwarze Sonnenbrille und sehe aus wie ein Mitglied der RAF. Mein Vater erkennt mich nicht und macht mir die Tür vor der Nase zu.

Der Preis für Locken und lange Haare, die keine langen Haare werden wollen, ist hoch. Die dünnen, feinen Haare werden noch dünner und noch feiner. Sie legen ein Veto nach dem anderen ein, flehen darum verschont zu werden und fallen schließlich aus, weil ich ihnen nicht zuhöre, weil ich sie quäle und ihnen nichts anderes übrigbleibt.

Je mehr ich lang und lockig will, desto mehr lichten sie sich. Ein Kampf, den ich verliere.

Ihr Haar ist zu zart für eine Dauerwelle, sagt mir der Frisör. Ich bleibe stur und komme nach vier Stunden mit einer Frisur nach Hause, die wie ein aufgeplatztes Sofakissen aussieht. Die Seide ist zu trockenem Stroh geworden.

Meine Kinder erkennen mich nicht wieder und verstecken sich erschrocken hinter dem Lesesessel, und meine beste Freundin wird blass und kann ihr Entsetzen nur mit Mühe verbergen.

Bis ich herausfinde, dass mein Haar ist wie es ist und zu mir passt, weil ich bin wie ich bin, vergehen drei Jahrzehnte. Und mein Haar revanchiert sich dankbar für meine Einsicht, entspannt sich, erholt sich und wird sogar etwas voller.

Silbrige Patina legt sich über die  Strähnen meiner einst  dunkelbraunen Haare, veredelt sie wie der weiße Schimmel die Salami.

Die Patina, die mich mein Leben und mich mitten drin noch einmal mit einer ganz besonderen Geschmacksnuance verwöhnt.

(c) ideenlese


Saitenspiele

Zarte Saite, hart gerockt, gerissen, Konzert beendet, vor der Zeit.

Zarte Hände, neue Saite, aufgezogen, Ton tiefer, neue Schwingung.

Zarte Töne, angeschlagen, Tränen fließen, Spiel im Fluss, schwimmen im Schmerz.

Lektion gelernt.

(c) ideenlese