Allgemein, For Future

Frage an den Metzger

Kürzlich lief ich an einer Weide vorbei, auf der sieben Kühe grasten. Sie standen da, vertieft in ihr Tun, Selbstverständnis von Nichtstun, hielten inne, als sie mich kommen sahen, die Köpfe hebend, neugierig schauend, was ich wohl vorhabe.

Ich tat es ihnen gleich und entschied mich für Stehen und Grasen. Reihte mich ein in die Ordnung der Herde und ihren subtilen Regeln. Was unterscheidet mich schließlich von einer Kuh? Das Gewicht? Angesichts fehlender Bewegung nur noch ein paar Gramm. Intelligenz? Ein verschwindend geringer Prozentsatz, wenn überhaupt.

Die Leitkuh setzte sich gemächlich in Bewegung, kam so nah wie der trennende Elektrozaun es zuließ an mich heran und sah mich an. Große, braune Augen, umrahmt von langen Wimpern in leichtem Aufwärtsschwung, dicht an dicht wie fein gewebte Seidenfäden.
Anmutig klar der Blick, unbeeindruckt von der Fliege, die sich im inneren Augenwinkel niederließ, unbeeindruckt auch von mir, sah sie mich an.

Ihr Blick ruhte in meinem, meiner in ihrem. Ein friedlicher, heiliger Moment. Ein Eintauchen einer Seele in eine andere. Eine Verbindung von einem Wesen zu einem anderen, mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede.

Auf dem Rückweg ging ich über den Dorfplatz, vorbei am Bäcker und am Metzger.

Wie macht er das, fragte ich mich, wie kriegt er das hin?
Lässt er es erledigen?
Er kann es nicht, wenn er der Kuh in die Augen schaut.

Wer könnte das schon? Bilder aus Kindertagen steigen in mir hoch, eine schreiende Kuh voller Angst, panisch, riesige, flutschige Fladen ablassend, die Augen weit aufgerissen, getrieben mit einem Elektroschocker durch die enge Gasse in den Schlachthof der Fleischerei.

Was macht er, der Schlachter, wenn immer mehr von uns den Kühen in die Augen schauen?
Was macht er, wenn sich kurz vor dem, was berufsbedingt so sein muss, die Kuh ihn so anschaut, wie sie mich angeschaut hat?

Was, wenn wir hautnah, in uns spüren, dass da gar kein Unterscheid ist zwischen uns und den Kühen und Schweinen und anderen sogenannten Nutztieren? Weil wir es in ihrem Blick erkennen. Weil wir sie sehen. Und weil sie uns sehen. Erkennen. Auf ihre Art. Auf unsere Art.

Was macht der Metzger, wenn seine Kunden, anstatt das Fleisch in seinem Laden zu kaufen, lieber zusammen mit den Kühen auf der Weide stehen und Grasen?

Ich habe keine Lust auf erhobene Zeigefinger, auf Verurteilungen, auf Bewertungen, auf all den Quatsch, der uns voneinander trennt, anstatt uns zueinander zu führen.
Ich habe keine Lust mehr auf Ausflüchte und Spielchen, halbe Wahrheiten, Vertröstungen und irgendwelchen Egoschrott.

Jeder wie er kann. Das Beste ist ein individuelles Gut.

Und die Freiheit ist ein sehr hohes, sehr fragiles Gut!

Ich bin jedenfalls so frei, allen Wesen erst einmal tief und lange in die Augen zu schauen, bevor ich sie in mein Leben lasse.
Dass ich irgendein Wesen dann zum Fressen gernhabe, davor mögen mich meine Vernunft und meine Feinfühligkeit weiterhin bewahren.

Mögen die Augen nicht größer sein als der Mund. Mögen sie stattdessen lieber eine Koalition mit der Intuition, dem Verstand, mit der Liebe bilden.

Ich wüsste gerne, wie der Metzger das sieht und über seine Zukunft denkt.

©ideenlese

Sie haben Fragen oder möchten mir eine Privatnachricht schicken?
Senden Sie mir diese gern an: post@ideenlese.de

Standard

18 Gedanken zu “Frage an den Metzger

  1. Es gibt andere Möglichkeiten, ohne dieses widerliche Treiben. Die muss man sich verdient haben. Der Spruch galt nur rhetorisch Dir, gemeint war der Rest vom Wir.

