Kalter Entzug

Kalter Entzug. Eine Satire über das härteste Experiment, seit es Experimente gibt.
Wie fühlt es sich an, vierundzwanzig Stunden ohne zu leben? Ist das überlebbar? Überschreite ich damit nicht Grenzen, hinein in Gefilde eines Vakuums? Vakuum, das ist doch das ohne Luft, ein luftleerer Raum. Darin ist Überleben nicht möglich. Oder doch? Wie überlebe ich in einem Vakuum?

9 Uhr.
Ich trinke ein Glas Wasser, wie jeden Morgen, hocke mich erst aufs Klo und dann auf die Bank, die Meditationsbank, mit jeder Bank ein anderer Deal, eine andere Geschichte.
Die Hündin atmet laut hörbar durch den Türschlitz. Ich bin dein Hund, lass mich hier rein, damit ich du mich rauslassen kannst.
Na gut.
Also drehen wir unsere Runde durch den Garten. Das Gras ist feucht, meine Füße auch, Vogelgezwitscher kurz vor dem Dezibelalarm, ansonsten Stille.
Erste Gedanken daran, dass heute Disziplin auf der Agenda steht.
Zweifel. Schaffe ich das? Gemeinheiten irgendeiner Hinterbänklerin aus dem Team: Du? Never. Nope. Das schaffst du nicht. Ich wette! Spätestens um 11 schütteln dich erste Entzugserscheinungen.

Ich dusche, mache das Radio an und wieder aus. Zu viel Information, zu laut, zu schrill. Und Spotify geht ja nicht, weil, Smartphone ist ja aus. Mir kommen die Tränen, ich reiße ein Blatt Klopapier von der Rolle und schneuze in lautstarker Verzweiflung hinein.

Kaffee, ein paar Früchte, erste Notizen und die Tageszeitung, Methadonprogramm.
Es liegt oben, du brauchst nur aufzustehen und in dein Zimmer zu gehen. Da liegt es. Auf dem kleinen Tisch neben dem Lesesessel. Diabol,o der heiße Feger, hält Hof.

Laut höre ich mich an mich selbst gerichtet sagen, Ach, übrigens, heute bin ich nicht zu erreichen.
Und da es in meinem inneren Team mehr Stimmen gibt, als mir lieb sein kann, antworte ich mir auch gleich – selbstredend:

Warum bist du nicht zu erreichen?
Ich lasse mein Smartphone aus.
Wie aus?
Ganz aus.
Ganz aus? Aber warum denn?
Ich lege einen Fastentag ein.
Du brauchst doch einfach nur nicht draufzugucken.


Oh Mann! Das war ja klar.
Ja, auch in meinem Team sitzt dieser neunmalkluge Oberklugscheißer mit Null empathischen Fähigkeiten. Ein Typ, dem ich unter Anspannung gerne den Titel pragmatisches Arschloch gebe.
Er schüttelt dann meist nur seinen Kopf, lacht überheblich und nennt mich vulgär. Nun denn.

Dazu fehlt mir einfach die Disziplin, höre ich irgendein devotes Fräulein aus dem Off mit zarter Lispelstimme säuseln, bevor ich das Wort erheben kann.

11 Uhr.
Projekt 24 Stunden ohne ist in vollem Gange. Als das Festnetztelefon klingelt, schrecke ich zusammen, schleiche mich in geduckter Haltung zum Telefon, fixiere mit starrem Blick das Display, verharre, registrierte die Anruferkennung und lasse klingeln.
Ich zähle mit. Nach 222 Klingelzeichen endlich Ruhe.

Dann kommt das schlechte Gewissen. Ich hätte drangehen sollen.
Aber ich telefoniere ungern. Mit mir am Telefon plaudern zu wollen, führt zu Frust, Enttäuschung und dem Gefühl, in mir eine Person am anderen Ende der Leitung zu haben, die keiner sozialen Kommunikation fähig ist. Sorry.
Jeder mittelmäßig programmierte Telefonbot stellt meine Gesprächsfähigkeit am Telefon in den Schatten. Dafür mag ich Briefe und Eulen und antworte auch, versprochen!

Wozu brauche ich eigentlich ein Smartphone? Angesichts meiner Aversion gegen das Telefonieren ist die Frage eindringlich, umso berechtigter, als ich schon wieder daran denke, dass es da ist, irgendwo in der Wüste des ewigen Offs.

Die Zweifel an diesem bescheuerten Fastenprojekt lassen die Muskeln spielen.
Albern das Ganze. Kindisch, komplett überflüssig. Ich gehe jetzt nach oben, hole mein Handy, mache es an und fotogafiere meine leere Espressotasse.
Machst du bitte nicht! spricht die besonnene, ruhige, souveräne und sowas von kluge und langweilige Beraterin in mir.
Pfff.

