Spür die Kür


Hin und wieder muss ich alles auf den Kopf stellen.
Hin und wieder ist jetzt. Ich räume alle Bücher aus dem Regal, baue schwankende Türme aus bedrucktem Papier und verteile sie im Raum. Tausenden von Fakten, Daten, Normen und Geschichten droht der Absturz ins Chaos.

Es muss erst schlimmer werden, bevor es besser werden kann. Stimmt das? Warum muss es erst schlimmer werden? Warum kann es nicht gut sein, besser werden, sich entwickeln, zum Besten, zur Meisterschaft?

Was würde dabei herauskommen, wenn sich aus dem Sammelsurium der einstürzenden Büchertürme neue Konstellationen ergäben?

Was, wenn sich das dicke Buch der Hundepsychologie in das grazile Notenheft des Weihnachtsoratoriums verliebt oder die schwerfällige englische Grammatik sich magisch vom gleichgesinnten Steuerrecht, neueste Ausgabe, angezogen fühlte und im Überschwank der Begierden nicht mitbekäme, dass auch Das große Gartenbuch mit Sonderteil Rosenzüchtung ein Auge auf die Unberührtheit steuerlicher Normen schmeißt?

Was, wenn das Strafrechtsbuch in einer plötzlichen Erleuchtung erkennt, dass es ohne die Erotik für Dummies nicht mehr leben kann?

Das Chaos tobt im ersten Stock und hätte schon längst in irgendeine Ordnung zurückgefunden, wenn nicht im selben Raum, an der Wand gegenüber, gleich neben dem Fenster, das Klavier seinen Platz gefunden hätte. Das Instrument verführt mich. Immer. Wenn ich groß bin, werde ich Jazzpianistin. 

Anstatt aufzuräumen spiele ich schräge Akkorde und noch schrägere Melodien. Dissonante Verzögerungen, Verhinderer der Ordnung, die dieser Raum dringend braucht. Oder? Es ist der Raum, den ich brauche, um die Zeit, die ich für mich brauche, darin verbringen zu können. Es ist mein Raum.

Mit einer leeren Wand, vor deren weißer Kulisse nichts stattfindet als die tägliche Meditation. Ich brauche die Wand im Rücken und deshalb muss das Bücherregal verschwinden.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, raunt etwas, während ich versuche, meine Jazzkarriere mit einem Crescendo voranzutreiben. Meine Nackenmuskeln verspannen sich. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr, keckert es weiter.
Bullshit, sage ich laut. Lernen geht immer, bis ins hohe Alter. Schon mal was von neuronaler Plastizität gehört?

Ich lasse meinen Kopf Richtung Brust sinken, legen ihn leicht erst auf die linke, dann auf die rechte Seite, kreise die Schultern und schüttele mich wie ein Hund, der in einen Platzregen geraten ist.

Was, wenn sich Arbeit mit Vergnügen mischt? Wenn sie gemeinsame Sachen mache, unter eine Decke schlüpfen, nackt den Schlafsack am Lagerfeuer teilen?

So, wie es die Bücher der einstürzenden Türme gleich tun werden, weil sich die Hündin schnüffelnd zwischen die Büchertürme zwängt und ihre Rute aufgeregt in den Turbo schaltet.

Was, wenn ich das Gießkannenprinzip alter Glaubenssätze nicht anerkenne oder mich ihm sanft entwinde, entschwebe und im Gehen mit Blick über die Schulter sage, sorry, mit uns beiden, das passt nicht, versuch es ab jetzt bei jemand anderem, bitte, und Danke für Nichts.

Ich falte aus der flauschigen Kuscheldecke eine bequeme Unterlage und schiebe mir das Meditationsbänkchen unter den Hintern, schließe die Augen und atme. Ein und aus.

Spür die Kür, kommt aus dem Nichts. Spür die Kür! Und ich lächle, und mit dem Lächeln kommt die Erinnerung. Daran, dass da mehr ist zwischen Himmel und Erde. Mehr als das, was wir hier sehen und anfassen können. Dass wir mehr sind, als die materialisierte Schlacke, als die wir uns durch die Welt schieben.

Spür die Kür. Deine Kür. Da, wo du dich zutiefst berührt und bewegt fühlst, da geht es lang. Jetzt. Ohne Wenn und Aber.


Schönes Wochenende und bis bald.



Ein Kommentar

  1. Erstverschlimmerung. Als ich dieses Wort erstmals hörte, dachte ich nur f●●● dich. Und doch ist es so. Richte ich mein ganzes Bewusstsein auf einen realen großen Haufen Scheiße, wird er mir in seiner ganzen stinkenden Pracht bewusst. Mehr als je zuvor, nie war sein Gestank erhabener.

    Das Gute daran ist – in Richtung Licht und Liebe funktioniert das auch. Talsohlen und Berggipfel. Herkunft und angestrebtes Ziel. Kontraste und das Leben zwischen den Polen. Zwischen, nicht an. Oder nur selten an ☻

    Dir auch ein gutes Wochenende
    🙏🍀👋

    Gefällt 1 Person

    Antworten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s