Briefe an einen Mörder

Langeoog Strand, privat



Das hatte ich ihr nicht zugetraut. Sie wirkte angepasst, brav, aufrecht und korrekt. Sie schreibe ihm seit mehr als zehn Jahren, sagt sie, begleite all seine Aufs und Abs zwischen verschobenen Vollzugsterminen und Wiederaufnahmeverfahren, tausche sich mit anderen Unterstützern aus.

Die Kandidaten im Todestrakt in einem Hochsicherheitsgefängnis in Texas sind überwiegend Farbige. Sie sitzen seit Jahrzehnten ein. Sie sind verurteilte Mörder, manche mit einer geringen Chance darauf, dass die Todesstrafe in ein Lebenslänglich umgewandelt wird, kaum jemand wird begnadigt.

Die Strafe wird per Giftspritze vollzogen. Der elektrische Stuhl hat sich als zu unzuverlässig und langwierig erwiesen. Texas im Jahr 2011

Viele von ihnen sitzen dort nicht, weil sie den ihnen angelasteten Mord wirklich begangen haben. Sie sitzen ein, weil sie die falsche Hautfarbe haben.

Wenn du interessiert bist, sagt sie, er hat einen Freund, der sich über Post freuen würde. Es geht ihm sehr schlecht, er ist einsam, hat keinen Kontakt mehr zu seiner Familie.

Will ich einem mutmaßlichen Mörder schreiben? Habe ich Mitgefühl mit einem Straftäter? Und was kann ich überhaupt schreiben heraus aus meiner aufgeräumten, bürgerlichen Blase, hinein in die Abgründe menschlichen Handelns? Ich denke lange darüber nach und dann lasse ich mir die Adresse geben.

Mein Englisch ist mäßig. Die Reaktionen meiner Familie ebenfalls. Du willst was? Einem Mörder schreiben?

Ich schreibe ihm. Wer ich bin, wie ich lebe, was ich mache, stelle vorsichtige Fragen und bekomme ein paar Wochen später eine Antwort mit Foto.

Ein junger, farbiger Mann noch keine dreißig Jahre alt, der seit seinem achtzehnten Lebensjahr in der Todeszelle sitzt, wegen Mordes unter Drogeneinfluss verurteilt und auf seine Hinrichtung wartet, schreibt mir von seinem Leben.

Abgesehen von einer Stunde Hofgang am Tag sitzt er in einer Einzelzelle und wartet auf den Termin seiner Hinrichtung, die von Anwälten immer wieder verzögert  wird, weil die Beweislage immer noch nicht eindeutig ist.

Wir werden uns nie darüber austauschen, ob er die Tat begangen hat. Ich frage ihn nicht danach, weil es mir zu plump erscheint und weil die Antwort nichts ändern würde, nichts daran, dass er ein Mensch ist. Einer, der mutmaßlich eine furchtbare Tat begangen hat und dafür nach US-amerikanischem Recht mit seinem Leben büßen wird.

Ob das angebracht oder gerecht ist? Ich bin gegen die Todesstrafe.

Er hat eine junge Frau getötet, erschlagen mit einem Baseballschläger. Sie war so alt wie er. Achtzehn Jahre alt. Er hat sie mit grober Gewalt um ihr Leben gebracht, dafür wird er angeklagt, dafür sitzt er ein, dafür wird er hingerichtet. Wann das sein wird? Einen Termin gab es schon, vielleicht zwei, sie wurden aufgeschoben.

Er schreibt Gedichte von Hoffnung und Liebe, zeichnet Mandalas, sucht nach Wegen, die Hoffnung am Leben zu halten. Er schreibt von seiner Mutter, die ihn schon seit Jahren nicht mehr besucht, von einer Schwester, die sich anfangs noch für ihn einsetzte, von der er inzwischen auch nichts mehr hört.

Er schreibt von Anwälten und einer Organisation, die sich gegen die Todesstrafe engagieren. Er schreibt, dass vor einigen Tagen nach etlichen Monaten Pause wieder einer mit der Spritze hingerichtet wurde. Er schreibt von Angst, Träumen und Depressionen. Er schreibt darüber, wie gerne er spazieren gehen und Basketball spielen würde.

Als er nach einigen Monaten anfängt, mir Liebebriefe zu schreiben, schreibe ich nicht mehr zurück. Ich will nicht, dass sich ein verurteilter Mörder in mich verliebt und gleichzeitig scheue ich mich davor, diesen jungen Mann zu verletzen, weil ich sein Verliebtsein nicht erwidere.

Meine Verwirrung war groß damals. Von Anfang an. Wie schreibe ich einem Mörder? Was schreibe ich ihm? Wie schütze ich mich davor, Vorlage sexueller Fantasien zu sein?

Ich habe es versucht und noch heute spüre ich, wie es sich anfühlte. Verworren und zwiegespalten zwischen der Ablehnung und dem Schrecken vor menschlichem Handeln und dem Erkennen des Menschlichen genau darin.

Ich weiß nicht, ob er noch lebt.
Weder seine Hinrichtung noch seine Reue bringen das Opfer ins Leben zurück und mildern den Schmerz der Angehörigen.

In einem Brief schreibt er, dass alles, was ihn am Leben hält, die Liebe ist und die Gedichte, die er über die Suche nach der Liebe schreibt.

Briefe von einem Mörder.






2 Gedanken zu „Briefe an einen Mörder“

  1. Eine schreckliche Geschichte, die leider nicht aus dem Mittelalter stammt, sondern Realität ist, im Hier und Jetzt mancher Staaten. Auch ich lehne die Todesstrafe ab. Damit begibt sich der Staat auf die Stufe des Mörders…vielleicht noch darunter. Jeder Mensch tut mir leid, der solange auf seinen angeordneten Tod im Gefängnis wartet. Auge um Auge, Zahn um Zahn? Das Mädchen hatte damals keine Chance. Trotzdem sollte er eine haben. Schließlich war er erst 18. Was oder wer war in ihn gefahren, zur Zeit des Todschlags? Der böse Geist ist doch lange schon fort! Ich wünsche ihm Frieden…egal, wo seine Seele jetzt ist. LG Gisela

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