Heute Nacht

Im Traum heute Nacht,
wie verkehrt war die Welt,
tatsächlich von oben
auf unten gestellt.

Die Kriegsfürsten trugen
samt der Lobbyisten
Pakete und Post aus
und waren am schwitzen.

Politiker ernteten Spargel
vom Feld und putzten
Toiletten für so gut
wie kein Geld.

Vorstände und Aufsicht
von etlichen Banken,
sah man am Tritt vom
Müllwagen schwanken.

Der Notstand in Pflege
war bald keiner mehr,
der Bundestag schickte
Ersatzkräfte her.

So sind seit heut Nacht
viele Stellen im Land,
neu dotiert, neu justiert,
jedenfalls sehr vakant.

Pflege statt Waffen,
geht wohl nur im Traum,
Ich stelle es dennoch
zum Gespräch in den Raum.

(c) ideenlese

Mundus ergo sum

Den Besen schwing ich,
früh am Morgen,
und fege, gründlich,
alle Sorgen,
zusammen auf ein’ Haufen.

Sodann schau ich
den Dreck mir an,
mich nicht vor ihm
verstecken kann.

Da sehe ich den
ganzen Schmutz,
der mir stets dient,
als Putz und Schutz.

Im Fegen liegt
ein Zauber.
Danach fühl ich mich
sauber,
verschwunden blinder Fleck.
Und Morgen?
Neuer Dreck.

(c) ideenlese

Kalter Entzug

Kalter Entzug. Eine Satire über das härteste Experiment, seit es Experimente gibt.
Wie fühlt es sich an, vierundzwanzig Stunden ohne zu leben? Ist das überlebbar? Überschreite ich damit nicht Grenzen, hinein in Gefilde eines Vakuums? Vakuum, das ist doch das ohne Luft, ein luftleerer Raum. Darin ist Überleben nicht möglich. Oder doch? Wie überlebe ich in einem Vakuum?

9 Uhr.
Ich trinke ein Glas Wasser, wie jeden Morgen, hocke mich erst aufs Klo und dann auf die Bank, die Meditationsbank, mit jeder Bank ein anderer Deal, eine andere Geschichte.
Die Hündin atmet laut hörbar durch den Türschlitz. Ich bin dein Hund, lass mich hier rein, damit ich du mich rauslassen kannst.
Na gut.
Also drehen wir unsere Runde durch den Garten. Das Gras ist feucht, meine Füße auch, Vogelgezwitscher kurz vor dem Dezibelalarm, ansonsten Stille.
Erste Gedanken daran, dass heute Disziplin auf der Agenda steht.
Zweifel. Schaffe ich das? Gemeinheiten irgendeiner Hinterbänklerin aus dem Team: Du? Never. Nope. Das schaffst du nicht. Ich wette! Spätestens um 11 schütteln dich erste Entzugserscheinungen.

Ich dusche, mache das Radio an und wieder aus. Zu viel Information, zu laut, zu schrill. Und Spotify geht ja nicht, weil, Smartphone ist ja aus. Mir kommen die Tränen, ich reiße ein Blatt Klopapier von der Rolle und schneuze in lautstarker Verzweiflung hinein.

Kaffee, ein paar Früchte, erste Notizen und die Tageszeitung, Methadonprogramm.
Es liegt oben, du brauchst nur aufzustehen und in dein Zimmer zu gehen. Da liegt es. Auf dem kleinen Tisch neben dem Lesesessel. Diabol,o der heiße Feger, hält Hof.

Laut höre ich mich an mich selbst gerichtet sagen, Ach, übrigens, heute bin ich nicht zu erreichen.
Und da es in meinem inneren Team mehr Stimmen gibt, als mir lieb sein kann, antworte ich mir auch gleich – selbstredend:

Warum bist du nicht zu erreichen?
Ich lasse mein Smartphone aus.
Wie aus?
Ganz aus.
Ganz aus? Aber warum denn?
Ich lege einen Fastentag ein.
Du brauchst doch einfach nur nicht draufzugucken.