    Gefällt mir

  2. Viele Wege führen zum Ziel, selbst dann, wenn man keins hat.
    Und die eigene Erfahrung, der Lernprozesse, wow, jede Menge Schmerzen und schließlich – wenns gelingt – eine Art Transformation?
    Bei allem so wenig Krampf und Dogma wie möglich.
    Fromme Wünsche meines inneren Sonnenscheins 🙂
    Danke für Lesen und Kommentieren!

    Gefällt 1 Person

  3. Selbst esse ich kaum mehr Fleisch, ernähre mich überwiegend vegetarisch. Käse und Eier ja, „rotes“ Fleisch, also Rind und Schwein so gut wie nie, allenfalls als Gast, aus Höflichkeit. Manchmal Geflügel, wenn dann von denen, die zumindest ein Leben draußen hatten. Öfter mal Fisch. Eiweiße beziehe ich aus Tofu-Variationen, in Kombi mit gutem Öl, das beim erschließen der pflanzlichen Eiweiße hilfreich ist. Gilt auch für Nüsse & Hülsenfrüchte, dito gute Eiweißlieferanten.

    Dahin gekommen bin ich nicht aus Einsicht, sondern wegen Aua. Arthrose, Arthritis usw. Geht seitdem deutlich besser. Später kam die Einsicht hinzu, was wir unserer Schöpfung antun, mit der ungezügelten Fresserei.

    Liebe Grüße!

    Gefällt mir

  4. Wenn dann weniger Tiere in die Ställe müssten, gerne. Übrigens trägt wohl die katholische Kirche eine Hauptschuld am Fleischkonsum. Das vegetarische Leben war nämlich unter Todesstrafe verboten.
    LG

    Gefällt mir

  5. Danke, dass du dir einmal mehr Zeit für einen ausführlichen Kommentar genommen hast, liebe Gisela.
    Nur eines dieser ganz großen Themen. Ethik, Auswirkungen auf das Klima, Gesundheit von Mensch und Tier, etc. pp.
    Es nützt wohl wenig, wenn ein paar perfekte Veganer auf tierische Produkte verzichten.
    Wenn aber Millionen bewusster, weniger Tier konsumieren, dann ist das ein Schritt in die richtige Richtung.
    Übrigens, wie ich finde, in allen Konsumbereichen.

    Und, wie du ja zitiertst, ist das Thema mindestens 2500 Jahre alt.
    Es gab schon immer Vegetarier und Fleischgenießer; und solche, die dem Sowohl-als-auch den Vozug vor dem Entweder-Oder geben.
    In diesem Sinne, warum nicht glückliche Golfer? 😉

    Gefällt 1 Person

  6. Liebe Lotte,
    ich gebe zu, ich bin Fleischesser. Zwar wenig, so dreimal im Monat, aber das war auch ein Tier…oder drei. Reduziert habe ich schon lange meinen Fleisch-Konsum. Tragisch finde ich, wenn Tiere ‚produziert‘ werden, wenn man sie quält und bestialisch schlachtet. Kühe gehören m. E. auf die Weiden und Schweine ebenfalls ins Freiland, Hühner sowieso. Aber die Versiegelung der Grünflächen lohnt sich wohl finanziell für die Bauern. Glückliche Golfer anstatt glückliche Tiere.

    Man stelle sich vor, niemand isst mehr Fleisch. Dann würden die Nutztiere aussterben.
    Ich versuche, den Mittelweg zu gehen. Frischfleisch bekommen nur meine Katzen und ich manchmal Wurst aus artgerechter Haltung.
    Nachdenkliches von Ephides: https://www.gottes-bilderbuch.de/Tierseelen

    Liebe Grüße und danke für den Beitrag, Gisela

    Gefällt 1 Person

  7. Danke für deinen Kommentar, lieber Stefan. Ein Thema, das man rsp frau sicherlich konsequenter und umfänglicher verfolgen muss, kann, sollte.
    Das jedoch an anderer Stelle.
    Hier auf Ideenlese lebt eine niederschwellige Lyrik ihren Eigensinn aus 😉
    LG

    Gefällt 1 Person

  8. Die meisten Fleischereien heutzutage lassen es erledigen: In Großschlachthöfen, die täglich so viele töten, dass sie nie überhaupt die Zeit haben werden, ihnen vorher in die Augen zu schauen. In die Augen, die schon auf den langen Wegen dorthin in engen LKWs vermutlich einen großen Teil ihres Glanzes verloren haben… . Von dem Ergebnis dessen landet nur ein sehr geringer Teil bei deinem Metzger, ein großer Teil wird exportiert. Oder ist gar „Schlachtabfall“ (der aber vielleicht als Tierfutter dient?).

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s