Wahre Liebe

Als meine Liebe deine traf,
sie erste Blicke wagten,
und Schritte aufeinander zu,
berührten, verrückten, verzückten,
hielt die Welt den Atem an.

Als deine Liebe mit meiner spielte,
und die Haut erhitzte,
die Leidenschaft durchbrannte,
besoffen, betroffen, bekloppt,
tanzte die Welt Samba.

Als meine Liebe deine verlor,
aus dem Blick, aus dem Gespür,
standen wir bewegungslos auf der Leitung,
und weltweit fiel der Strom aus.

Als deine Liebe meine wiederfand,
behutsam, zart, bewusst,
und mehr und Rock n Roll,
zersprangen die Ketten der Welt.

Als meine Liebe mit deiner alt wurde,
sich aneinander lehnten und Geschichten
aus ihren Tagebüchern vorlasen, erkannten wir:

Wahre Liebe fordert nicht,
sie schenkt sich, sie lässt, sie fließt.
Und die Welt lächelte und schaltete auf Flutlicht.

(2000)

Spinner

Lass uns zu zweit die Meere rocken. Sagt er.
Sie sagt: Du spinnst.

Lass und den Tag im Bett verbringen. Sagt er.
Sie sagt: Du spinnst.

Lass uns ne Runde Poker spielen. Sagt er.
Sie sagt: Du spinnst.

Lass uns durch Regenpfützen spingen. Sagt er.
Sie sagt: Du spinnst.

Dan lass uns mit dem Teppich fliegen. Sagt er.
Sie sagt: Du spinnst.

Okay, sagt er, steigt auf und fliegt.

(2005)

Puppe

Die blonde, kühle, wunderschöne,
die leblos, statisch, ohne Töne,
als Vorbild nicht das Wahre war,
gedanklich was sie dennoch da.

Sei schön, sei still, sei hübsch charmant,
und sei vor allem recht galant,
sollt es um deine Meinung gehen,
so stell dich brav auf deine Zehen.

Vermeide Streit und Widerstände,
und du wirst sehen, am guten Ende,
haut dich dein großes Herz voll um!
Kein Gleichgewicht?

Tja, Schätzchen, dumm
gelaufen, doch noch nicht zu spät.

Zieh dir die Nadeln aus dem Brain
und du wirst schmerzfrei geradestehen,
zu dir und dem was dich bewegt.

Du darfst, du kannst, du hast die Kraft.
die vieles kann und manches schafft.
Die Barbie ist nur Nostalgie.

Was wichtig ist, das ist dein Chi.

(2009)

Dornrose

Die Rose, dachte sich der Knabe,
die ist es, die ich gerne habe.
Sie ist so hold, so schön, so recht.
Ich denk, dass ich sie mir mal brech.

Na super, schmollt die Rose,
das geht voll in die Hose,
denn dieser blöde Bengel,
der bricht mir gleich den Stängel.

Und eh sie sich noch wehren kann,
ist sie schon dicht am Tode dran,
mit ihrer Schönheit geht sogleich,
sie fort und weg ins Himmelreich.

Narziss, dem ging es ähnlich,
der dachte munter nämlich,
als er sich sah in einem See:
„Gott sakra, bin i wunder schee.“

Er beugt sich hin und beugt sich her,
damit er sich noch besser säh,
vergisst bei dem Schönheitsschranz,
jedoch die nötige Balance.

Und rammte bald mit vollem Pfunde
in Richtung Schlamm des Wassers Grund.
Klar, kommen wir zum Schluss,
der gar nicht anders lauten muss:

Sind wir zu schön so führt uns das
zum Kompost und ins kühle Nass.
Die Schönheit nicht zu ernst zu nehmen,
soll dieser Reim uns also lehren.

(2011)

Engel

Du sagtest mein Engel
und ich putzte meine Flügel.
Du sagtest mein Sonnenschein
und ich fing an zu strahlen.
Du sagtest meine Liebe
und ich wurde hellhörig.

Du sagtest Maus oder Schatz
und ich sagte Piep und ergraute.

Ich hörte dich flüstern mein Engel.
Und der Schmerz brachte mich fast um.

Du sagtest mein Sonnenschein
zu ihr.
Und ich schäumte vor Wut.
Du nanntest sie meine Liebe.
Und ich lachte laut.
Du sagtest Mäuschen und Schätzchen zu ihr.

Und ich wuchs, wurde stark und sagte zu mir:

Ich bin ich.

Gedanke an eine Gurke

Sie, die rank und schlank und grün, vor Feuchtigkeit strotzend, die Krümmung normiert begradigt, stehvermögend oder in Scheiben geschnitten, gepfeffert wie gesalzen, das Wasser erst im Munde und sodann darüber hinaus fließen, tropfen lässt.

Esprit und Charme hat sie, im Zuge ihres Vermögens, zu erfrischen, zu glätten, warum Botox, wo sie, La grande dame concombre, feinschnittig für eine Spanne Zeit den Jungbrunnen gibt, sich auferlegt zu geben statt zu nehmen, die Bühne erobert in Pose,  Standing Ovation im wässrigen Abgang.

Jedoch, sodann ereilt vom Schicksal, ne Jurke, vergessen und verkommen im Eck des Gemüsefaches, die Enden dem Modern anheimgefallen, verschrumpelt, ausgedörrt im Innen und Außen, den Kompost vor Augen, träumt sie davon, eine Erdbeere zu sein. Klein, rundlich, prall und rot. Ein schnelles Vergnügen der Lust, Süße Träume der Saison, die wahrwerden, Vanille und Sahne statt Pfeffer und Salz.

Später, Marmelade die eine, essigsauer eingelegt die andere, sinnierend über das Gestern, stehen sie da, schauen, warten, bis das Licht sie befreit, sie klebrig, süß und sauer, tropfend, Stufe um Stufe erhebt, auf Augenhöhe, Erkenntnisglimmen.

Holzliebe & Lebertran

Beim Öffnen der Flasche strömt mir ein Duft entgegen. Lebertran. Er nistet sich in den Schleimhäuten meiner Nase ein, steigt wie der beißende Rauch eines Lagerfeuers aus noch feuchtem Holz auf die nächste Ebene und platzt ins limbische System.

Im Zeitraffer und mit Zoom wabert ein Löffel aus glänzendem Edelstahl auf mich zu. Ich kneife die Augen zusammen, ziehe die schmalen Kinderschultern in Richtung Ohren und balle meine Hände zu Fäusten.

