Sex


Wie alte Segelschiffe aus Holz auf dem Trockendock, dachte ich heute Morgen, zum Verrotten freigegeben, schwelgte ich weiter, als ich meinen verträumten Blick über die Spalten der Lokalgazette gleiten ließ. Verschwommen erst, weil ich morgens noch weniger weiß, wo meine Lesebrille zu verweilen beliebt, als später am Tag, dann klarer:

Deutsche lieben Fernsehunterhaltung offenbar mehr als ihre Partner.

Bums. Oder eben nicht.
Was für eine Nachricht!

Auf die Frage, worauf wir nicht verzichten können, liegen wir knapp, aber klar vorne: Fernsehen. Und Streaming.

Ich ahne schon seit geraumer Zeit, dass Sport- und Tagesschau, Tatort und die fünf anderen Krimis von Montag bis Freitag eine enorme Attraktivität ausstrahlen und die Lust auf Mehr anstacheln.


Immerhin sind laut der kleinen Befragung der BKK pronova die jeweiligen Lebenspartnerinnen und Lebenspartner noch gleichauf mit Computer und Smartphone.
Männer verzichten übrigens trotz ihrer Vorliebe für Video & Co. besonders ungern auf Sex. Dass Frauen nicht ohne Süßigkeiten können, überrascht da nicht mehr. Irgendwo muss die Süße des Lebens ja herkommen.

Ich stutze und stelle fest, dass ich offenbar ein Mann bin. Für mich bitte lieber Sex als dreiunddreißig Gummibärchen. Obwohl ich bei einer Tüte Chips in eine konfliktträchtige Situation geriete und nicht mehr entscheiden könnte, ob ich nun so oder so oder doch anders…

Nach drei Stunden schweigsamem Glotzen auf einen Full HD Was Weiß Ich Bildschirm, einer Tüte Haribo und zehn himmlischen Champagner-Sahne-Trüffeln wird es weder prickelnd noch himmlisch, geschweige denn spritzig in den Gemächern.
Es mag Ausnahmen geben, aber ich behaupte, dass wir irgendeine Art von Sprache brauchen, um Lust auf Liebespiele zu bekommen.


Wie spannend kann der Drahtseilakt sein, Lustschlösser mit Worten zu bauen und die Taten frei von Druck folgen und in Erotik und Zärtlichkeit und all das fließen zu lassen, was uns berührt und anmacht?
Mit Worten spielen, anstatt zu schweigen oder jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Sich Geschichten erzählen oder vorlesen. Sich nah kommen und erfahren, etwas vom anderen wirklich in Erfahrung bringen; auch die vermeintlichen Abgründe, vor allem die.

Gestern bekam ich ein Video mit dem Titel Was ist Deine Geschichte? Ein Song von Keno, interpretiert von einem Chor, bestehend aus einigen Hundert Menschen aus allen Gebieten des Landes, initiiert von der ARD.
Ich saß da und war zu Tränen gerührt, berührt und gleichzeitig öffnete sich alles in mir. Ich zerfloss regelrecht.

Und darum geht es beim Sex. Dass wir uns anrühren lassen, um uns berühren lassen zu können. Dass wir uns öffnen, hingeben und frei werden vom Druck morallische Hirngespinste. Dass wir uns einlassen, uns auslassen. Weit werden, statt uns auf den Akt zu konzentrieren. Entspannen statt verspannen. Spielen!

Sex zur Befriedigung können wir haben. Rechner an, Porno hochgeladen, im wahrsten Sinne des Wortes und dann allein, allein den Sprint zum Gipfel?

Nichts gegen einen schönen Porno. Gar nichts gegen alles, wenn es guttut und gefällt und niemandem schadet.

Aber wenn wir uns die Tiefe von echter Nähe und zärtlicher Begegnung und Sex mit Lust und Humor dadurch versauen, dass wir aufhören, uns für die zu interessieren, von denen wir behaupten, sie zu lieben, dann läuft was schief, und zwar komplett.

Erzähl mir, was dich berührt, wie du dich berühren lassen willst; wo deine Berührungspunkte sind.
Erzähl mir deine Geschichte in der Sprache der Liebe. Spiel mit mir das Spiel der vertrauensvollen Hingabe.

Sexy Grüße!














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