11:15 Uhr.
Mit zitternden Händen und kalten Schweißperlen auf der Stirn schalte ich mein Smartphone an.
Deine Bildschirmzeit beträgt im Tagesdurchschnitt..., verschwommen sehe ich eine derart exorbitante Zahl, dass mir schwarz vor Augen wird.
Ich falle in einen hunderjährigen Schlaf.
Vielleicht küsst mein Smartphone mich wach, denke ich im Fallen, der Akku, denke ich, leer, denke ich, genauso leer wie die verkrümelte Prinzenrolle, denke ich.
Und das ist alles, woran ich mich erinnere.
Reset. Zurück auf Werkseinstellungen. Geschützter Modus.

(c) ideenlese

Flügelschläge, grüner Tee & Currywurst



Zwischen Geburt und Tod liegt ein Flügelschlag. Ich breite meine Arme aus und beginne zu schlagen. Ich ahme die Flügelschläge eines großen Vogels nach. Ich nehme mir viel Zeit und hebe und senke graziös meine Schwingen.
Meine verspannten Nackenmuskeln rufen mir zu: Fly, Baby, fly.

Was, wenn ich gleich abhebe?

Ein bisschen fliegen, für eine Weile schweben, Freiheit von all dem Zeug und Kram, von dem ich mich binden und in Beschlag nehmen lasse?

Misses Jott schnuppert an der Verlockung der Freiheit, niest vom wohligen Kribbeln in der Nase und genießt den warmen, strahlenden Duft.

Mit geschlossenen Augen spüre ich nach, wie wenig Zeit zwischen dem Auf- und Abschwingen der Flügel liegt.
Ich beschleunige und entschleunige und gleite schließlich von der Frequenz eines Kolibri Flügelchens in das behäbige Pflügen des Albatros.  Schließlich finde ich mich in der Pose eines sterbenden Schwans wieder.

Wenn ein Schwan singt, lauschen die Tiere
Wenn ein Schwan singt, schweigen die Tiere
Und sie neigen sich tief hinab, raunen sich leise zu:
Es ist ein Schwanenkönig, der in Liebe stirbt. (Karat)

Irgendwann hebt sich der Flügel nicht mehr. Und, ja, in Liebe zu sterben, das ist Vollendung.
In Liebe zu leben hat für mich den größeren Charme.

Wie viel Zeit haben wir zwischen dem Auf- und Abschwung eines Flügels? Wie viel Zeit habe ich noch?
Keine Ahnung.
Schlage ich viel zu oft mit den Flügeln? Mache ich immer noch viel zu viel Wirbel um die vermeintlich wichtigen Dinge des Lebens?

Wie wäre es, viel öfter zu segeln? Die Flügel auszubreiten und sich von Wind und Thermik tragen lassen zu lassen?
Was tue ich und vor allem was unterlasse ich in der Zeit, die ich habe. Der Flügelschlag, der zwischen Ein- und Ausatmen liegt. Bin ich am Leben, im Leben? Oder bin ich eigentlich mit meinen Gedanken und Gefühlen beschäftigt und in Vorstellungen verhaftet, die nichts oder nur sehr wenig mit dem zu tun haben, was jetzt ist und was meins ist?

Fülle ich mein Leben mit dem Credo des Müssens und Sollens? Verausgabe ich mich im Erfüllen von Erwartungen, von denen ich meine, dass sie an mich gestellt werden? Bin ich ein Wunscherfüller, ein Anerkennungsjunkie?
Suche ich unablässig nach dem ultimativen Mittel, das mich endlich glücklich macht?

Setze ich mich den abertausenden Informationen, die unablässig auf mich einhämmern wie hilflos aus, weil ich glaube, dass ich das alles wissen muss?

Ich weiß nichts, außer, dass im Kühlschrank noch eine Currywurst von vorgestern liegt, die ich jetzt essen werde. Kalt. Und dazu mache ich mir einen grünen Tee.
Komische Mischung? Ja. Komische Mischung. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

Ist vom Tier, ist zu fett, macht Cholesterin und Heißhunger auf Schokolade, die wiederum zu viel Zucker hat und auch zu viel Fett; und der grüne Tee? So, wie du ihn trinkst ist er eigentlich tot, der muss frisch sein und das Wasser darf nicht kochen, sondern maximal 70 Grad haben und ….

… und was? Fresse halten.

Wenn es dir so wie mir geht und du immer noch viel zu oft versuchst, alles richtig zu machen, gesund zu leben, den Müll zu trennen und nebenbei noch die kleine und große Welt zu retten und dir jeden unerbetenen Ratschlag zu Herzen nimmst, dann fang an, jetzt kräftig mit den Flügeln zu schlagen und deine zuverlässige Bodenständigkeit unter dir zu lassen.

Etwas unter sich lassen. Ist das nicht auch die Bedeutung von pinkeln? Wunderbar. Ganz genau. Passt doch.