Der graue, sämige Saft klebt auf meiner Zunge fest und schmeckt widerlich nach altem Fisch, muffig, tranig, penetrant. Ich würge und muss mich fast übergeben.
Wie lange noch? Wie lange muss ich diesen ekeligen Saft noch einnehmen?

Ich bin blass und viel zu dünn. In meinem Blut sind zu wenig Eisen und zu viele weiße Blutkörperchen. Ich schreie, trete und kratze, als der Arzt die Kanüle in meine Vene rammt. Mein Blut ist dunkel und fließt mit leisem Zischen in ein Plastikröhrchen. Ich habe Todesangst. Ich will nicht, dass mir etwas aus meinem Körper gezogen und alle sechs Wochen ein Loch in meine Ader gestochen wird.

Das muss sein, schreit und schimpft Herr Doktor ungehalten, reiß dich zusammen.

Es gibt in unserer Stadt keinen Kinderarzt. Kinder müssen sich zusammenreißen und die bittere Medizin der Erwachsenen schlucken.
Meine Mutter ist übersät von hektischen Flecken und hält mich mühsam im Zaum.


Das Öl, das leicht nach Lebertran riecht, ist für alle Holzsorten geeignet, steht auf dem Etikett, besonders für die Offenporigen. Der weiche Baumwolllappen nimmt es galant auf.
Er war einmal ein T-Shirt, das im Altkleidersack gelandet war.

Eines Tages rettete ihn die Tatsache, dass ich vergessen hatte, Putzlappen zu kaufen und mich daran erinnerte, woraus die Putzlappen waren, mit denen meine Oma geputzt hat. Wenn sie geputzt hat. Alte Schlüpfer aus labbriger Baumwolle.

Ich putze nicht gerne. Wie Oma. Oma war lieber im Garten unterwegs, an der frischen Luft oder beim Kaffeekränzchen, anstatt zu putzen.

Putzen ist die Zeit, in der ich nicht schreiben kann. Putzen ist die Zeit, in der ich nicht lesen kann. Vergeudete Zeit. Geraubte Zeit.

Aber Holz zu ölen ist etwas ganz anderes als zu putzen. Holz zu ölen ist für mich wie zur Ruhe kommen, zu mir kommen, nachzudenken auf eine zutiefst sinnliche Art und Weise. Es ist ein Zeremoniell, fast heilig. Ich will es immer und immer wieder tun. Holz ölen.

Immer in Richtung Maserung. Die feinen Poren und Rillen machen sich ganz weit. Sie werden weich und geschmeidig, nehmen auf und lassen sich nähren. Ich liebe Holz. Ich bin in meinem Element.

Im Fengshui steht Holz für Leben, Vitalität und Kreativität.
Das Holzelement repräsentiert Wachstum, Neubeginn und die Jahreszeit Frühling. Ich bin ein Frühlingskind. Geboren im März.

Der ist aus einem anderen Holz geschnitzt, geht mir durch den Kopf. Jemand, der aus einem anderen Holz geschnitzt ist, ist in meiner Vorstellung ein harter Brocken, jemand, den nichts umhaut, der dasteht wie eine Eiche.

Aus welchem Holz bin ich eigentlich geschnitzt?
Birnbaum. Die Antwort ist sofort da, wie aus dem Nichts.

Google. Birnbaum ist ein gefragtes Holz im Möbelbau. Es hat eine gute Polierfähigkeit. Birnbaumholz trocknet langsam und ohne große Rissbildung. Es ist formstabil und sehr fein und dicht und weist kaum Jahresringe auf.
Im Alter bekommt es eine sehr schöne rotbraune, bernsteinartige Färbung.

Birnbaum eignet sich trotz seiner Härte sehr gut zum Schnitzen feinster Details. Schwarz gebeizt wird es als Deutsches Ebenholz bezeichnet.


Während ich mit dem öligen Baumwolltuch über den Holztisch gleite, nicht aufhören kann, das Eichenholz fast zärtlich massiere, schließe ich Frieden mit Lebertran und schlimmen Erinnerungen.

Vielleicht war es auch der Lebertran Saft, der dazu beigetragen hat, dass ich vital und kreativ mein Leben gestalten kann, kaum Jahresringe aufweise und fein und relativ formstabil in meinem Element bin. Sagte ich schon, dass ich auf Holz abfahre? 😉

Alles Gute und Liebe und bis bald.








Die alte Liebe

Er liegt hinten rechts unter den vergilbten Liebesbriefen. Er liegt dort seit sechsunddreißig Jahren, vier Monaten und zwölf Tagen.
Einmal, ein einziges Mal, wurde er vorsichtig in die Hände genommen. Raus aus dem Schuhkarton, hinein in den Karton mit dem Rosenmuster.

Sie liegt in der gegenüberliegenden Ecke. Einst schillernd, fristet sie ihr Dasein in Angst vor Milben und Motten. Auch sie bekommt ein neues Domizil, wird mit zarten Fingerspitzen berührt und sanft umgebettet in den Rosenkarton.

Sie spürt ein Ziehen und Pulsieren in ihren feinen Fasern. Er muss hier irgendwo sein. Auf ihre Intuition kann sie sich verlassen. Sie weiß, dass er mit ihr in den Rosenkarton gelegt wurde.

Heute ist ihr Tag. Heute wagt sie es.
Das jahrzehntelange Herumliegen zwischen alten Papieren, Fotos und staubigen Kunstfaserschleifen hat sie heiser gemacht. Doch immer dann, wenn sie befürchtete, zu ersticken, hat sie sich leise geräuspert und überlebt. Sie tut es wieder. Jetzt. Sie räuspert sich. Und sie tut es lauter als all die Jahre zuvor.

Er weiß, dass er aus Blech ist. Sein goldenes Image ist ein Bluff. Doch zur Fastnacht findet er seine Anhänger. Und allemal ist es besser, als Piratenohrring in einer gelackten Rosenkiste zu liegen, als immer wieder als Konservendose auf die Welt kommen zu müssen und in schnöden Supermarktregalen herumzustehen. Gefüllt mit Erbsen, Bohnen und gezuckerten Pfirsichen.

