Der Tag an dem der Philosoph mich striff

An einem Tag, es war im Mai,
ich ging auf meinem Weg,
da traf ich, völlig unverhofft,
'nen Typen, der war schräg.

Sein Haar schlohweiß, wie sein Gewand,
die Augen blau, der Blick charmant,
bat er mich drum, mal stehen zu bleiben,
er wolle mir nur kurz was zeigen.

Wie ich nun bin, kam ich ins Stutzen,
fragte mich still nach einem Nutzen,
da hob er an, er würde hoffen,
ich sei für neue Perspektiven offen.

Na gut, sprach ich, dann trau ich mich,
und sah ihm klar ins Angesicht, 
das sich mit Lächeln überzog.
Und schon begann ein Dialog.

Er bot mir an, ein Stück zu schreiten,
Bewegung, sei nicht abzustreiten,
mache den Kopf, Herz, Seele frei.
Okay, sprach ich, ich bin dabei.

Wer bist du, und wenn ja, wieviele?
Gehören Triebe stets zur Liebe?
Was ist der Wille?
Ist er frei?
War erst die Henne, dann das Ei?
Ist die Moral geprägt von Strenge?
Und Freiheit die, die Kette sprenge?

Die Zeit wurde bedeutungslos,
ermüdet fielen wir ins Moos,
schlossen die Augen, schliefen ein.
Es muss ein Traum gewesen sein.

Vielleicht aber auch nicht.
Erkenntnis ist zwar keine Pflicht.
Doch seit dem Tag bin ich erpicht,
den Dingen auf den Grund zu gehen.
Sie vielseitig mir anzusehen.
Gesetztes auch zu revidieren.
Empfehlung auch mal ausprobieren.

Seit jenem Tag in jenem Mai,
da ist viel Zeit vergangen.
Der Philosoph hat mich gelehrt,
nach jedem Tief neu anzufangen.

So ist die Ganzheit nun einmal.
Hoch auf den Berg, hinab ins Tal.
In Freude ganz so wie im Schmerz.
Dem schrägen Typ gehört mein Herz.

(c) ideenlese

Liebestaumel

Benommen vom Taumel der Faszination 
des Erkennens, dass die absolute Wahrheit
jenseits aller Worte und Bilder verborgen
liegt.

Wie ein mildes Lächeln erst, im Schlaf,
das auf den Kuss des Erwachens vertraut
und im Gewandt reiner Liebe
anhebt, zu einem Lachen.

Von dort hinein in den Taumel der Freude,
berauscht von der klaren Sicht jenseits aller Worte und Bilder.

(c) ideenlese 2021





Tragbar

Trag mir nichts nach
und auch nicht vor.
Schenk mir ganz einfach
nur dein Ohr.

Und wenn‘s dir nicht
zu viel erscheint,
auch Herz, Verstand
und Lebenszeit.

Lass uns vom Staunen
oft berühren
und gegenseitig
uns verführen.

Zu freiem Geist
tiefem Vertrauen
zu Toleranz und
offenem Schauen.

Dann trägt uns Liebe,
Freundschaft plus,
dann trägt uns Wille
und nicht Muss.

(c) ideenlese 2022

Kaffee mit Schopenhauer

Er kommt ohne Ankündigung und nimmt selbstverständlich am Kopfende des Tisches Platz. So, als hätte er es schon immer auf diese Art getan. So, als sei es einzig und allein sein Platz, nicht dazu angetan ihm streitig gemacht werden zu können.

Offensichtlich der Aufwand, den er mit seiner Morgentoilette betrieben haben muss. Sein Haar in exzentrische Form gebracht, sein Anzug ein Kostüm, eine anmutige Zumutung, ein Aufzug, unbestechlich in seiner Eleganz längst vergangener Zeit.

Arthur, sage ich, wie schön, dich zu sehen. Es ist ein Weilchen her.

Ich straffe meinen Rücken und hebe das Kinn um einige Millimeter.
Arthurs Blick trifft mich und lässt mich Stellung und Contenance halten.

Du weißt, beste Freundin, erhebt er die Stimme, was ich vom Weibe halte, nicht wahr?
Du weißt es nur zu gut, dass ich ergo nicht darauf aus bin, hier und heute mit dir zu disputieren. Noch dazu, wo du dich ganz offenkundig nicht bemüßigt fühlst, dich meines Besuches mit angemessener Kleidung und Staffage würdig zu zeigen.

Arthur, erwidere ich so sanft wie möglich, willkommen in meiner Welt! Obschon ich deinem Geiste sicher unterlegen bin, so denke ich schon, dass uns ein kleiner, feiner Disput beiderseitigen Genuss bescheren könnte. Selbstredend geführt durch deine Brillanz. Und, geschätzter Arthur, jede Zeit hat ihre Eigenart und Mode.
Mutig fahre ich im Plauderton fort.

Deine Reise durch die Zeit hierher in mein bescheidenes Haus war lang, du musst erschöpft sein an Geist und Gliedern. Erstmal einen Kaffee? Schwarz? Mit Milch? Soja, Mandel, Hafer? Vielleicht einen Zwieback dazu? Ich habe noch einen Rest köstlichen Holundergelees im Kühlschrank.

Arthur hebt fragend und streng zugleich die rechte Augenbraue und ich meine ein winziges Zucken seiner Mundwinkel als angedeutetes Lächeln identifizieren zu können.

Schon der Anblick der weiblichen Gestalt lehrt, dass das Weib weder zu großen geistigen, noch körperlichen Arbeiten bestimmt ist, zitiert Arthur sich selbst und setzt dann fort, du darfst mir einen Kaffee andienen, meine Beste, schwarz.

Sehr gerne, lieber Arthur.

Und dann sitzen wir eine Weile beieinander und nachdem ich Arthur erklärt habe, was ein Kühlschrank ist, taut er auf und erzählt mir von seiner unglücklichen Liebe zu Karoline, damals, als er einundzwanzig und sie, elf Jahre älter als er, so unerreichbar war.
Diese unerreichbare und unerfüllte Liebe, so gibt Arthur zu, nachdem wir von Kaffee zu Portwein übergegangen sind, hat ihn zynisch werden lassen. Die Genitalien, sagt Arthur schließlich mit schwerer Zunge, die Genitalien sind viel mehr als irgendein anderes äußeres Glied des Leibes bloß dem Willen und gar nicht der Erkenntnis unterworfen.

Auch nicht der Erkenntnis der Lust und der Vereinigung  von scheinbaren Gegensätzen? frage ich nach.
Oder, frage ich weiter, als Energie höherer Instanz, die der Erkenntnis näher ist als dem individuellen Willen?

Arthur schaut mich verständnislos an und eine Träne rinnt ihm über die Wange, als er meine Hand nimmt, einen Kuss andeutet und sagt: Ach Christine, was die Weiber betrifft, so war ich diesen sehr gewogen – hätten sie mich nur haben wollen.

Und dann lassen Arthur und ich den Dingen ihren Lauf, allein die leere Portweinflasche ist unser Zeuge.

Quelle Zitate: https://www.aphorismen.de/zitat/4182