Dreh deine Lieblingsmusik auf, tanze, singe und lass mal kribbeln. Spür mal, was dir ein Kribbeln in der Nase und tiefer verursacht. Und dann welcome an dem Ort, an dem du dich selbst triffst. Da, wo es strahlend, warm und lustig ist. Da, wo du weder neue Klamotten oder anderen Schnickschnack brauchst, um dich gut zu fühlen.

Da, wo du kalte Currywurst essen und grünen Tee trinken kannst, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.
Cheerio!






Langeweile

Sie weilte kurz
dann zog sie sich
in voller Länge aus.
Nackte Routine
nun im Blick.
Anregung
schlich sich raus.

Da ist sie lang,
so sagt man mir,
und weist mich,
wissend Blick.
Ich mach mich auf
suche nach ihr,
sie ist
mein Gegenstück.

Wenn eine Weile
lang und leer
an Oberflächen sucht,
dann geh ich durch
der Hintertür,
dann bin ich
auf der Flucht.

(c) ideenlese 2022






Somnolenz

Dauer dämmernden Gewusels,
Zwischen Welten, Traumes Fusel,
Zeit wie Zuckerwattes Fäden,
die den lockend Geist verkleben.

Ruhe, Aus, bis Weiteres,
Treiben lassen, ohne Stress,
Mittel die durch Venen rauschen,
Somnolenz mit Schmerz zu tauschen.

Weltgeschehen Randnotizen,
Menschenbilder wie Novizen,
Leistung bringen, Perfektion?
Funktionieren? Bau nen Klon.

Seele schmunzelt, Rosenrotes,
Blühend leben, das was tot ist,
Rest in Peace und sei bedankt,
Lass den Spaß jetzt aus dem Schrank!

(c) ideenlese 2022


Frau Mauerblum & der Olivenbaum



In Mauers Schatten finden sich,
bescheiden und geflissentlich,
stets diese kleinen, zarten Blüten,
die vor der Sonne sich gern hüten.

Refugium ihr Schattenreich,
statt bunt bleiben sie gerne bleich,
da sieht sie niemand,
schlimmstenfalls
bricht ihnen jemand nur den Hals,
weil man mit Unkraut sie verwechselt,  
und daraufhin sie kurzum häckselt.
 
Jedoch, so hörte ich vor Tagen,
’nen Gartenfachmann kundig sagen,
gibt es in dieser Gattung Kraut,
mal eine, die sich etwas traut.
So auch Pauline Mauerblum,
die sich mit ihrem Mauertum
nur schwerlich anzufreunden dachte
und sehr viel lieber schallend lachte.

Vor Albernheiten jeder Prägung,
zog sie deshalb auch in Erwägung,
sich ihren lang gehegten Traum,
vom Sein unterm Olivenbaum,
statt an der Mauer zu verdorren,
als Vision nun festzuzurren.

So zupfte eine milde Hand,
sie kürzlich weg vom Mauerrand,
und pflanzte sie,
was für ein Traum,
direkt unter gewünschten Baum.
Nun blüht sie auf mit sonniger Miene,
Frau Mauerblum, genannt Pauline.

(c) ideenlese

Labyrinth der Lückenschlüsse

Mittendrin im Labyrinth,
überzeugt,
dass man wohl spinnt,
weil, wo eben noch ein Weg,
plötzlich eine Wand nun steht.

Also umdrehen, neu justieren?
Einen anderen Weg probieren?
Und die Kurven und die Biegen,
irgendwie dann doch noch kriegen?

Bleibt man stehen, still und starr,
weil, was eben war,
uns von jetzt auf gleich entweicht,
und dem Leben nicht mehr gleicht,
das mal unser Leben war.

Mittendrin im Labyrinth,
eben noch ein kleines Kind,
Jugend wie im Flug vergangen,
als Erwachsener angefangen,
sind wir flux im Kreis der Greise.

Sind da jetzt noch Lebenslücken?
Ist noch was zum Geraderücken?
Etwas, das wir sehr vermissen?
Und anstatt der Ruhekissen,
wünschen wir uns Lückenschlüsse.

Mittendrin in Labyrinthen,
die mit Tücken und mit Finten,
uns in ihre Gänge locken,
und um ihren Ausgang zocken.

(c) ideenlese





Gehen lassen


Es ist der Liebe Freiheit nur,
die lebt in meinem Streben,
und diese leitet mich fortan,
in Ruhe durch das Leben.

So lass ich dich nun gehen,
und eine Weile treiben,
im Strom echten Erkennens,
still bin ich, köstlich Schweigen.

Und morgens geht die Sonne auf
und abends wieder unter,
ein Glück, wenn unsere Zwischenzeit,
lebendig ist und munter.

Zum Ende, was kein Ende ist,
lass es mich deutlich sagen,
die echte Liebe werde ich
mein Lebtag in mir tragen.

(c) ideenlese