Gehen lassen


Es ist der Liebe Freiheit nur,
die lebt in meinem Streben,
und diese leitet mich fortan,
in Ruhe durch das Leben.

So lass ich dich nun gehen,
und eine Weile treiben,
im Strom echten Erkennens,
still bin ich, köstlich Schweigen.

Und morgens geht die Sonne auf
und abends wieder unter,
ein Glück, wenn unsere Zwischenzeit,
lebendig ist und munter.

Zum Ende, was kein Ende ist,
lass es mich deutlich sagen,
die echte Liebe werde ich
mein Lebtag in mir tragen.

(c) ideenlese

Schwarz

Schwarz ist meine Lieblingsfarbe,
die ich gern nach Außen trage.
Dazu weiß für den Kontrast,
und weil viel dazwischen passt.

Schwarz sind manchmal die Gedanken,
Dunkelheit die wie zwei Flanken,
mich durch ihre Stille trägt,
nichts mehr fühlen, nichts erbebt.

Schwarz wird’s mir vor meinen Augen,
Fall in Ohnmacht und vom Glauben,
will nichts wissen, nichts mehr sehen,
nicht von dir, nicht vom Geschehen.

Schwarz umrandet ist mein Blick,
Schau nach Vorne, nicht zurück,
Nehme weißes Blatt Papier,
bunte Farben, Bild von mir.

Schwarz ist meine Lieblingsfarbe,
die ich gern im Außen trage.
Siehst du mich genauer an,
spürst du, wie ich funkeln kann.

(c) ideenlese 2022

Briefe an einen Mörder



Das hatte ich ihr nicht zugetraut. Sie wirkte angepasst, brav, aufrecht und korrekt. Sie schreibe ihm seit mehr als zehn Jahren, sagt sie, begleite all seine Aufs und Abs zwischen verschobenen Vollzugsterminen und Wiederaufnahmeverfahren, tausche sich mit anderen Unterstützern aus.

Die Kandidaten im Todestrakt in einem Hochsicherheitsgefängnis in Texas sind überwiegend Farbige. Sie sitzen seit Jahrzehnten ein. Sie sind verurteilte Mörder, manche mit einer geringen Chance darauf, dass die Todesstrafe in ein Lebenslänglich umgewandelt wird, kaum jemand wird begnadigt.

Die Strafe wird per Giftspritze vollzogen. Der elektrische Stuhl hat sich als zu unzuverlässig und langwierig erwiesen. Texas im Jahr 2011

Viele von ihnen sitzen dort nicht, weil sie den ihnen angelasteten Mord wirklich begangen haben. Sie sitzen ein, weil sie die falsche Hautfarbe haben.

Wenn du interessiert bist, sagt sie, er hat einen Freund, der sich über Post freuen würde. Es geht ihm sehr schlecht, er ist einsam, hat keinen Kontakt mehr zu seiner Familie.

Will ich einem mutmaßlichen Mörder schreiben? Habe ich Mitgefühl mit einem Straftäter? Und was kann ich überhaupt schreiben heraus aus meiner aufgeräumten, bürgerlichen Blase, hinein in die Abgründe menschlichen Handelns? Ich denke lange darüber nach und dann lasse ich mir die Adresse geben.

Mein Englisch ist mäßig. Die Reaktionen meiner Familie ebenfalls. Du willst was? Einem Mörder schreiben?

Ich schreibe ihm. Wer ich bin, wie ich lebe, was ich mache, stelle vorsichtige Fragen und bekomme ein paar Wochen später eine Antwort mit Foto.

Ein junger, farbiger Mann noch keine dreißig Jahre alt, der seit seinem achtzehnten Lebensjahr in der Todeszelle sitzt, wegen Mordes unter Drogeneinfluss verurteilt und auf seine Hinrichtung wartet, schreibt mir von seinem Leben.

