Schöne Vergänglichkeit & Reprise

Schöne Vergänglichkeit Ein Weg beginnt mit ‘ner IdeeIhr Keim, er sagt sich munter: geh!So läuft sie los mit großem MutUnd stürzt sich in die …

DichtArt CXXIX – Schöne Vergänglichkeit

🌹

Once there was a rose in summer,
Was so tender and so bright,
Even in the storm of thunder,
She was there and hold you tight.

Gave you all that she could give to,
Lost herself in gentle be,
Spend you calm and lovely moments,
Strong as every oldest tree.

When the summer turned to autumn,
Roses leaves return in earth.
Only hope and deepest love flow,
Bring her back in springs rebirth.

Once there was a rose in summer,
Loveliest you ever knew,
Smell of love you will remember,
Where you’ll stay and where you’ll go.

Don’t foget the one and only,
Rose of life and full of grace,
Still her gift is every morning,
Lovely smile upon your face.

Once there was a rose in summer.

(c) ideenlese

Abflug

Glockenhell, Gesang von Ferne,
Birkentanz im Glanz der Sterne,
sanftes Rauschen in den Wäldern,
Nebel liegt über den Feldern.

Tag und Nacht, berührtes Staunen,
in der Sphäre stilles Raunen,
Feuerfackel spielt mit Licht,
Wärme nur, verbrenn mich nicht!

Tief hinein getaucht, in Schimmer,
ist der Seele Reinheit immer,
wahrt die Wahrheit, wehrt dem Kampf,
fordert auf zum Sein im Glanz.

Sanfter Fluss, aus Quelle Schoß,
Blüten, Gräser, ruhend Moos,
Blick der Sinne schweifend weit,
Sternenstaub zum Flug bereit.

©ideenlese



Die Puppe


Die blonde, kühle, wunderschöne,
die leblos,statisch, ohne Töne,
als Vorbild nicht das Wahre war,
gedanklich war sie immer da.

Sei schön, sei still, sei hübsch charmant,
und sei vor allem recht galant,
sollt es um deine Meinung gehen,
so stell dich brav auf deine Zehen.

Vermeide Streit und Wiederstände,
und du wirst sehen, am guten Ende,
haut dich dein großes Herz voll um!
Kein Gleichgewicht?

Tja, Schätzchen, dumm
gelaufen, doch noch nicht zu spät.
Zieh dir die Nadeln aus dem Brain
und du wirst schmerzfrei geradestehen,
zu dir und dem was dich bewegt.

Du darfst, du kann, du hast die Kraft,
die vieles kann und manches schafft.
Die Barbie ist nur Nostalgie.
Was wichtig ist, das ist dein Chi.


(c) ideenlese

Dazwischen – Interpretationen

Dazwischen Hoch gelebt und tief gefallen – alles gegeben, alles genommen; den Himmel erlebt und die Hölle erfahren – viel gewonnen, viel zerronnen; …

DichtArt CXXVII – Dazwischen
between low an high
between earth and sky

between stay and go
between jam and flow

between young and old
between hot and cold

the between in me
for eternity

between now and past
just one soul at last

nothing in between
between you and me

for eternity.

(c) ideenlese 2022

Die große Mutter

Für Lieselotte


Ihr Herz weit und stark,
entspannt,
warm und strömend.
Ihr Wissen aus Tiefen,
ganz einfach betörend.

In Klarheit genossen
und in Konsequenz,
gelassenes Hoffen
mit Kuchen kredenzt.

Ihr Blick hell,
erkennend,
mit Seelengespür.
Ihr Haus eine Heimat,
mit offener Tür.

Ihr Babbeln frei raus
und gemeinhin
ne Flotte.
Ich glaube,
so war sie,
sehr groß.
Lieselotte.

Ich hörte von ihr,
hätte sie gern gekannt.
Mag sein es gelingt,
andere Zeit, anderes Land.

Dann brüht sie Darjeeling,
mit Kandis und Sahne,
Zigaretten dabei,
so ist sie, die Ahne.

(c) ideenlese

Spür die Kür


Hin und wieder muss ich alles auf den Kopf stellen.
Hin und wieder ist jetzt. Ich räume alle Bücher aus dem Regal, baue schwankende Türme aus bedrucktem Papier und verteile sie im Raum. Tausenden von Fakten, Daten, Normen und Geschichten droht der Absturz ins Chaos.