Er hält inne. Was ist das für ein merkwürdiges Geräusch? Er lauscht konzentrierter. Es kommt aus der gegenüberliegenden Ecke. Es hört sich an wie ein Räuspern. Ein Flüstern. Nein, es ist ein leises Rufen.

Hallo, ruft sie, hallo, hören Sie mich? Ich weiß, dass Sie da sind. Hallo?

Er hat sich nicht getäuscht. Da ruft jemand mit feiner Stimme. Sein Metall nimmt die Schwingung auf.

Wer ruft mich?

Ich bin es, der Rest der Federboa, ich liege hier in der Ecke! Wir kennen uns von früher. Sie sind Herr Piratenohrring.

Federboa? Rest? Von früher? Der Rost am Scharnier seines Klipses macht seinem Gedächtnis zu schaffen.

Federboa? fragt er laut.

Ja, Federboa. Mit einigen anderen war ich ein Kostüm. Ich hieß damals Paradiesvogel und meine Besitzerin gewann den dritten Preis beim Kostümwettbewerb vor sechsunddreißig Jahren, vier Monaten und zwölf Tagen.

Es war wirklich lange her, dass sie Teil einer prämierten Verkleidung gewesen war. Nur sie hatte überlebt. Die anderen waren Stück für Stück verspielten Hundewelpen und der Altkleidersammlung zum Opfer gefallen.
Die Federboa. Natürlich! Er erinnert sich. Federn mit Grandezza waren ihm in seinem Leben nur einmal begegnet. Sie hatte ihn berührt und gekitzelt. Die schemenhaften Erinnerungen werden schärfer. Sie bringen sein Blech in Wallung.

Na da ist ja eine Überraschung, verehrte Federboa, ruft er mit tiefer Stimme in die Dunkelheit der Pappkiste hinein.

Des näckschte Highlight des Abends isch die Wahl vom beschte Koschtüm. Alle Gäscht, die mitmache möchte kummet uf de Bühn bitte.

Sechsunddreißig Jahre, vier Monate und zwölf Tage sind seither vergangen.

Wie haben Sie mich gefunden? Woher wissen Sie, dass ich auch hier in der Pappschachtel leben?

Ach, Herr Piratenohrring, ich wusste es einfach all die Jahre. Aber ich traute mich nicht, Sie anzusprechen. Ich bin etwas schüchtern. Und Sie sind noch so heil, während ich viele Federn lassen musste, seufzt die Federboa.

Aber, aber, ich bitte Sie. Wie sind beide nicht jünger und schöner geworden. Mein Blech hat auch enorm nachgelassen. Der Lack ist ab, antwortet er und spürt Ionen und Anionen in sich aufsteigen.

Erinnern Sie sich, Herr Ohrring, Sie und ich. Sie am Ohr baumelnd beim Tanz und ich, ganz nah bei Ihnen?

Und wie er sich erinnert. Eine großartige Nacht war das, an deren Ende er mit einem Versprechen vom Ohr gezogen wurde und kurz darauf in einer Handtasche landete.

Und jetzt liegen wir hier seit Jahren in diesem kitschigen Rosenkarton, jammert die Federboa.

Der Ohrring pflichtet ihr bei. Stimmt, sagt er, Sie kümmert sich überhaupt nicht ums uns. Traurig ist das, wirklich traurig.

Wissen Sie, meine Liebe, ich darf Sie doch so nennen? Manchmal habe ich abenteuerliche Gedanken. Dann möchte ich raus aus der Kiste. Raus aus dieser dunklen Gefangenschaft und noch einmal die Schwingungen von damals spüren.

Oh ja! Mir geht es auch so. Es ist so dunkel, staubig und langweilig hier drinnen. Das Papier wird immer muffiger und poröser. Und ich zerfalle zu Staub, wenn nicht bald Licht und Luft an meinen Federteint gelangt.

Es ist still im Karton. Beide hängen ihren Gedanken nach. Sie sie schließlich räuspert und das Schweigen bricht. Der Staub von über dreißig Jahren macht ihr immer noch zu schaffen.

Ich habe da so eine Idee, mein lieber Herr Ohrring. Aber bitte lachen Sie mich nicht aus. Es ist nur eine Idee.

Aber ich bitte, Sie, meine liebe Freundin! Niemals käme auch auf den Gedanken, Sie auszulachen. Ich warte gespannt auf Ihre Ausführungen.
Er kann, wenn er will und er wollte gerade sehr galant sein.
Es ist nämlich so, wisperte die Federboa, dass ich da so eine Energie in mir spüre. Nicht irgendeine Energie, sondern eine, die ihresgleichen sucht.
Ich will damit sagen, dass ich es durchaus für möglich halte, dass wir in der Lage sein könnten, wenn wir denn mit aller Kraft wollen, also, um es auf den Punkt zu bringen…

Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche, Verehrteste, aber sie meinen, dass, wenn wir unsere Schwingungen, unsere Energien, wie sie es nennen, einsetzten, dass wir dann…

Ja, gewiss. Es müsste doch möglich sein, dass, wenn wir wollen…

Ausbrechen!
Freiheit!

Raus aus dem Karton.

Frische Luft, meine liebe Freundin, frische Luft ist schon lange von Nöten.
Wie recht Sie haben, bester Freund.

Zunächst, meine Liebe, müssen wir versuchen, näher zueinander zu kommen.

Sie meinen, heraus aus der Nische? Treffpunkt Mitte?

Genau, Treffpunkt Mitte, der Ohrring entspannt sich und spricht weiter. Wir lassen uns fallen. Wir geben uns einer Trance hin. So, wie wir es damals auf dem Ball erlebt haben und…

…stellen uns ganz fest vor, dass wir uns bewegen? Noch bevor die Federboa den Satz beendet, rutscht der Ohrring in hoher Geschwindigkeit auf sie zu. Sie kann nur knapp ausweichen und schreit schrill auf.

Potz Blitz! Was war jetzt das?

Das war Energie, meine Liebe, reine Energie.
Im selben Augenblick trifft sie ein Blitz und es wird unerträglich hell in der Schachtel. Briefe werden zur Seite gelegt, lange, schlanke Finger bahnen sich ihren Weg.

Nein, schreit die Federboa, nein, Hilfe, sie holt mich. Was hat sie vor? Ich will nicht mit dem Hund spielen. Doch da ist sie schon aus seinem Blickfeld verschwunden. Sie ist frei, denkt er melancholisch, ich nicht. Die Glückliche.