Abgesehen von einer Stunde Hofgang am Tag sitzt er in einer Einzelzelle und wartet auf den Termin seiner Hinrichtung, die von Anwälten immer wieder verzögert  wird, weil die Beweislage immer noch nicht eindeutig ist.

Wir werden uns nie darüber austauschen, ob er die Tat begangen hat. Ich frage ihn nicht danach, weil es mir zu plump erscheint und weil die Antwort nichts ändern würde, nichts daran, dass er ein Mensch ist. Einer, der mutmaßlich eine furchtbare Tat begangen hat und dafür nach US-amerikanischem Recht mit seinem Leben büßen wird.

Ob das angebracht oder gerecht ist? Ich bin gegen die Todesstrafe.

Er hat eine junge Frau getötet, erschlagen mit einem Baseballschläger. Sie war so alt wie er. Achtzehn Jahre alt. Er hat sie mit grober Gewalt um ihr Leben gebracht, dafür wird er angeklagt, dafür sitzt er ein, dafür wird er hingerichtet. Wann das sein wird? Einen Termin gab es schon, vielleicht zwei, sie wurden aufgeschoben.

Er schreibt Gedichte von Hoffnung und Liebe, zeichnet Mandalas, sucht nach Wegen, die Hoffnung am Leben zu halten. Er schreibt von seiner Mutter, die ihn schon seit Jahren nicht mehr besucht, von einer Schwester, die sich anfangs noch für ihn einsetzte, von der er inzwischen auch nichts mehr hört.

Er schreibt von Anwälten und einer Organisation, die sich gegen die Todesstrafe engagieren. Er schreibt, dass vor einigen Tagen nach etlichen Monaten Pause wieder einer mit der Spritze hingerichtet wurde. Er schreibt von Angst, Träumen und Depressionen. Er schreibt darüber, wie gerne er spazieren gehen und Basketball spielen würde.

Als er nach einigen Monaten anfängt, mir Liebebriefe zu schreiben, schreibe ich nicht mehr zurück. Ich will nicht, dass sich ein verurteilter Mörder in mich verliebt und gleichzeitig scheue ich mich davor, diesen jungen Mann zu verletzen, weil ich sein Verliebtsein nicht erwidere.

Meine Verwirrung war groß damals. Von Anfang an. Wie schreibe ich einem Mörder? Was schreibe ich ihm? Wie schütze ich mich davor, Vorlage sexueller Fantasien zu sein?

Ich habe es versucht und noch heute spüre ich, wie es sich anfühlte. Verworren und zwiegespalten zwischen der Ablehnung und dem Schrecken vor menschlichem Handeln und dem Erkennen des Menschlichen genau darin.

Ich weiß nicht, ob er noch lebt.
Weder seine Hinrichtung noch seine Reue bringen das Opfer ins Leben zurück und mildern den Schmerz der Angehörigen.

In einem Brief schreibt er, dass alles, was ihn am Leben hält, die Liebe ist und die Gedichte, die er über die Suche nach der Liebe schreibt.

Briefe von einem Mörder.






So’ham & Der Schabernack

Einen Tag nach der Migräneattacke geht es zur Sache. Ein kunterbuntes Drunter und Drüber tobt über die Flure der grauen Masse im Oberstübchen. Gedanken spielen Blinde Kuh und Hasch mich, ich bin der Frühling. Flöhe hüten ist einfacher, als diesen Kindergarten der Schlaumeier und Neunmalklugen unter der Schädeldecke im Zaum zu halten.

Legionen von Absurditäten in nächtlichen Traumsequenzen: Inferno, Armageddon, Tsunami; und danach: Stille. Nüscht mehr! Niente. Nada. 

Wenn der Schmerz abebbt, wird es klar. Einsichten von betörender Schlichtheit. Schön, wie ein Butterbrot, wie ein Bergsee, wie ein unerwartetes Lächeln.
Diese Zeit währt kurz, wie ein flüchtiger Flirt. Es ist eine Zeit, in der mich der Schabernack verführt und meinen Verstand lahmlegt. Guter Typ.