Es muss erst schlimmer werden, bevor es besser werden kann. Stimmt das? Warum muss es erst schlimmer werden? Warum kann es nicht gut sein, besser werden, sich entwickeln, zum Besten, zur Meisterschaft?

Was würde dabei herauskommen, wenn sich aus dem Sammelsurium der einstürzenden Büchertürme neue Konstellationen ergäben?

Was, wenn sich das dicke Buch der Hundepsychologie in das grazile Notenheft des Weihnachtsoratoriums verliebt oder die schwerfällige englische Grammatik sich magisch vom gleichgesinnten Steuerrecht, neueste Ausgabe, angezogen fühlte und im Überschwank der Begierden nicht mitbekäme, dass auch Das große Gartenbuch mit Sonderteil Rosenzüchtung ein Auge auf die Unberührtheit steuerlicher Normen schmeißt?

Was, wenn das Strafrechtsbuch in einer plötzlichen Erleuchtung erkennt, dass es ohne die Erotik für Dummies nicht mehr leben kann?

Das Chaos tobt im ersten Stock und hätte schon längst in irgendeine Ordnung zurückgefunden, wenn nicht im selben Raum, an der Wand gegenüber, gleich neben dem Fenster, das Klavier seinen Platz gefunden hätte. Das Instrument verführt mich. Immer. Wenn ich groß bin, werde ich Jazzpianistin. 

Anstatt aufzuräumen spiele ich schräge Akkorde und noch schrägere Melodien. Dissonante Verzögerungen, Verhinderer der Ordnung, die dieser Raum dringend braucht. Oder? Es ist der Raum, den ich brauche, um die Zeit, die ich für mich brauche, darin verbringen zu können. Es ist mein Raum.

Mit einer leeren Wand, vor deren weißer Kulisse nichts stattfindet als die tägliche Meditation. Ich brauche die Wand im Rücken und deshalb muss das Bücherregal verschwinden.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, raunt etwas, während ich versuche, meine Jazzkarriere mit einem Crescendo voranzutreiben. Meine Nackenmuskeln verspannen sich. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr, keckert es weiter.
Bullshit, sage ich laut. Lernen geht immer, bis ins hohe Alter. Schon mal was von neuronaler Plastizität gehört?

Ich lasse meinen Kopf Richtung Brust sinken, legen ihn leicht erst auf die linke, dann auf die rechte Seite, kreise die Schultern und schüttele mich wie ein Hund, der in einen Platzregen geraten ist.

Was, wenn sich Arbeit mit Vergnügen mischt? Wenn sie gemeinsame Sachen mache, unter eine Decke schlüpfen, nackt den Schlafsack am Lagerfeuer teilen?

So, wie es die Bücher der einstürzenden Türme gleich tun werden, weil sich die Hündin schnüffelnd zwischen die Büchertürme zwängt und ihre Rute aufgeregt in den Turbo schaltet.

Was, wenn ich das Gießkannenprinzip alter Glaubenssätze nicht anerkenne oder mich ihm sanft entwinde, entschwebe und im Gehen mit Blick über die Schulter sage, sorry, mit uns beiden, das passt nicht, versuch es ab jetzt bei jemand anderem, bitte, und Danke für Nichts.

Ich falte aus der flauschigen Kuscheldecke eine bequeme Unterlage und schiebe mir das Meditationsbänkchen unter den Hintern, schließe die Augen und atme. Ein und aus.

Spür die Kür, kommt aus dem Nichts. Spür die Kür! Und ich lächle, und mit dem Lächeln kommt die Erinnerung. Daran, dass da mehr ist zwischen Himmel und Erde. Mehr als das, was wir hier sehen und anfassen können. Dass wir mehr sind, als die materialisierte Schlacke, als die wir uns durch die Welt schieben.

Spür die Kür. Deine Kür. Da, wo du dich zutiefst berührt und bewegt fühlst, da geht es lang. Jetzt. Ohne Wenn und Aber.


Schönes Wochenende und bis bald.



Freistil

Das Dann und Wann keimt,
schlägt zarte Wurzeln im Entweder Oder,
blüht auf im A und O.
Das Scheitern schreitet voran
im Alles oder Nichts.

Sowohl Worte für eine Weile blühen,
in einer Farbe, ihren Duft verströmen,
so ruft das Als auch hinaus,
über den Tellerrand der Buchstabensuppe.