Sein Leben liegt nun in ihrer Hand. Er spürt ihren Blick auf sich ruhen. Lange.

Der Ohrring. Dass sie den überhaupt noch hat. Und die Feder aus dem Kostüm ist auch noch da. Feder und Ohrring. Paradiesvogel und Pirat. Wo er wohl ist? Was er wohl macht?

Sie gibt seinen Nahmen in die Suchmaschine ein. Seine Website füllt ihren Bildschirm. Die blonden Locken gestutzt, die blauen Augen umrahmt von einem dunklen Brillengestell. Sechsunddreißig Jahre, vier Monate und zwölf Tage älter. Sie lächelt und schaltet das Notebook aus.

Auf dem Schreibtisch liegen in einer Schale aus Holz eine rote Feder und ein angelaufener Ohrring aus goldfarbenem Blech. Und wenn sie nicht verrottet sind, dann liegen sie da noch heute.

Immerhin hat sie uns nebeneinander gelegt, sagt die Federboa, erleichtert, ihn in ihrer Nähe zu haben.

Ja, brummt er, und wir sind noch nicht in der Mülltonne gelandet.

Dann, nach einer Weile, fährt er fort, bei Lichte betrachtet, meine liebe Freundin, erlauben Sie mir zu sagen, dass Sie ausgesprochen, nun, wie soll ich es ausdrücken, ausgesprochen sexy sind.

Jetzt war es raus.

Sexy? Sie finden mich sexy? Sie wird rot. Denn sie ist schüchtern. Und dass sie sexy ist, hat ihr seit sechsunddreißig Jahren, vier Monaten und zwölf Tagen niemand mehr gesagt.

Nun, meine Liebe, wenn Ihnen sexy zu drastisch ist, so lassen Sie es mich anders ausdrücken. Sie sind hübsch und strahlen eine ganz besondere Energie aus.

Wenn sie sich ihn genau ansieht, im Hellen, dann macht er eine recht gute Figur, auch noch nach sechsunddreißig Jahren, vier Monaten und zwölf Tagen.

Das Tagebuch


Für dich und deine kleinen Geheimnisse steht auf der ersten Seite. Ich kenne die Handschrift gut. Die runden, fast lieblichen Auf- und Abschwünge, ihre ängstliche Korrektheit und die kleinen Lücken zwischen dem ersten und dem zweiten Buchstaben eines Wortes; wie ein Einatmen, das sich auf den ersten Ton eines Liedes vorbereitet, innehält und dann doch tonlos in einem Pfff vergeht.

Ich kenne dieses Schriftbild, das niemals die Linien überschreibt, sie nur an der Grenze zur Freiheit berührt, wie eine Provokation und sich dann wieder der Enge fügt.

Später imitiere ich die Schrift perfekt, wenn ich Entschuldigungen für Fehlstunden in der Schule oder eine Unterschrift unter der Fünf in Mathe oder der Sechs in Französisch brauche. Mon Dieu.

Ich mag das Buch auf den ersten Blick. Es duftet nach Puder und Holz und fühlt sich wie ein kleines Kissen an. Ich streichle den Stoff, drückte auf das blaugrün karierte Leinen und fühle unter der soliden Hülle die weiche Wattierung. Wenn ich stärker drücke, spüre ich den Widerstand der dicken Pappe unter dem Polster, das die zarten Seiten schützt.

Unbeschriebene Blätter ohne einengende Linien und normierte Kästchen. Geschützt und von einem Band aus rotem Leder gehalten, verschlossen und nur mit einem winzigen Schlüssel zu öffnen.

Ich bin dieses Buch. Und nur ich habe den Schlüssel.

Durchscheinende Blätter, deren Ränder in zartem Gold schimmern. Fast wie ein Gebetbuch. Seiten, die bereit sind, sich mit Wahrheit, Ideen und Gedanken zu füllen. Bereit, alles aufzunehmen und im Stillen zu verarbeiten, was für niemand anderen Zugang haben darf.
Ein Tagebuch.
Ein Schatz, der erst geborgen werden darf, wenn die Zeit dafür reif ist. Meine kleinen Geheimnisse sind wie ein Hauch. Die Worte dafür haben mich noch nicht gefunden.

Aber ich ahne, dass dieses Tagebuch mir nicht allein gehört. Ich weiß, dass es vor seiner Reife gelesen wird. Immer wieder. Vom ersten Tage an ist mein Tagebuch ein offenes Buch. Ein Buch, das ich nicht für mich schreiben kann. Ein Buch, das gelesen werden muss. Aus Angst, aus Sorge, dass ich von Wegen abkomme. Kann von Wegen abkommen, die nicht die eigenen sind? Erwirbt man Vertrauen dadurch, dass man es bricht wie ein Siegel?

So lerne ich, Geschichten zu schreiben und Fährten zu legen. Später, mit zwölf flechte ich kleine Botschaften ein, schreibe Listen mit Dingen, die ich auf meine Flucht mitnehmen werde, sende Friedensangebote und Hilfeschreie, die erschöpft zusammenbrechen bevor sie ihr Ziel erreichen. Und ich lerne, wie es sich anfühlt, wenn man Vertrauen verliert.

Ich bin schüchtern, verschlossen und still.
Ich bin eine junge, sehr gute Beobachterin, ein Kind mit sieben Siegeln, das die Spiele der Erwachsenen intuitiv durchschaut, wie es nur Kinder können.
Ein Kind, das sich mit den Dingen des Lebens und dem Tod beschäftigt, ein Kind, dem die Vorstellung der Unendlichkeit des Universums große Angst macht und gleichzeitig in seinen Bann zieht. Ein Kind, das sich in eine andere Umgebung beamen kann, wenn es zu laut wird und zu grell und zu bedrohlich.

Ein kleines Mädchen mit dünnen Lauchhaaren, das so gerne lange und lockige Haare hätte und sich eine Strumpfhose auf den Kopf zieht und die Wollbeine mit einer Taftschleife zu einem dicken Zopf knotet.


Je länger man ohne Pause schreibt, umso mehr tauchen Erinnerungen auf, die einen beschäftigen, nicht mehr loslassen.
Unweigerlich wird man beim Schreiben zum Medium. Mit manchen Erinnerungen will man nichts zu tun haben. Manchmal ist Vergessen die bessere Möglichkeit. Oder doch nicht?