Er nimmt meine Hand, dreht die Musik laut auf, Abba, Bay City Rollers & Co., archaische Trigger und lässt meine Hüften die einzig wahre Sprache sprechen. Er verführt mich zu Tätigkeiten, die dank ihrer Einfachheit Juwelen für das Sein sind. Klo putzen, bügeln, wischen und das alles in Zeitlupe.

Mein Schabernack haut mir auf die Finger, sobald ich zu irgendeinem Fachbuch greifen, wissenschaftliche Dokumentationen auf arte und 3Sat starten will, oder sonst einer wichtigen und ernsthaften Beschäftigung nachgehen will.

Er schüttelt mir die Kissen auf, drückt mich mit sanfter Gewalt in dieselben, legt sich neben mich und flüstert: Die Wirklichkeit steht nicht im Lexikon. So’ham und dein Lachen ist alles, was du brauchst.

So’ham. Ein Mantra aus dem Sanskrit, das so viel bedeutet, wie Er ist ich, Ich bin er und die Einheit von Individualseele und dem Absoluten beschreibt.

So’ham.
Schon Marianne Rosenberg hat darüber gesungen. Ich bin wie Du, ahaha, wir sind wie Sand und Meer, uhuhuuu, und füreinander immer nur da, hahahahaha.

Und ich schließe die Augen, lächle, atme und fühle mich mittendrin im Leben, in mir. Ich merke gerade noch, wie der Schabernack mir einen Kuss auf die Stirn gibt, mich in die Wange zwickt und mit einem So’ham, du kannst dich nicht von deinem Schabernack trennen, mitten in mein Herz hüpft.

So’ham.
Mittendrin. All in One.







Die Farbe der Weisheit

Wenn ich groß bin, werde ich Weisheit, sagt die kleine Intuition, taucht im bunten Bällebad unter und verschwindet. Meine Intuition ist klein und unscheinbar. Sie kann sich vortrefflich aus dem Staub machen, ohne dass ich es bemerke.

Sie ist also weg. Sie spielt im Bällebad, während ich mir die Farbe ins Haar schmiere, und mir ein altes Handtuch um den Kopf wickele.
Während das Zeug einwirkt, denke ich, kann ich meditieren. Fünfundzwanzig Minuten. Das ist genau die richtige Zeit. Zehn Minuten weniger als auf der Packung angegeben. Prima. Genau richtig für mein feines Haar.

Timing kann ich. Ich mach das mit Gefühl. Das läuft bei mir aus dem Bauch heraus.

Ich sitze auf dem Bänkchen, spüre meine Sitzknochen, atme leicht wie eine Sommerbrise ein und auf MU aus. Die Stille lädt mich ein und ich folge ihr und freue mich, dass es sich heute so leicht anfühlt, dass weder alter Schmerz noch eine undefinierbare Traurigkeit auftauchen und um Achtsamkeit buhlen.

Als ich die Augen wieder öffne ist der Sand von über vierzig Minuten durch die Uhr gelaufen.

Fluchtartig verlasse ich die Decke, stürme ins Bad und wickle mich aus dem Handtuch.
Mein Haar ist dunkel. Sehr dunkel. Noch dunkler als dunkel. Mittelaschblond steht auf der Verpackung und irgendwas von natürlicher Pigmentierung.

Pauschal mag das zutreffen. Individuell leider nicht, leider gar nicht.

Scheiße. So war das nicht gedacht!

Fehler, denke ich, das war ein Fehler. Einer, den ich schon so oft gemacht habe. Warum, Himmel nochmal, höre ich meiner Intuition nicht zu?
Für einen Augenblick möchte ich weinen. Über die mindestens zwei Nuancen, die mein Haar zu dunkel machen und über meine Taubheit gegenüber meiner zuverlässigen inneren Stimme. Intuition!

Schließlich entscheide ich mich für Lachen und tröste mich damit, dass das melierte Grau, meine true Color wiederkommen wird. Schnell sogar.
Was solls. Es sind nur Haare!