Comme ci, comme ça.

Wagnis des B und Folgende,
denn das A ist längst gesagt.
Freistil der Entscheidung.

(c) ideenlese

Spätes Wunder

Spätes Wunder, ideenlese by christine, 2022
Eines Tages, es ist Juni.
öffne ich mein Emailfach,
Absender Professor Peter,
meine Knie werden schwach.

Lang habe ich nach dir gefahndet,
hoffe, dass du es auch bist,
fünfzig Jahre sind vergangen,
habe dich so oft vermisst.

Wie gern hätte ich mein Leben,
lieber doch mit dir geteilt,
habe manche Sommernächte
heimlich nur von dir geträumt.

Ich wohnte in Nummer vierzehn,
du dicht dran in Nummer acht,
schreib mir wenn du kannst und möchtest,
was hast du bis jetzt gemacht?

Hi Prof, sehe ich mich schreiben,
mir geht's gut, ich bin okay,
und dann hüll ich mich in Schweigen,
weil ich es schon kommen seh.

Wir waren fünf, als wir uns trafen,
Kinderliebe, stark und tief,
lebte fort ein ganzes Leben,
Schicksal, dass sie uns jetzt rief.

Fünfig Jahre sind vergangen,
Leben ist, was Leben macht,
manches kann man neu anfangen,
anderes ist schon vollbracht.

Manchmal trinken wir 'nen Kaffee,
ab und zu auch einen Wein,
wollen für den Rest des Lebens
einfach miteinander sein.

Peter wohnt nicht in der vierzehn,
ich nicht mehr in Nummer acht,
Grau sind wir und doch wie Kinder,
Leben ist, was Liebe macht.

Hier geht es zum Anfang der Geschichte

(c) ideenlese 2021/2022

Das große Ja

Was immer auch geschehen mag,
ich sag es dir ganz klar,
dass ich stets dein Komplize bin,
mit einem großen Ja!

Ich halt zu dir und steh dir bei,
egal was du auch tust,
versteh ich dich,
selbst dann, wenn nicht,
bin da, wenn du mich rufst.

Das große Ja, das Ja, genau,
gelte dir als Versprechen,
und ein Komplizen Ehrenwort,
zu halten, nicht zu brechen.

(c) ideenlese

Feuchtwiesen


Tabus verlieren im Humor und in der Liebe an Bedeutung. Freiheit, die ich meine. Tabus verlieren auch im Krieg ihren Status, was als Anmerkung reichen muss, reichen soll.

Ich habe Angst, klar, wer kann sich davon freisprechen?

Dass die Vögel des Kummers um deinen Kopf herumfliegen kannst du nicht ändern; aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern, steht in meinem Poesiealbum, datiert 1972. Es braucht fünfzig Jahre, um erwachsen zu werden, und mehr, um zu begreifen, jedenfalls ein wenig.

Was kann ich wirklich verhindern und was wirklich bewegen?

In Phasen der Dürre sind es Menschen, die lieben und das Erinnern und intuitive Erkennen darüber freilegen, dass es das Fließen ist, was uns alle lebendig sein lässt mit allem was gerade ist.

Menschen, die lieben, leben und leben lassen, die auch sterben lassen, gehen lassen können, die schwach sind und stark aus ihren Verletzungen erwachsen und deshalb immer offener und bewusster werden.


Menschen, die für sich geradestehen, auch wenn gerade der Boden unter ihren Füßen bebt und das Herz flattert.

Wie nutzen wir die Inspiration, die auf den imaginären Feuchtwiesen in uns Blüten treibt?
Welche gemeinsame Sache nehmen wir ins Visier? Und was könnte nicht alles dabei herauskommen?

Fragen sind wie Küsse (ebd. Carmen Kindl-Beilfuß).
Es kann gar nicht lange genug geküsst und gar nicht zu wenig gefragt werden. Finde ich. Und gelacht natürlich auch – gerade jetzt, gerade hier, und vor allem heute!

(c) ideenlese 2014, überarbeitete Version 2022

Flügelschläge, grüner Tee & Currywurst



Zwischen Geburt und Tod liegt ein Flügelschlag. Ich breite meine Arme aus und beginne zu schlagen. Ich ahme die Flügelschläge eines großen Vogels nach. Ich nehme mir viel Zeit und hebe und senke graziös meine Schwingen.
Meine verspannten Nackenmuskeln rufen mir zu: Fly, Baby, fly.