Es gibt eine Art von Kummer, die nicht geheilt werden kann, aber die mich antreibt und gleichzeitig verwirrt. Zu vergessen würde bedeuten, die Geschichte verebben zu lassen und damit unseren Hintergrund auszutrocknen. Manchmal sind die Geschichten zu traumatisch, dann ist es besser, sie verhungern zu lassen. Das muss jeder selbst entscheiden. Schreiben ist wie mit der Vergangenheit zu telefonieren und sie in die Gegenwart zu holen. Alles wird gegenwärtig. Ist wieder da. Jetzt.

Dieser Text könnte von mir sein. Ist er aber nicht. Die große Doris Dörrie hat ihn geschrieben und mich damit im Mark erschüttert. Im positiven, im kreativen im schönsten Sinne und mich ermutigt, Erinnerungen wie Perlen auf eine Schnur innerer Wahrheit zu ziehen und daraus mein Schmuckstück zu machen.

Zu schreiben bedeutet, nicht vor der Wahrheit zu fliehen, sondern in sie zurückzufinden, schreibt Frau Dörrie.

Offenheit kann zu Verletzungen führen; aber auch zu großer Freiheit und Freude. Und last but not least zu heilsamer Unterhaltung mit Wiedererkennungswert.

Das ist die Richtung, aus der der Wind in die Segel des Ideenlese Schiffes bläst. Ein neues Projekt! Vielleicht das Buch, das zu schreiben jetzt reif ist. Schreib dir die Seele aus dem Leib, tauchte vor Monaten während einer Meditation in mir auf. So soll es sein. Schreib, Mädchen, schreib.

Die zarten, goldumrandeten Blätter beschrieben mit Geschichten, die verbinden, in dem Augenblick, in dem sie geteilt werde.

Danke an alle, die mich inspirieren. Die meisten tun es, ohne es zu ahnen.








Die Windspiele

Es war einmal vor langer Zeit, da hingen in der Pagode eines japanischen Gartens zwei Windspiele. Das eine wusste vom anderen nicht. Doch in den Nächten, wenn die Dunkelheit die Seele wachküsst, spürten beide, dass sie verbunden sind und dass die Zeit der Begegnung noch kommen würde.

Sie waren schön, die beiden Windspiele. Das eine glänzte und strahlte in allen erdenklichen Blautönen, das andere glitzerte in allen Grüntönen, die der große Farbenmeister erschaffen hatte.

Ihre eleganten Klangkörper brachten die wunderschönsten Töne hervor. Die Menschen, die den Garten zu ihrer Zerstreuung aufsuchten, freuten sich über die beiden Windspiele und klatschten vor Vergnügen in die Hände. Die Kinder lachten fröhlich auf, wenn die Windspiele spielerisch im Luftzug tanzten.

Eines Tages entschied sich der Wind, seine sanfte Brise auffrischen zu lassen. Und da geschah es, dass sich die beiden Mobiles zum ersten Mal zart berührten.

Später erinnerten sich die alten Menschen, dass in dieser Nacht ein Funkenregen aus blauen und grünen Sternen vom japanischen Garten in den Himmel gestiegen war.

Von dem Tage an, an dem sich das blaue und das grüne Windspiel berührt hatten, erstrahlten ihre Farben noch intensiver und ihre Klänge wurden noch reiner. Es begann eine schöne und unbeschwerte Zeit mit Spiel und Tanz.

Doch dann geschah es.

Über dem japanischen Garten zogen dunkle Wolken auf. Schwarz bäumten sie sich zu bedrohlichen Himmelsungeheuern auf. Der Sturm kam, wurde zum Orkan und fegte viele Stunden über das Land. Er war so stark, dass er Bäume entwurzelte, Dächer von Häusern riss und die Wellen des Meeres zu fürchterlichen Wassermonstern wachsen ließ, die alles verschlangen, was sich ihnen in den Weg stellte.

Drei Tage und zwei Nächte tobte das Unwetter über das Land, in dem einst der japanische Garten geblüht hatte.

Auch die beiden Windspiele blieben nicht verschont. Die seidenen Fäden, die ihre Figuren und Klangkörper gehalten hatten, waren vollkommen ineinander verstickt. Einige waren sogar gerissen.
Das Wasser hatte ihre Farben ausgewaschen. Sie strahlten nicht mehr und waren nur noch ein Bild des Jammers.

Da hingen sie nun. Jedes für sich in seinem Elend. Sie konnten nicht miteinander spielen und sich nicht berühren. Der Sturm hatte sie viel zu weit voneinander entfernt.

Es herrschte Flaute, absolute Windstille und eine große Hitze setzte ein. Es wehte kein Lüftchen und kein Mensch besuchte den verwüsteten japanischen Garten. So ging das viele Wochen.

Doch dann, eines Tages, die Sonne stieg gerade über den Horizont, kam ein Gärtner des Weges, blieb an der Pagode stehen und betrachtete die beiden Mobiles mit traurigen und müden Augen.  Er erinnerte sich daran, wie schön sie einst gewesen waren und wie viel Freude sie aneinander gefunden hatten. Und wie sehr sich die Menschen an ihnen erfreut hatten, die im japanischen Garten spazieren gegangen waren.

Der Gärtner war müde und seine Hände taten ihm weh, denn er hatte viele Wochen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in dem japanischen Garten gearbeitet. Jetzt wollte er nach Hause gehen und sich ausruhen. Doch die verzweifelten Windspiele rührten sein Herz. Also nahm er erst das eine, dann das andere von seinem Haken und betrachtete sie in aller Ruhe. Wie schön und heiter sie einmal gewesen waren, damals, vor dem großen Sturm.

Ganz vorsichtig, nur mit den Fingerspitzen berührte er die Figuren und versuchte die Fäden zu entwirren. Doch seine Finger waren von der harten Arbeit geschwollen und voller Blasen und er war es nicht gewohnt, mit so zarten Gegenständen umzugehen. Und er war so müde, dass ihm fast die Augen zufielen. Ungeduldig griff er zu seiner Schere.

Als er gerade den ersten Knoten aufschneiden wollte, stand plötzlich ein kleines Mädchen vor ihm. Sie sah ihn aus großen, dunkelgrünen Augen und mit ernstem Gesicht an. Der Gärtner hielt inne.