Oh Mann! Das war ja klar.
Ja, auch in meinem Team sitzt dieser neunmalkluge Oberklugscheißer mit Null empathischen Fähigkeiten. Ein Typ, dem ich unter Anspannung gerne den Titel pragmatisches Arschloch gebe.
Er schüttelt dann meist nur seinen Kopf, lacht überheblich und nennt mich vulgär. Nun denn.

Dazu fehlt mir einfach die Disziplin, höre ich irgendein devotes Fräulein aus dem Off mit zarter Lispelstimme säuseln, bevor ich das Wort erheben kann.

11 Uhr.
Projekt 24 Stunden ohne ist in vollem Gange. Als das Festnetztelefon klingelt, schrecke ich zusammen, schleiche mich in geduckter Haltung zum Telefon, fixiere mit starrem Blick das Display, verharre, registrierte die Anruferkennung und lasse klingeln.
Ich zähle mit. Nach 222 Klingelzeichen endlich Ruhe.

Dann kommt das schlechte Gewissen. Ich hätte drangehen sollen.
Aber ich telefoniere ungern. Mit mir am Telefon plaudern zu wollen, führt zu Frust, Enttäuschung und dem Gefühl, in mir eine Person am anderen Ende der Leitung zu haben, die keiner sozialen Kommunikation fähig ist. Sorry.
Jeder mittelmäßig programmierte Telefonbot stellt meine Gesprächsfähigkeit am Telefon in den Schatten. Dafür mag ich Briefe und Eulen und antworte auch, versprochen!

Wozu brauche ich eigentlich ein Smartphone? Angesichts meiner Aversion gegen das Telefonieren ist die Frage eindringlich, umso berechtigter, als ich schon wieder daran denke, dass es da ist, irgendwo in der Wüste des ewigen Offs.

Die Zweifel an diesem bescheuerten Fastenprojekt lassen die Muskeln spielen.
Albern das Ganze. Kindisch, komplett überflüssig. Ich gehe jetzt nach oben, hole mein Handy, mache es an und fotogafiere meine leere Espressotasse.
Machst du bitte nicht! spricht die besonnene, ruhige, souveräne und sowas von kluge und langweilige Beraterin in mir.
Pfff.

11:15 Uhr.
Mit zitternden Händen und kalten Schweißperlen auf der Stirn schalte ich mein Smartphone an.
Deine Bildschirmzeit beträgt im Tagesdurchschnitt..., verschwommen sehe ich eine derart exorbitante Zahl, dass mir schwarz vor Augen wird.
Ich falle in einen hunderjährigen Schlaf.
Vielleicht küsst mein Smartphone mich wach, denke ich im Fallen, der Akku, denke ich, leer, denke ich, genauso leer wie die verkrümelte Prinzenrolle, denke ich.
Und das ist alles, woran ich mich erinnere.
Reset. Zurück auf Werkseinstellungen. Geschützter Modus.

(c) ideenlese

Dancing with myself

Dieser Text enthält nicht nur Spuren von Ironie und Galgenhumor. Er strotzt geradezu davor!

Wenn nix weiter hilft, dance with yourself, schreibt Steffen mir, verlinkt mich mit Billy Idol und versorgt mich mit etlichen Daumen hoch, Herz-, Umarmungs-,Bier-, Wein- und Cocktail Emojies.

Ja Emotionen kann ich. Schwache Nerven? Check. Drama? Aber gerne doch. Sentimentale Orgien? Gimme more. Schließlich kann man so wunderbar schnulzige Gedichte schreiben, wenn das Herz wund, zerfetzt und halbtod schwächelnd auf kaltem Beton pulsiert.

Krieg, Klima und andere Katastrophen machen aus mir seit Tagen einen schluchzenden Alien. Schlimmer noch, eine in Mitleid und Weltschmerz ersaufende, graumelierte Maus.