Was, wenn ich gleich abhebe?

Ein bisschen fliegen, für eine Weile schweben, Freiheit von all dem Zeug und Kram, von dem ich mich binden und in Beschlag nehmen lasse?

Misses Jott schnuppert an der Verlockung der Freiheit, niest vom wohligen Kribbeln in der Nase und genießt den warmen, strahlenden Duft.

Mit geschlossenen Augen spüre ich nach, wie wenig Zeit zwischen dem Auf- und Abschwingen der Flügel liegt.
Ich beschleunige und entschleunige und gleite schließlich von der Frequenz eines Kolibri Flügelchens in das behäbige Pflügen des Albatros.  Schließlich finde ich mich in der Pose eines sterbenden Schwans wieder.

Wenn ein Schwan singt, lauschen die Tiere
Wenn ein Schwan singt, schweigen die Tiere
Und sie neigen sich tief hinab, raunen sich leise zu:
Es ist ein Schwanenkönig, der in Liebe stirbt. (Karat)

Irgendwann hebt sich der Flügel nicht mehr. Und, ja, in Liebe zu sterben, das ist Vollendung.
In Liebe zu leben hat für mich den größeren Charme.

Wie viel Zeit haben wir zwischen dem Auf- und Abschwung eines Flügels? Wie viel Zeit habe ich noch?
Keine Ahnung.
Schlage ich viel zu oft mit den Flügeln? Mache ich immer noch viel zu viel Wirbel um die vermeintlich wichtigen Dinge des Lebens?

Wie wäre es, viel öfter zu segeln? Die Flügel auszubreiten und sich von Wind und Thermik tragen lassen zu lassen?
Was tue ich und vor allem was unterlasse ich in der Zeit, die ich habe. Der Flügelschlag, der zwischen Ein- und Ausatmen liegt. Bin ich am Leben, im Leben? Oder bin ich eigentlich mit meinen Gedanken und Gefühlen beschäftigt und in Vorstellungen verhaftet, die nichts oder nur sehr wenig mit dem zu tun haben, was jetzt ist und was meins ist?

Fülle ich mein Leben mit dem Credo des Müssens und Sollens? Verausgabe ich mich im Erfüllen von Erwartungen, von denen ich meine, dass sie an mich gestellt werden? Bin ich ein Wunscherfüller, ein Anerkennungsjunkie?
Suche ich unablässig nach dem ultimativen Mittel, das mich endlich glücklich macht?

Setze ich mich den abertausenden Informationen, die unablässig auf mich einhämmern wie hilflos aus, weil ich glaube, dass ich das alles wissen muss?

Ich weiß nichts, außer, dass im Kühlschrank noch eine Currywurst von vorgestern liegt, die ich jetzt essen werde. Kalt. Und dazu mache ich mir einen grünen Tee.
Komische Mischung? Ja. Komische Mischung. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

Ist vom Tier, ist zu fett, macht Cholesterin und Heißhunger auf Schokolade, die wiederum zu viel Zucker hat und auch zu viel Fett; und der grüne Tee? So, wie du ihn trinkst ist er eigentlich tot, der muss frisch sein und das Wasser darf nicht kochen, sondern maximal 70 Grad haben und ….

… und was? Fresse halten.

Wenn es dir so wie mir geht und du immer noch viel zu oft versuchst, alles richtig zu machen, gesund zu leben, den Müll zu trennen und nebenbei noch die kleine und große Welt zu retten und dir jeden unerbetenen Ratschlag zu Herzen nimmst, dann fang an, jetzt kräftig mit den Flügeln zu schlagen und deine zuverlässige Bodenständigkeit unter dir zu lassen.

Etwas unter sich lassen. Ist das nicht auch die Bedeutung von pinkeln? Wunderbar. Ganz genau. Passt doch.

Dreh deine Lieblingsmusik auf, tanze, singe und lass mal kribbeln. Spür mal, was dir ein Kribbeln in der Nase und tiefer verursacht. Und dann welcome an dem Ort, an dem du dich selbst triffst. Da, wo es strahlend, warm und lustig ist. Da, wo du weder neue Klamotten oder anderen Schnickschnack brauchst, um dich gut zu fühlen.

Da, wo du kalte Currywurst essen und grünen Tee trinken kannst, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.
Cheerio!






