Die Besucherin

Sie steht vor der Tür,
sagt,
sie wolle zu mir.
Ich kenne sie,
nicht,
schaue ihr ins Gesicht,
sage,
Herzlich Willkommen,
fühle mich,
sehr beklommen.

Sie trinkt einen
Tee,
ich wähle
Kaffee.
Sie war lange weg,
sagt,
sie war im Versteck,
habe sich,
gut verstaut und nur
wenig getraut.

Habe
gut funktioniert,
angepasst,
stets pariert,
Perfektion angestrebt,
dabei wenig
gelebt,
mehr gedacht als,
gefühlt.

Plötzlich bin ich,
berührt,
spüre tief in ihr
Herz,
schaue ihr in die
Augen,
kann es erst gar nicht
glauben.

Will sie nicht
anerkennen,
der Impuls
wegzurennen,
doch sie lächelt,
charmant,
nimmt mich,
lieb,
an die Hand,
sagt,
Ich bin,
Teil von dir,
und das bleibe ich,
hier.

Nimm mich in,
deine Mitte,
Komm!
Wir gehen ein paar
Schritte.
Sie entscheidet zu,
bleiben,
bei mir.
Ich entscheide zu,
bleiben,
bei ihr.

Und dann gehen wir,
zusammen,
bis zum Schluss das
Versprechen,
keinen Stab mehr zu
brechen,
über Vielfalt des
Seins.

Sie und ich.
Wir sind.
Eins.

Sie trinkt Kaffee,
und ich wähle Tee.

(c) ideenlese

Rehaugen

Außer dem Zwitschern und Singen der Vögel ist nichts zu hören. Friedliche Stille. Ich atme tief und lasse meinen Blick schweifen. Dann sehe ich sie. Sie steht vor mir. Ihr ruhiger Blick begegnet meinem.  

Ihre Präsenz ist beeindruckend. Für einen Wimpernschlag sind wir vereint im Ganzen.
Mein Herz wird weit und weich und das Kribbeln, das mich warm durchströmt fühlt sich wie Glück an.

Im nächsten Augenblick stakst ein Kitz aus dem Unterholz, sucht und findet den Schutz seiner Mutter. Kind im Glück.

Sie schreitet voran. Das kleine Reh folgt ihr mit unbeholfenen Schritten. Dann verschwinden Reh und Kitz im frischen Grün des Waldes.

Mein Verstand keckert als ich ihm still erzähle, dass diese nahe Begegnung mit dem Reh und seinem Kitz kein Zufall, sondern ein Hinweis, ein Zeichen sei.

Quatsch, erwidert er barsch. Gefühlsduselei. Zufall. Halt lieber den Hund sicher an der Leine, damit er sich das Kitz nicht als Leckerli reisst.

Ich lächle nachgiebig.
Der Verstand. Ein Wichtigtuer, ein Besserwisser von unterkühlter Natur. Einer, der sich überschätzt.

Aber das sage ich ihm nicht. Denn er gehört dazu.

„Sie hat Augen wie ein Reh und sie springt wie ein Reh. Und sie ist auch so dünn wie ein Reh. Viel zu zart. Gebt ihr Lebertran.“

O-Ton im schlesischen Dialekt meiner Oma Margarete. Eine große und kräftige Frau, tief verwurzelt in der Erde, handfest, robust und gottesfürchtig. Eine Bärin.

Dank Lebertran, roh gequirltem Ei mit Zucker und sonstigen Genüssen und vollfetten Süßigkeiten des Lebens, ist meine Reh gleiche Zartheit nur noch für gute Beobachter zu erkennen.

Rehe begleiten mich.
Kein anderes freilebendes Tier berührt mich so tief wie ein Reh.
Es ist Protagonist in meinen Träumen und taucht in meinen Meditationen auf.

Das Reh und die Eigenschaften, die ihm zugeschrieben werden, erinnern mich immer wieder daran, mich darauf zu besinnen, was einen großen Teil meines Wesens ausmacht.

Meine selbstbewusste Sanftheit.
Die offene Präsenz, mit der ich durch die Welt streife und Menschen – meistens – begegne.
Und last not least meine riesengroße Herzensgüte.

Google das Ding mit dem Reh lieber mal, bevor du dich wieder in irgendwas hineinsteigerst, rät mir ungefragt mein mentaler Meister Propper aka Dottore Ratio. Na gut.

Auf der hübschen Seite Rapunzel Lounge finde ich, was mir meine Intuition längst geflüstert hat:

Dem Reh kommt als Krafttier in deinem Leben eine ganz besondere Bedeutung zu.

Es will dich in erster Linie lehren, dein Herz weit zu öffnen, damit du das Leben in all seiner Fülle voll auskosten kannst. Dies ist gerade dann wichtig, wenn du großen Schmerz erlitten hast.

  • Jetzt ist es an der Zeit, alten Schmerz, den du vielleicht auch in Liebesdingen erfahren hast, zu heilen!

Vielleicht hast du aber auch allzu lange eine unerfüllte Sehnsucht mit dir herumgetragen.