Ohne ein Wort zu sagen, nahm ihm das Mädchen sicher und vorsichtig das Mobile aus der Hand, das einst blau gewesen war. Sie legte es anmutig auf den Boden und begann, ganz langsam und achtsam, einen Faden nach dem anderen zu entwirren. Jede befreite Figur legte sie zur Seite, strich mit ihren zarten Kinderhänden darüber, gerade so, als wolle sie die Figur von Staub befreien und sie zu neuem Leben erwecken.

Und siehe da, wie durch ein Wunder kehrte die Farbe zurück.

Am nächsten Morgen ging der Gärtner schon sehr früh in den japanischen Garten. Nebel verhüllte die Morgenröte noch, wie der Schleier einer Braut das Gesicht verhüllt. Doch als er an der Pagode ankam, was das kleine Mädchen schon da. Sie war nicht allein. Ein Junge mit blonden Haaren und blauen Augen war bei ihr und reparierte ruhig und geduldig die Klangkörper des grünen Windspiels.

Es vergingen von nun an dreimal sieben Tage. Am Abend des einundzwanzigsten Tages, der Mond zeigte sich voll und prall, hatten die beiden Kinder ihr Werk vollbracht. Stolz und mit strahlenden Augen hielten sie dem Gärtner die Windspiele entgegen. Alle Fäden waren entwirrt, alle Knoten waren gelöst und eines strahle in den wunderschönsten Grüntönen und das andere in allen Nuancen von Blau.

Der Gärtner faltete seine Hände vor der Brust, verbeugte sich vor den beiden Kindern und nahm die beiden Windspiele entgegen. Er hängte sie an den schönsten Platz in der Pagode. Als er sich umdrehte, um sich von den Kindern zu verabschieden, waren sie verschwunden.

Jeden Tag besuchte der Gärtner die Windspiele in der Pagode. Es entging ihm nicht, dass ihr Klang jetzt demütiger und tiefer war als einst, und dass ihre Farben einen silbernen Glanz bekommen hatten.

Der Gärtner lächelte, faltete die Hände vor der Brust und verbeugte sich vor den beiden Windspielen. Jeden Tag.
Sein Herz öffnete sich weit und seine Seele schmunzelte bis an sein Lebensende.




Tränen in der Kaffeetasse

Er ist ein großer Mensch. Kräftig gebaut, volles Haar! Ein Mann wie ein Baum. Ich halte Abstand. Wie lange eigentlich schon und wie lange noch?

Als er davon erzählt, dass er nächste Woche das zweite Mal geimpft wird und die Reise in den Urlaub gebucht hat, spüre ich, wie der Kloß in meinem Hals anschwillt und ich fast Bitte, bitte, nimm mich mit, bettele.

Ich kann einfach nicht mehr, sagt er. Seit über einem Jahr diese Situation, ich bin am Ende meiner Kräfte.
Ich kann nicht mehr, sagt er noch einmal eindringlicher.
Kurz darauf sitze ich im Auto. Ich starte Playlist und Motor.

Passend zum Ruhrpott wirft mir Herbert einen umschatteten Blick zu, schreit seinen Schmerz raus, Liebeskummer, Flugzeuge im Bauch.
Er kann nichts mehr essen, ich schon und beiße beherzt in meinen Kirsch-Quark-Plunder. Kirschsaft und Pudding laufen mir übers Kinn, Herbert kann sie nicht vergessen, ich tröste mit einem stillen Du musst sie auch nicht vergessen, Herbert, n Scheiß musst du.

Meine Finger sind klebrig vom süßen Gebäck und kleben am Lenkrad.
Ich drücke aufs Gas. Westernhagen übernimmt. Was solls, ich lebe! Ja ich lebe, das Leben ist gar nicht so schwer. Während er sich aus Liebe zu ihr besäuft, bleibe ich so nüchtern wie möglich und heize stattdessen grölend über die A2. Komm lass uns lieben! Immer mehr.

Sonne und Platzregen wechseln sich ab. Es blitzt und kracht.

Plötzlich bin ich zuhause. Das ging wie im Fluge. Yes, you sexy Thing, säuselt Hot Chocolate im geschmeidigen Bariton und vor meinem geistigen Auge sehe ich die schwingende Hüfte in knallengen, weißen Schlaghosen.
Thank you, Babe, flirte ich zurück.

Die Nacht bringt traumhafte Inspirationen.

Und das morgendliche Zazen ersäuft in einem Lachflash vom Feinsten. Nach drei Versuchen breche ich ab, mache mir einen Kaffee und checke meine Mails.

Ich hoffe, es geht dir gut, lese ich und dann ist es endgültig vorbei mit meiner Contenance.
Ich lasse die Tränen laufen.

Mir geht es nicht gut. Ich kann nicht mehr und will nicht mehr. Diese Pandemie macht mich mürbe, dünnhäutig, ich bin erschöpft und müde und weiß manchmal noch nicht mal mehr welcher Tag ist.

Ich habe Sehnsucht nach Begegnung, nach Gesprächen mit anderen Menschen.

Es ist mir auch egal, ob das Jammern auf hohem Niveau ist.
Es ist mir egal, ob irgendwer darüber den Kopf schüttelt.

Ich habe keinen Bock mehr darauf mich damit zu trösten, dass es andere viel schlimmer getroffen hat.
Ich kann nicht mehr.

Und das zu sagen und so geschrieben zu sehen, ist der erste Schritt zurück in ein Leben, das ich als meines bezeichne.

Impflinge, lese ich in der Zeitung. Impflinge sind Menschen, die schon mindestens einmal geimpft wurden.

Ich bin kein Impfling. Zu jung. Dauert noch.

Impfling. Ich assoziiere eine Mischung aus Schlumpf und Roboter.

Sagt mal wo kommt ihr denn her?
Aus Impfhausen bitte sehr.

Wir laden unsere Batterie, dann sind wir wieder voller Energie. Wir sind die Impf-lin-ge. Düt Düt Düt Düt.

Ich checke ein. Kraftwerk. Vorher male ich mich noch blau an.
Schlumpfhausen ist überall.



Seelenmieder oder Free the shadow child

Das Telefon klingelt. Ich lasse es klingeln. Was glaubt denn dieses Smartphone, was es ist? Außerdem telefoniere ich nicht gerne. Ich weiß nie so richtig, was ich sagen soll.