Haare



Aus den feinen Löchern ragen schwarze Borsten. Die bunten Plastikröhren sehen wie fette Raupen aus, die sich hellblau, rosa und zitronengelb an den Strähnen festkrallen. Auf dem Scheitel sitzen die großen, über den Ohren die mittelgroßen und im Nacken die kleinen, wie auf einer Tribüne, dicht an dicht, bis sie alle in der Schublade unter dem Waschbecken verschwinden, getrennt von den Nadeln, die wie ein langgezogenes U aussehen.

Aus den Locken wird ein Nest toupiert und in seine Mitte, wie ein aufgeplustertes Küken, ein Haarteil gesetzt. Dutzende Haarklammern verbinden das eigene Haar mit dem fremden, sie vereinen sich zu einem Turm aus Haaren und werden mit undurchdringlichen Nebelschwaden von Haarspray und Haarnetzen, fein wie Spinnweben, in Form gehalten.

Echthaar muss es sein. Niemand fragt, woher diese echten Haare kommen, wem sie gehörten. Wem gehören die Haare? Sind die Menschen, deren Haare jetzt Haarteile sind, gestorben? Oder leben sie noch? Ich traue mich nicht zu fragen, sitze in einem Babydoll aus rosa Polyester auf dem Klodeckel aus schwarzem Kunststoff und berühre vorsichtig die drei Wickler auf meinem Kopf. Sie sträuben sich. Der Druck zwischen Wickler und Haaransatz nimmt stetig ab. Und schließlich entlassen die borstigen Lockenwickler mein seidenes Kinderhaar in seine Freiheit und kullern auf den Boden, enttäuscht über die Glätte meiner Haare oder froh, ihnen entkommen zu sein? Wer weiß das schon.

Ich malträtiere mein Spinnwebenhaar mit Dauerwellenflüssigkeit die so ätzend ist, dass mir die Augen tränen und die Kopfhaut sich anfühlt, als wäre sie unter einen Flammenwerfer geraten.

Ich färbe mir die Haare mit Henna orangerot und trage eine blonde Perücke, dazu eine schwarze Sonnenbrille und sehe aus wie ein Mitglied der RAF. Mein Vater erkennt mich nicht und macht mir die Tür vor der Nase zu.

Der Preis für Locken und lange Haare, die keine langen Haare werden wollen, ist hoch. Die dünnen, feinen Haare werden noch dünner und noch feiner. Sie legen ein Veto nach dem anderen ein, flehen darum verschont zu werden und fallen schließlich aus, weil ich ihnen nicht zuhöre, weil ich sie quäle und ihnen nichts anderes übrigbleibt.

Je mehr ich lang und lockig will, desto mehr lichten sie sich. Ein Kampf, den ich verliere.

Ihr Haar ist zu zart für eine Dauerwelle, sagt mir der Frisör. Ich bleibe stur und komme nach vier Stunden mit einer Frisur nach Hause, die wie ein aufgeplatztes Sofakissen aussieht. Die Seide ist zu trockenem Stroh geworden.

Meine Kinder erkennen mich nicht wieder und verstecken sich erschrocken hinter dem Lesesessel, und meine beste Freundin wird blass und kann ihr Entsetzen nur mit Mühe verbergen.

Bis ich herausfinde, dass mein Haar ist wie es ist und zu mir passt, weil ich bin wie ich bin, vergehen drei Jahrzehnte. Und mein Haar revanchiert sich dankbar für meine Einsicht, entspannt sich, erholt sich und wird sogar etwas voller.

Silbrige Patina legt sich über die  Strähnen meiner einst  dunkelbraunen Haare, veredelt sie wie der weiße Schimmel die Salami.

Die Patina, die mich mein Leben und mich mitten drin noch einmal mit einer ganz besonderen Geschmacksnuance verwöhnt.

(c) ideenlese


Wicht ich

Will ich
meinen BH verbrennen?
Bambule feiern
zetern, flennen?

Will ich
das Andere
schrill verfluchen?
Die Schuld akribisch
grollend suchen?

Will ich
mich opfern
für die Sachen,
mein Glück abhängig
davon machen,

Wovon ich denke,
dass ich muss?

Nope.
Damit ist jetzt Schluss.

Was ist denn wichtig
für ein Leben?
To do nach Liste,
schnelles Streben?

