Apfelkerne

Ich bin acht Jahre alt und kann gut lesen und schreiben. Lesen und schreiben sind wichtig. Wer lesen kann, dem kann man so schnell kein X für ein U vormachen. Lesen mit Betonung, so, dass es den Zuhörern Freude macht, zuzuhören. Anderen eine Freude zu machen ist wichtig.

In Schönschrift habe ich eine eins. Ich übe grazile, linientreue Schwünge, auch in Betragen in der Schule.
Und ich bekomme mein erstes Buch geschenkt, das kein Schulbuch ist. Keine Fibel, die präzise in eine schützende Folie eingeschlagen werden muss, so, dass sich keine Luftbläschen bilden. Das ist wichtig.

Ich mag die Bläschen, die unvermeidlichen und drücke meine kleinen Finger darauf, spüre ihren Widerstand, ihre Not, und steche mit einer Nadel hinein, um sie von ihrem Druck zu erlösen.

Martinas kleine Welt heißt mein erstes Buch. Martina wohnt mit ihren Eltern in einem Haus aus rotem Backstein am Rande einer großen Wiese. Martina ist eine kleine Träumerin.

Ich liebe dieses Buch und werde zu Martina, die auf der Wiese liegt und sich mit den Käfern und Gräsern unterhält und dabei die Welt um sich herum vergisst und in ihrer Fantasie mit den Wolken am Himmel schwebt.

Das Schlafzimmer meiner Eltern ist ein geheimnisvoller Raum. Der Kleiderschrank hat sechs Türen. Jede Tür ist ein Spiegel. Ich öffne die Türen und vervielfältige mich. Ich sehe mir alle Seiten von mir genau an, ziehe Grimassen und lache.

Ein sakraler Spiegelsaal. Er hat etwas Verbotenes. Er birgt kleine Abenteuer.
Vorsichtig öffne ich die hellbraune Schatulle aus Kunstleder. Ihre Fächer und Kästen sind mit schwarzem Samt gefüttert.

Ich nehme sie aus einem der Kästchen und lasse sie zwischen Daumen und Zeigefinger hin und hergleiten. Es ist ein unangenehmes Gefühl. Sie gleitet nicht. Sie sträubt sich und stellt ihre Stacheln auf. Trotzdem bin ich fasziniert. Ich lege sie mir um den Hals. Sie fällt an mir herunter bis über den Rand meiner kurze Hose, auf meine nackten Oberschenkel.

Die trockenen Enden der braunen Kerne sind spitz und hart. Sie stechen in die Haut am Nacken und in die Haut meiner Beine.
Ich mag meine kurze Hose aus strahlend blauem Trevira. Sie ist schick und bequem und ich trage sie den ganzen Sommer.
Die Kette aus Apfelkernen mag ich nicht. Es tut weh, sie zu tragen. Jeder einzelne Kern macht einen Schmerz. Zusammen sind es viele Schmerzen.

Als ich mit dir schwanger war, habe ich jeden Tag einen Apfel gegessen. Äpfel sind gesund. Und ich wollte, dass du gesund auf die Welt kommst. Eigentlich solltest du ein Junge werden. Eigentlich warst du gar nicht geplant. Ein Ausrutscher warst du. Die Kerne habe ich gesammelt und sie auf einen Faden gezogen, erzählt sie mir.

Ich bin ein Ausrutscher. Und es hört sich so an, als sei das nichts Gutes.

Mein Blick wandert zu dem Kreuz mit dem angenagelten Jesus, der eine Krone aus Dornen auf dem Kopf trägt. Rote Farbe klebt in seinem Gesicht. Sie klebt auch an seinen Händen und Füßen.

Ich lasse meine Finger in das kleine Becken sinken, das unter dem Kreuz an der Wand hängt. Es ist leer. Ich streiche über die raue Oberfläche, die der Kalk auf dem Boden und an den Rändern des Gefässes hinterlassen hat.

Warum ist Jesus nicht einfach weggelaufen? Wie kann man so dumm sein und sich an ein Kreuz nageln lassen? Ich stelle diese Fragen nicht.
Ich denke nur, dass die Krone aus Dornen sehr weh tun muss.
So wie die Kette aus spitzen Apfelkernen.

(c) ideenlese

8 Gedanken zu „Apfelkerne“

  1. Eigentlich – sind Kinder der Liebe eher selten.
    Kind der Liebe wurde ich genannt,
    wenn ich irgend etwas ausgefressen hatte.
    Und Strafe verdiente.

    Ein Spiel sollte ich mitspielen.
    Ein Familienstück – Vater, Mutter, Kind.
    Kein Lustspiel, eher Drama.
    Allseits.

    Kackspiel.

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