Papa lese ich verschwommen, taste nach meiner Lesebrille und wische auf dem Display von links nach rechts, von unten nach oben, bis ich schließlich schnalle, dass ich einfach nur kurz die Fingerkuppe auflegen muss.

Papa? brülle ich hysterisch in mein Handy
Hallo Lotte, ich…

weiter kommt er nicht.

Ist was Schlimmes passiert, frage ich und spule in meiner Fantasie eine Katastrophe nach der anderen ab.

Es ist kurz vor der Tagesschau. Aber mein Film läuft schon.
Niemand ruft um diese Zeit noch irgendwo an. Da wo ich herkomme, telefoniert man nur im alleräußersten Notfall und überhaupt nicht, niemals nach 18 Uhr, dann ist Feierabend und die Leute wollen ihre Ruhe haben.

Und wer vor 18 Uhr den Fernseher laufen lässt, zetert es in mir weiter, der ist inakzeptabel und auf dem besten Wege zu verblöden. Gute Menschen lesen, schlechte schauen RTL2.

Oh Mann! In mir ist wieder richtig was los in der Kindergartengruppe. Mein erwachsenes Ich hat Mühe, das verängstigte Schattenkind, das gerade komplett durchdreht, im Zaum zu halten. Ritalin bitte, und zwar sofort.

Papa! hake ich gefasst nach, was ist passiert?

Na nichts, antwortet Papa. Ich wollte mich nur mal so melden, hören wie es dir geht, ob du gesund bist.

Häh? Mein Vater ruft nie an. Also selten. Meine Eltern melden sich nur, wenn es wirklich wichtig ist. Alles was nicht in die Kategorie Lebensbedrohliche Notaufnahme auf der Intensivstation, Tsunami oder Buschbrand fällt, ist es nicht wert, mitgeteilt zu werden.

Deshalb erschrecke ich meistens, wenn sie sich melden. Das kann schließlich nichts Gutes bedeuten.
Und in Corona Zeiten sowieso nicht. Papa erzählt mir unterdessen in bester Plauderlaune, dass er ein Laufband gekauft hat. Bei Amazon. Er hat es sich schicken lassen. Ging ruckzuck, zwei Tage nach der Onlinebestellung war es da. Nicht so wie früher, als man vier Wochen warten musste.

Meine Oma lässt sich auch oft etwas schicken. Tischdecken, geblümte Kittelschürzen, Bettwäsche und Handtücher für meine Aussteuer und Mieder, die hautfarben sind und vom Knie bis fast unter die Brust reichen. Oma lässt von Quelle, Klingel und Ottoversand Hamburg schicken.

Ich blättere den dicken Quellekatalog von der ersten bis zur letzten Seite durch. Das dauert ungefähr so lange, wie Oma und ihre Freundinnen zwei bis sieben Gläschen Eierlikör genossen und jede ihre Bestellkarte ausgefüllt hat.

Sammelbestellungen sind günstiger. Für eine Sammelbestellung gibt es ein großes Blatt statt einer Postkarte. Oma sammelt alle Karten ein und überträgt fein säuberlich alle Positionen auf das große Blatt.
Einmal Porto bezahlen, fünf Mieder, fünf Kittelschürzen für alle. Mädchenabend im Instagram Format anno 1970.

Nach vier Wochen bringt der Postbote ein riesiges Paket aus hellblauer Kartonage. Die Postboten bringen selten Pakete. Meistens bringen sie Briefe. Und den neuen Quellekatalog.
Was man zum Anziehen braucht, wird selbst genäht oder bei der Schneiderin in Auftrag gegeben.

Der Riesenkarton ist jetzt leer. Ich darf ihn behalten und mir daraus eine Bude aus Pappe bauen. Ich schneide Fenster und eine Tür in den Karton und male Fensterläden und eine Türklinke mit Wachsmalstiften auf die Pappe. Dann krabbele ich ausgerüstet mit Kuscheldecke und Kissen in meine neue Behausung, sehe aus dem Fenster und komme wenig später wieder rausgekrochen, um Oma zu fragen, ob sie mir ein Knäckebrot mit Butter machen kann.

Papa hat das Laufband im Schlafzimmer aufgebaut, plätschert er direkt aus der Smalltalk Quelle,  es steht neben dem Fitnessrad. Prima Sache, sagt Papa, er geht fünf Minuten, dann läuft er zwei und dann geht er wieder fünf. Super ist das. Vor allem dann, wenn mal wieder Sauwetter ist. Da will doch kein vernünftiger Mensch vor die Tür gehen und das tun sie sowieso nicht, solange sie nicht geimpf….Abbruch. Es raschelt und kruschelt und ich halte mir das Phone ein Stück vom Ohr weg.

Mama hat Papa das Telefon entrissen, ich kann gerade noch sagen, schön, dass du angerufen hast, Papa, machst du ja leider nicht so oft, da höre ich es mütterich resolut sagen.

Willst du gelten, mach dich selten. Man muss sich rarmachen, damit man etwas wert ist. Und ich gehe ja bei jedem Wetter nach draußen. Wir sind doch nicht aus Zucker. Dein Vater kauft einfach zu viel Zeug in diesem Internet.

Mama hat gesprochen und schlagartig bin ich wieder vierzehn Jahre alt. Kaum jemand aus meiner Peergroup weiß, dass ich überhaupt existiere, weil ich mich rar mache. Machen muss.

Die Fete beginnt um 18 Uhr, ich muss um Acht zuhause sein. Abzüglich der Wegstrecke bleiben mir zum Feiern ganze dreißig Minuten.
Am nächsten Morgen gehe ich in strömendem Regen und Unwetter zu Fuß zur Schule. Ich bin schließlich nicht aus Zucker.

Zwei Tage später habe ich eine Mandelentzündung und 38 Grad Fieber.
Wer feiern kann, der kann auch zur Schule! 38. Das ist fast normale Temperatur und in der Schule sitzt man die meiste Zeit.

Nein Mama, höre ich mich jetzt lauter und genervter sagen, als ich will, wenn man sich rarmacht, weiß niemand, dass es einen gibt. Sich rar zu machen heißt, nicht da zu sein! Sich rar machen ist voll Jane Austen, Mama.

Jane Austen, fragt Mama, Kind, was liest du denn da?
Warten, bis der Richtige kommt, sticken, stricken, gerader Rücken und jede Art von Wildheit unter einem bestickten Häubchen im Zaum halten, sage ich und kann an Mamas Ausatmen hören, dass sie pikiert ist und meine Ironie angekommen ist.