Selbstoptimierung,
Perfektion?
Tolles Gehalt,
doch wenig Lohn?
Sich selbst erschöpfen,
Welt gleich mit?
Mal ehrlich,
hältst du da noch Schritt?

Ich kann.
Das Meiste
kann ich nicht.
Denn ich bin Mensch,
somit ein Wicht,
wie alle anderen
Wichte auch.

Mit einem Ende,
das es braucht,
um einzusehen:
Unser Leben,
fragil,
im Geben und im Nehmen.

(c) ideenlese

Woman

 If you want me 
to recognize you
as a man,
act like one.

if you want me
to be your wife,
don't treat me
like a mother.

Without a doubt
I am strong.

But can I reveal
my weakness
to a seven-year-old?

Can I give
my devotion
to a boy?

I'm not the saint
for you,
not the mother
and not the hooker.

I am a woman.

If you don't see that,
you're not my man.

A man
who shows me
his weakness,

a man
who knows
how to take,

a man
just an honest man
who loves
deeply and tenderly.

Me,
the woman
who promised herself
to love.

(c) ideenlese 2022

Fragen an die dicke Frau

Dicke Frau
Manchmal, wenn ich wütend bin
manchmal, wenn ich traurig bin
manchmal, wenn der Frust mich quält
Weine, weil rein gar nichts geht.

Manchmal, wenn ich ängstlich bin
manchmal, wenn ich böse bin
manchmal, wenn der Zweifel beisst
Weine, weil es mich zerreißt.

Manchmal, wenn ich nicht mehr will
manchmal, werd ich starr und still.
Manchmal mache ich dann zu,
geh kaputt, will meine Ruh.

Manchmal bin ich dann so schlau
und befrag die dicke Frau:
Hilf mir, gib mir bitte Rat!
Und dann schreitet sie zur Tat.

Komm, sagt sie, an meinen Busen.
Was?, frag ich,
Ja ja, komm schmusen.
Und dann lass dich einfach gehen.
Mensch kann nur als Mensch bestehen,
wenn Gefühl er sich erlaubt,
sich des Dunklen nicht beraubt.

Wut und Hass und Groll und Schmerz
gehn auf Niere, Leber, Herz,
wenn wir sie nicht anerkennen,
toben, schreien, lästern, flennen.
Gib ihnen stets Raum und Zeit
denn sie sind dein Alltagskleid.

Manchmal, wenn ich fröhlich bin
manchmal, wenn ich glücklich bin
manchmal, wenn mir was gelingt
Freu ich mich und bin beschwingt.
Singe für die weise Frau.
Sie ist dick und sie ist schlau.

(c) ideenlese 2022

Labyrinth der Lückenschlüsse

Mittendrin im Labyrinth,
überzeugt,
dass man wohl spinnt,
weil, wo eben noch ein Weg,
plötzlich eine Wand nun steht.

Also umdrehen, neu justieren?
Einen anderen Weg probieren?
Und die Kurven und die Biegen,
irgendwie dann doch noch kriegen?

Bleibt man stehen, still und starr,
weil, was eben war,
uns von jetzt auf gleich entweicht,
und dem Leben nicht mehr gleicht,
das mal unser Leben war.

Mittendrin im Labyrinth,
eben noch ein kleines Kind,
Jugend wie im Flug vergangen,
als Erwachsener angefangen,
sind wir flux im Kreis der Greise.

Sind da jetzt noch Lebenslücken?
Ist noch was zum Geraderücken?
Etwas, das wir sehr vermissen?
Und anstatt der Ruhekissen,
wünschen wir uns Lückenschlüsse.

Mittendrin in Labyrinthen,
die mit Tücken und mit Finten,
uns in ihre Gänge locken,
und um ihren Ausgang zocken.

(c) ideenlese





Gehen lassen


Es ist der Liebe Freiheit nur,
die lebt in meinem Streben,
und diese leitet mich fortan,
in Ruhe durch das Leben.

So lass ich dich nun gehen,
und eine Weile treiben,
im Strom echten Erkennens,
still bin ich, köstlich Schweigen.

Und morgens geht die Sonne auf
und abends wieder unter,
ein Glück, wenn unsere Zwischenzeit,
lebendig ist und munter.

Zum Ende, was kein Ende ist,
lass es mich deutlich sagen,
die echte Liebe werde ich
mein Lebtag in mir tragen.

(c) ideenlese