Doppelpunkt: innen




Liebe Leser: innen,

Sie ertappen mich in Elend und Verzweiflung. (Die Wahrheit ist, dass Sie nicht mich ertappen, sondern die Dramaqueen in meinem inneren Team. Aber geben Sie zu, der Satz hat was – so als Teaser?)

Ein Fragezeichen hält mich gefangen im Drehschwindel doppelpünktiger Sprachassimilation: innen. Eingeholt von der politischen Korrektheit: in, gefangen in der Netz: in des Haderns, besoffen von der guten alten Sprachgewohnheit:in, ernüchtert von der Unwill:in, die die Doppelpunkt:in seit dem Tag, als ich sie das erste Mal traf, auslöst.

Ja, meine Unlust treibt mich so weit, dass ich beginne an meiner Existenz:in zu zweifeln. Existiere ich? Und wenn ja, vor oder nach der Doppelpunkt: in.

Stop: in.

Haben wir alle den Mut, uns zu zeigen?
Sprachlich, emotional, rational?

Haben wir alle den Mut, vor allen wir Frauen, uns von unserer Nettigkeit und allgegenwärtigen, oft aufgesetzten Freundlichkeit zu verabschieden und, wenn es angesagt ist, die Führung zu übernehmen?

Weibliche Führung. Nicht eine Kopie von Männlichkeit.

Sind wir bereit, nicht nur mit dem Herzen, sondern gleichermaßen mit dem Verstand zu schauen, zu erkennen, zu benennen und zu streiten? So richtig, mit Schwert der Gerechtigkeit und so?

Haben wir den Mut, das Vielleicht gegen die Klarheit eines Ja oder Nein, einzutauschen, und zwar weil wir überzeugt davon sind, dass wir es wert sind, können und wollen, dass uns Fehlentscheidungen nicht umbringen, und dass wir auch nicht tot umfallen, wenn wir Kritik oder Ablehnung einfahren?

Haben wir den Mut, zu sagen, was wir wollen und brauchen?
Den Mut, unsere Werte durchzusetzen? Spielen wir die dümmliche Disneyprinzessin oder wollen wir erwachsene Frauen sein?
Im Leben?
Im Beruf und im Bett? Und gerade da. Weil es gerade dort besonders viel Mut erfordert, wo Scham und Sprachlosigkeit seit tausend Jahren herrschen. Eine Hürde, die es sich lohnt, zu überspringen, weil sie Ketten sprengt.

Und die lieben Männer?
Ich mag Männer. Sehr sogar! Und ganz besonders, wenn sie mutig sind. Wenn sie sich neuen Herausforderungen stellen, wenn sie ehrlich sind, wenn sie keine Lösungen parat haben, wenn sie im Kino heulen oder sagen, dass sie etwas berührt hat. Wenn sie zuverlässig sind, zugewandt, interessiert.

Männer sind tolle Freunde, Kameraden, Lebenspartner und Liebhaber, wenn wir sie lassen.

Bitte, liebe Männer, hört auf, uns Frauen Wünsche erfüllen zu wollen. Hört auf, uns zu belügen und zu betrügen, weil ihr unzufrieden seid oder keinen Bock auf Konflikte habt. Sprecht. Hört zu. Und mutet euch uns zu mit allem, was euch ausmacht. Und auch mit allem, was euch anmacht.

Singt mit uns, lebt mit uns, liebt!

Haben wie alle den Arsch und die Eier in der Hose, ja, ich wähle absichtlich diese obszön starken Worte, uns auf eine neue Art des Zusammenlebens, des Miteinanders, einzulassen?

Wir alle? Ohne Etikett: innenschwindel: in?

Ich bin eine Frau. Eine Frau mit großer Lust zum Aufbruch. Und zwar in eine ehrliche, starke und freie Beziehung zu Männern, zu Frauen, zu Menschen.

Haben wir den Mut, wir Frauen, wir Menschen, wir Männer, anzuerkennen und zu akzeptieren, dass wir alle alles in uns haben?

Eier und Herz?
Verletzlichkeit und Härte?
Liebe und Angst?

Ja. Wir haben diesen Mut.

Doppelpunkt: in. Denn nach ihr geht es erst richtig los.

Wir alle sind mutig, schön und klug genug, es echt und in Liebe und Freiheit miteinander zu versuchen.
Nicht bedingungslos, sondern zutiefst menschlich.

Die Zeit ist sowas von reif:

Und der Doppelpunkt? Dazu gut, kurz mal einzuatmen, innezuhalten und neu anzusetzen, um weiter auszuführen.