Ach, mein Mädchen, du warst früher schon immer so rebellisch.

Genau, denke ich, aber nur zwischen 18 und 20 Uhr und nicht an kirchlichen Feiertagen.

Gerade habe ich Selfies gemacht. Es ist nie zu spät für eine glückliche Jugend. Und ich fühle mich jung, vital und lebensfroh. Jedenfalls oft.

Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr.

Wir haben alle unsere Geschichte, die uns zu dem gemacht hat, was wir sind. Und manchmal ist es richtig harte Arbeit, sich zu trauen, das eigene Drehbuch neu zu schreiben und den Film, der an dieser einen Stelle immer wieder stehen bleibt, weiterspielen zu lassen oder sogar einen Cut zu machen. Rausschneiden, was nicht mehr reinpasst.

Die Geschichten von anderen zu kennen ist eine großartige Sache, finde ich.  Denn dann können wir erkennen, was dahintersteckt, wenn uns jemand sagt, iss doch wenigstens das Fleisch oder Das ist doch noch gut, das kann man noch nehmen oder Erst die Arbeit, dann das Vergnügen oder Schuster bleib bei deinen Leisten oder eben auch Willst du gelten, mach dich selten.

Dahinter stecken Angst, Trauer, Scham und Schmerz. Hunger, Verlust und das pure Überleben. 

Das Schöne am Leben ist, dass wirdie meiste Zeit unseres Daseins die Möglichkeit haben, Verantwortung für uns selbst zu übernehmen und das, was unsere Eltern uns mitgegeben haben weiterzuentwickeln und für uns im besten Sinne zu heilen.

Und das sollten wir tun!

Wir sind nicht die Gefangenen von Glaubenssätzen. Wir sind keine hilflosen Kinder mehr. Wir sind frei. Es ist nie zu spät für eine gute Kindheit und glückliche Jugend.

Und deshalb mache ich jetzt noch ein Selfie oder zwei, einfach so, weil es mir Spaß macht. Und dann lege ich die Füße dahin, wo es mir beliebt.

Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst?

Sogar Papa stellt seine erstmal auf das neue Laufband. Free the shadow child.














Der Pieks & Das Danach

Sie ist fein wie ein Haar. Nicht wie eines meiner Haare, die sind so fein, dass Spinnweben im Vergleich wie dicke Schiffstaue anmuten.

Der Pieks ist zumutbar, kaum spürbar. Ab jetzt läuft die Zeit rückwärts. Fünfzehn Minuten Warten auf das, was kommt. Kommen könnte. Es kommt nichts, vorerst, außer der Vorstellung, dass da was im Körper ist, das reizt, Impulse setzt, irgendwo andoggt.

Mein Herz schlägt schneller, scheint sich behaupten zu wollen. Meine letzte Impfung ist dreißig Jahre her. Der Impfpass ähnelt mehr einem Pergament aus antiken Zeiten als einem Dokument der Gegenwart.

Impfungen sind nicht mein Ding. Diese ist ein Akt der Solidarität. Auch.

Heute schmerzen Arm, Kopf und Glieder.

Der Countdown ins alte Leben hat begonnen und ich schlottere und winde mich.

Will ich mein altes Leben überhaupt zurück? Die sogenannte Normalität? Das Einerlei, die Beständigkeit, die Routinen? Will ich da weitermachen, wo ich aufgehört habe?

Zurück in die Uni? Strafrecht? Philosophische Abhandlungen und Dispute?
Ich häute mich.

So wie es war, will ich es nicht mehr. Aber was will ich wie? Ist es nicht schon zu spät im Leben, darüber noch einmal oder immer noch nachzudenken? Müsste das nicht längst abgeschlossen sein?

Diese vielen Monate von Homeoffice und sozialer Distanz haben Schatten geworfen, zu viele Schatten.
Ich brauche Sonne! Ich brauche Leichtigkeit! Ich brauche Freiheit! Und ich brauche Mut, viel mehr Mut, Nein zu sagen. Und noch viel mehr Mut, Ja zu sagen zum Leben und zur Lebensfreude.

Diese Zeit hat Krater gerissen, tiefe Krater.
Ich brauche Brücken.

Der Rückzug hat Fragen gestellt, so eindringlich und deutlich,
dass ich antworten muss und vor allem will, und zwar ehrlich, wahrhaftig und wohlwollend; mir selbst gegenüber.

Menschen sind gegangen, aufgetaucht, abgetaucht. Aus Ahnungen, Vermutungen und Sehnsüchten sind Erkenntnisse erwachsen und Entsccheidungen gefällt worden. Manche still, manche deutlich vernehmbar.

Sie lassen sich nicht rückgängig machen. Sie machen deutlich, wofür ich stehe, was meine Werte sind, meine Ressourcen, meine Glaubenssätze.

Ich fühle mich angestochen. Mir wird warm und ein wenig schwindelig.
Der Countdown läuft.
Ich atme ein und aus, schließe die Augen, meine Seele oder das, was ich dafür halte, lächelt, meine Lippen tun es ihr gleich. Loslassen.

Ist es lächerlich zu sagen, dass es Spaß zu machen beginnt, erwachsen zu werden?
Nein. Nichts und niemand ist lächerlich. Ich schon gar nicht.

Bin ich spät dran? Nein. Ich komme. Ich bin. Zur rechten Zeit am rechten Ort.



Impülschen

Was kommt dabei raus, wenn was rauskommt, unbedacht überdacht, angedacht, nicht vor- und nicht nachgedacht, mit ohne Bedacht ohne Mittel zum Zweck?

Ein Kribbeln im Bauch, im Herz, im Irgendwo und Überall und tiefer und höher und weiter?

Strahlendes Feixen und lustiges Krakelen im Seelengebälk, das sich biegt vor Lachen und Niesen vom Duft der Blüten und Säfte?

Ein Sprudeln von Wörtern, die Worte nicht sind und nicht werden, geboren aus Nichts, einem Hauch von Flirt mit dem Sein, dem puren, das alles kann und will und nichts von alledem?

Und jetzt?
Mehr und als oder, gleichwohl, gleich viel, gleichgültiges Strömen.

Es macht Spaß, zu leben, zu sprudeln, zu lieben vor dem Sterben.