  • Nun ist die Zeit gekommen, die LIEBE (wieder) in dein Leben zu lassen und diese auszuleben.

Das Krafttier Reh will dir aber auch vermitteln, dass du dich (wieder) verletzlich machen musst, wenn du eine wahrhaftige Liebe erleben möchtest.

Als Krafttier gibt dir das Reh seinerseits viel Kraft und Zuversicht, dich ganz auf einen Menschen oder eine Situation einzulassen, um die heilenden Energien der Liebe so in dich aufzunehmen und auszuströmen.

Habe Vertrauen in dein Schicksal, in dich selbst und in die Macht der Liebe, die größte Kraft im Universum, die alles zusammenhält und die das zusammenfügt, was zusammen gehört!

Sag ich doch.
Der Verstand hat sich ins Unterholz verzogen.
Gut so.

(c) ideenlese ’22

Das Mädchen

Ein Mädchen liegt am Meeresstrand,
die Wangen blass, weißes Gewand,
Gesicht umrahmt von dunklem Haar,
dem Sterben mehr denn Leben nah.

Blutend das kleine Kinderherz,
die Lippen blau und schmal im Schmerz,
Augen in Höhlen sind weit offen,
entsagend und fernab vom Hoffen.

Erstarrt in Angst und unterkühlt,
ein Menschenkind, das nichts mehr fühlt,
Sehnsucht nach Wärme sich versagt,
und nichts mehr will und nichts mehr wagt.

Ich nehme sie in meinen Arm,
hülle sie ein, halte sie warm,
und trage sie fünftausend Meilen,
die Sonne möge für sie scheinen.

Und eines Tages, ich bin sicher,
hör ich ihr fröhliches Gekicher,
das viel zu früh sie einst verlor,
widme ihr nun mein Herz und Ohr.

Ein Mädchen tanzt am Meeresstrand,
und eine Frau hält ihre Hand,
lässt sie fortan nie wieder los.
Heilende Liebe, riesengroß.

© ideenlese

Der Tag an dem der Philosoph mich striff

An einem Tag, es war im Mai,
ich ging auf meinem Weg,
da traf ich, völlig unverhofft,
'nen Typen, der war schräg.

Sein Haar schlohweiß, wie sein Gewand,
die Augen blau, der Blick charmant,
bat er mich drum, mal stehen zu bleiben,
er wolle mir nur kurz was zeigen.

Wie ich nun bin, kam ich ins Stutzen,
fragte mich still nach einem Nutzen,
da hob er an, er würde hoffen,
ich sei für neue Perspektiven offen.

Na gut, sprach ich, dann trau ich mich,
und sah ihm klar ins Angesicht, 
das sich mit Lächeln überzog.
Und schon begann ein Dialog.

Er bot mir an, ein Stück zu schreiten,
Bewegung, sei nicht abzustreiten,
mache den Kopf, Herz, Seele frei.
Okay, sprach ich, ich bin dabei.

Wer bist du, und wenn ja, wieviele?
Gehören Triebe stets zur Liebe?
Was ist der Wille?
Ist er frei?
War erst die Henne, dann das Ei?
Ist die Moral geprägt von Strenge?
Und Freiheit die, die Kette sprenge?

Die Zeit wurde bedeutungslos,
ermüdet fielen wir ins Moos,
schlossen die Augen, schliefen ein.
Es muss ein Traum gewesen sein.

Vielleicht aber auch nicht.
Erkenntnis ist zwar keine Pflicht.
Doch seit dem Tag bin ich erpicht,
den Dingen auf den Grund zu gehen.
Sie vielseitig mir anzusehen.
Gesetztes auch zu revidieren.
Empfehlung auch mal ausprobieren.

Seit jenem Tag in jenem Mai,
da ist viel Zeit vergangen.
Der Philosoph hat mich gelehrt,
nach jedem Tief neu anzufangen.

So ist die Ganzheit nun einmal.
Hoch auf den Berg, hinab ins Tal.
In Freude ganz so wie im Schmerz.
Dem schrägen Typ gehört mein Herz.

(c) ideenlese

Die Puppe


Die blonde, kühle, wunderschöne,
die leblos,statisch, ohne Töne,
als Vorbild nicht das Wahre war,
gedanklich war sie immer da.

Sei schön, sei still, sei hübsch charmant,
und sei vor allem recht galant,
sollt es um deine Meinung gehen,
so stell dich brav auf deine Zehen.

Vermeide Streit und Wiederstände,
und du wirst sehen, am guten Ende,
haut dich dein großes Herz voll um!
Kein Gleichgewicht?

Tja, Schätzchen, dumm
gelaufen, doch noch nicht zu spät.
Zieh dir die Nadeln aus dem Brain
und du wirst schmerzfrei geradestehen,
zu dir und dem was dich bewegt.

Du darfst, du kann, du hast die Kraft,
die vieles kann und manches schafft.
Die Barbie ist nur Nostalgie.
Was wichtig ist, das ist dein Chi.


(c) ideenlese