Ich kann also aus dem Vollen schöpfen und mich den schmachtenden und leckenden Zungen durchdrehender Geschehnisse vollumfänglich hingeben.

Eine Sinnkrise ist doch erst dann herrlich ergiebig, wenn sie sich an einem flankierenden Umfeld reiben und sich on top mit einer ordentlichen Tüte Selbstmitleids zudröhnen kann.

Während ich mit dem Idols Billy das Lattenrost in Schwingung versetze höre ich von weit her den lieblichen Ruf meines Mitbewohners Frrrüüühstück!!!

Well I wait so long for my love vibration and move me and myselft die Treppe hinunter, mache mir einen superxxlstrong Kaffee, was sich auch als sinnvoll erweist, denn kaum habe ich es mir in der freudigen Erwartung gemütlich gemacht, gleich in mein halbes Hönigbrötchen beißen zu dürfen, beginnt mein Gegenüber, mich in gesellschaftspolitische Themen zu verstricken. Bin isch roter Faden? Nope.

Ungünstiges Timing, sehr ungünstig, ungünstigst ever, befinde ich mich doch in den lustvollen Nachwehen köstlich schmerzhafter Emotionskontraktionen.

Ich diskutiere nicht mehr, höre ich mich mit beängstigend ruhiger Stimme sagen, ich befinde mich in einem privaten Schweigeseminar. Just for your Info.

Und wie willst du den Hund rufen, wenn er wieder irgendeinen Scheiß macht? Mit Telepathie?
Die Sanfte in mir bekommt die erste Hitzewallung und verlangt aus tiefster Sehnsucht nach narkotisierenden Wattebäuschen; gerne stinkend und klebend wie Federn auf Pech und Schwefel, die sich dem Gegenüber anhaften mögen. Telepathie. Ganz genau.
Gib mir ein Äon.

Und überhaupt – ich gebe dir eine Stunde. Länger hältst du sowieso nicht durch. Du kannst gar nicht anders, als deine Sprüche in die Welt zu pusten! Das wäre ja der zuverlässige Hinweis auf dein vollendetes Ableben, wenn du deine lieblichen Ideen nicht mehr verbreiten würdest.Verbal, viral und überhaupt.

Ich setze meine Sonnenbrille auf, lächle und winke mit königlicher Geste zum gegenüberliegenden Tischende. Das werden wir ja sehen, liegt mir auf den Lippen und ich kann mich nur knapp zurückhalten, es nicht laut zu sagen. Uhrenvergleich: Minute eins ist noch nicht um.

Zurück im Bett, Notebook auf den Oberschenkeln, Billy in Dauerschleife auf den Ohren und Kuschelhäschen auf dem Bauch, huscht mir ein Lächeln übers gequollene Antlitz, und ein Kichern erbarmt sich meinem erbärmlichen Zustand.

Da erscheint er auch schon. Zuverlässig und wie immer strahlend schön. Der Favorit unter meinen zahlreichen Liebhabern; mein unkaputtbarer Humor. Durchtrainiert, kein Gramm zu viel auf den Rippen, volles, hüftlanges Haar, das volle Programm.
Er küsst mich, wie nur er es kann und steckt mir dann den Ring unserer unendlichen Verbindung an den Mittelfinger. Ich hatte die beiden, also sexy Humor samt Ring, in die Komposttonne geworfen. Intellektuelle Fehlleistung at its best, denn Humor und Edelmetall sind bekanntlich unkompostierbare Helfer in verzweifelten Phasen.

Geht doch.

Und während sich Emotion und Intellekt zaghaft bei den Händen nehmen und sich, wie schon tausendmal zuvor verliebt versprechen, von nun an wirklich und bis ans Ende … in guten wie in schlechten Zeiten….. blablabla, höre ich mich laut singen Heaven must be missin‘ an angel; Selbstverliebtheit for runnaways.