Ich setze mich ans Klavier und interpretiere ein uraltes Lied Sechzig Jahre und kein bisschen weise, Aus gehabtem Schaden nichts gelernt. Sechzig Jahre auf dem Weg zum Greise Und doch sechzig Jahr‘ davon entfernt.
Dann springe ich von einem Akkord zum nächsten, von einem Jürgens zum anderen Jürgens.

Mit sechsundsechzig Jahren, da fängt das Leben an… Da föhn‘ ich äußerst lässig, Das Haar, das mir noch blieb. Ich ziehe meinen Bauch ein, Und mach auf heißer Typ.

Und während ich so vor mich hin klimpere höre ich die Ansage:

Die kleine Intuition möchte aus dem Spieleparadies abgeholt werden, die Weisheit wird gebeten, die kleine Intuition aus dem Spieleparadies abzuholen, die Weisheit bitte jetzt ins Spieleparadies, um die kleine Intuition…

Ich komme ja schon, höre ich mich sagen, und mache mich auf den Weg ins Bällebad, um die Intuition abzuholen, sie an die Hand zu nehmen und nie wieder loszulassen.


Der Tag an dem du auf den Birnbaum geklettert bist

Gerade war ich noch einmal beim Hortensienkranz. In der Mitte liegt eine weiße Rose.

Die Hündin schnüffelt an den Blüten und geht ganz von allein ins Sitz.

Tiere haben feine Sinne für Stimmungen.

Hunde und Katzen waren dennoch nicht dein Ding. Da warst du distanziert. Nur manchmal hast du der Katze ein Wort gegönnt und sie um deine Beine streichen lassen. Es war Hassliebe. Gib es zu. Schuld war auch der durchgeknallte Boxer.

Ich stehe da, schaue hinunter auf den Kranz aus Hortensien und halte inne. Du bist nicht hier. Ich warte noch ein wenig und gehe schließlich.

Vorhin, als deine Familie, deine Freunde und Weggefährten in deinem Garten von dir Abschied genommen haben, habe ich dich gesehen. Wir haben dich alle gesehen. Du kannst dich nicht einfach so aus dem Staub machen.

In jeder Ecke deines kleinen Parks hast du rumgewuselt. Ich sah dich, wie du Kerzen um den Pool herum aufgestellt hast. Ich sah dich aus dem Keller kommen mit dem Biernachschub.

Ich hörte dich sagen, Moment mal, das stimmt ja so nicht. Obwohl heute vieles stimmte, was über dich gesagt wurde.

Du bist nicht dort, wo ich dich heute noch einmal besuchen wollte. Dort, wo der Hortensienkranz liegt. Wo sich ein Kreis schließt.

Du bist an dem Ort, an dem du immer warst und der immer dein Ort bleiben wird. Für deine Familie sowieso und für uns Freunde und Bekannte auch. Du hast deinen Platz. Weil es viel zu früh war, ihn zu räumen.

Es war kein Tag zum Abschiednehmen. Der Himmel strahlte unverschämt blau, die Vögeln lieferten sich Zwitschergefechte.

Ein wundervoller Frühsommertag, viel zu warm für den feinen, dunklen Zwirn, den wir zu deinen Ehren trugen.

An einem solchen Tag geht man nicht. Auch du nicht.

Man bleibt. Man mäht Rasen, macht sich ein Bier auf und den Grill an.

Ich sehe dich, wie du den Mundwinkel ein wenig schief nach Oben ziehst und ansetzt zu deinem Jetzt Moment mal.

Du begleitest uns noch ein Stück die Auffahrt hinauf. Das hast du immer so gemacht.

Und dann kletterst du auf den Birnbaum und siehst dir deine Welt von oben an, lächelst vielleicht und wünscht dir, dass alle deine Lieben es auch eines Tages wieder tun können.

Es war kein Tag zum Gehen. Es war ein Tag zum Bleiben. Du bleibst.

(c) ideenlese 2020